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[ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] GESCHICHTEGeschichte und die mit ihr verbundene Problematik spielen beim Adapter-Konzept ebenfalls eine große Rolle. Für Wiener ist Geschichte "durch das junktim mit dem 'geschichtlichen erbe'" (CXLVII) diskreditiert. Die Geschichte wird als Übel angesehen, sie offenbart sich als Zufalls- und Irrweg. Wiener hat insbesondere das Ende der Geschichte vor Augen: "es wird schön langsam zeit die zukunft abzuschaffen. nach der theologie kommt jetzt die wissenschaft an die reihe" (XXXII, der hass auf die geschichte.). Er verkündet sogar: "die welt soll endlich aufhören! die letzten dinge sind ein knüller." (LII) und denkt gleich an die gänzliche Abschaffung der Welt. Provokativ formuliert lesen wir auch: "wieso muss die menschheit das jahr 2000 überleben?" (CXL). Für Wiener muß Geschichte wegen ihrer traditionsbildenden Kraft abgeschafft werden. Im Laufe der Zeit verkrusten sich Werte zu Gesellschaftssystemen und gewinnen so den Anschein gültiger und besser zu sein und die Welt richtig zu interpretieren. Es kommt zu einem ein Monopol der richtigen Weltanschauung. Der Bio-Adapter--"ein versuch der desertion aller weltbilder und der geschichte (deren frucht er ja, letzten endes, ist)" (CXXXIV)--leitet dabei die "auflösung der geschichte in wohlgefallen; das ausrollen der neuzeit in kybernetik" (CXXXIV) ein. Der Adapter steht am Ende der bisherigen Geschichte und ist zugleich deren letztes, höchstes Produkt(87). Er steht an der Schwelle und ist sowohl Endpunkt--ist also noch eine Phase der Geschichte--als auch zugleich deren Überwindung. Im Übrigen zweifelt Wiener am geschichtlichen Fortschritt:
das arschloch im laboratorium spottet über da arschloch im pfahlbau und gibt damit vor, dass die neuzeit die erfüllung der damaligen ideale geworden ist. (XXXVIII) Erst durch den Adapter löst sich der Mensch von geschichtlichen Zwängen und wird (wieder) eigentlich(88). Nötig ist ein völlig neues, unbelastetes Bewußtsein, und darin liegt die Utopie des Adapters: eine neue Phase der Geschichte beginnt mit dem neuen Bewußtsein. Der Adapter bedeutet für seinen "Inhalt" das ewige Leben, denn der Adapter ist das Ende der Geschichte, und was folgt, ist ein gleichförmiger Zustand. Allerdings ist dieser Aspekt irrelevant, da die Zielsetzung eine andere ist. Der Mensch wird aufgehoben (zuerst durch Eliminierung des Körpers, später durch das In-sich-ruhen des Bewußtseins im Adapter), und es existiert kein Individuum mehr, das Zeit erfährt. Als Folge gibt es nichts mehr, das Geschichte genannt werden könnte, nur mehr die Gleichförmigkeit einer letztlich unbewußten, zeit-losen Existenz. Die Geschichte ist aufgehoben, denn Zeit ist im Adapter quasi bedeutungslos, da das Bewußtsein kosmisch-ewig wird. Auch Regeneration bzw. Fortpflanzung werden überflüssig, die Adapterwelt mündet in identische Perpetuierung. Wiener ersetzt das Weltende durch den Adapter. Er schafft den Tod ab (mit dem Leben), ist das Ende der Zeit und gleichzeitig selbst die Endgültigkeit: "(...) der weg durch die Zeiten ist absolviert" (CXLIII; vgl. dort auch seine Ausführungen über die Rolle der Demokratie, die ein sehr ähnliches Ziel habe). Nach Wiener ist die moderne Gesellschaft (=Demokratie) auf dieses Ziel--Stabilität--ausgerichtet (vorerst mit anderen, nicht-technischen Mitteln, allem voran der Sprache):
(...) um eine soziologie zu materialisieren, welche füglich als letzter streich eines jahrtausendealten ringens um stabilisierung, d.h. verstaatlichung, der natur gelten muss, und die dieser gesellschaft mit ihren hinfort austauschbaren generationen den charakter eines museums für marsmenschen anzumerken sich erfunden fühlt. (CXLI) Erst nach dem Abschluß der Adapter-Phase beginnt das "wahre" Leben: eine zeit-lose, geschichts-lose, problem-lose Welt ist geschaffen, und unmittelbare, ungebundene Erfahrung wird möglich. Anmerkung 1 (CLIV) deutet an, worum es auch Wiener geht: das Paradies. Es steht--bei Wiener metaphorisch--sowohl am Anfang als auch am Ende der Geschichte:
zudem macht meines erachtens der unterschied zwischen den ins paradies geborenen und den nach umrundung der wirklichkeit dort wieder einlangenden doch etwas aus. (Anmerkung 1, CLIV) Die Frage ist, was dieser Unterschied "ausmacht", und warum. Zuerst will Wiener sich von den "Glücklichen" abheben, die nicht erst die--mit Problemen sprachlicher Natur beschwerte--Wirklichkeit "umrunden" mußten. Die ins Paradies geborenen werden zurückgesetzt und ein Intellektueller wie Wiener steht besser da, da er zu denen gehört, die die Welt "umrundet" haben. Intellektuelles Verstehen des Prozesses und Erkenntnis über das Leben sind also wichtig (selbst wenn es nur die Feststellung der Sinnlosigkeit wäre). Ein christlicher Einfluß ist ebenfalls offensichtlich: das Bild des Falls, der Verstoßung aus dem Paradies, die menschliche Geschichte, und am Ende des individuellen Lebens--"die Erde ist ein Jammertal"--wieder die Heimkehr und der Eintritt in das Paradies (ebenso die Zirkularität der Geschichte, wie die Wortwahl zeigt: "umrunden" der Wirklichkeit, und "wieder einlangen", d.h. man war vorher schon dort). Hierin offenbaren sich säkularisiertes eschatologisch-teleologisches Denken und das religiöse Element von Erlösung und Rettung. Eschatologie, ein Begriff der christlichen Theologie, befaßt sich mit den (individuell und kollektiv) letzten Dingen, dem endgültigen Schicksal der Menschen. Es war dort auf das Ende der Welt und das Kommen des Messias, des Erlösers ausgerichtet. Teleologie (im Christentum) ist auf ein letztes Ziel am Ende der Geschichte gerichtetes Denken. Es zeigen sich auch Parallelen zu marxistischem (und christlichem) Denken. Dort wird die Entwicklung der Geschichte einmal einen Zeitpunkt erreichen, der das Ende des bisherigen Verlaufes bedeutet. An diesem Zeitpunkt ereignet sich ein qualitativer Sprung in einen vollendeten, paradiesischen Zustand. Im Marxismus ist dieser Zustand diesseitig, im Christentum jenseitig. In den Vorstellungen beider Ideologien ist das Paradies ein seliger, beschreibungsloser Zustand fern aller gegenwärtiger Probleme, ebenso fern wie der Geschichte und mit ihr der Vergänglichkeit. Im Marxismus nimmt die klassenlose Gesellschaft die Stelle des Paradieses ein. Wieners "Hoffnung", sein utopischer Entwurf ist, daß der Mensch sich durch den Adapter eliminiert und so sein illusionäres "Paradies" auf Erden schafft. Hinter diesem Konstrukt Wieners verbirgt sich auch die eigenartige Teleologie, daß das angeblich evolutionäre Ziel auf Erden eine Maschine, nämlich der Bio-Adapter (oder zumindest etwas ähnliches) sei, da erst er das allseitige Glück gewährleiste. Der Adapter bietet ein entpersonalisiertes, irdisches, ewiges Paradies wissenschaftlich-technologischer Prägung. Die Maschine ersetzt den Messias. Es gleicht funktionell dem Paradies, wird aber nicht mehr in seinen Ursprüngen und seiner Aufmachung erkannt. Wieners Paradies ist irdisch-weltlich, und es ist geistig, aber nicht körperlich. Es ist ein Bewußtseinszustand, und im Adapter nur noch minimal materiell gebunden, also kaum örtlich festlegbar. Dies kann zum Teil eine Parodie auf das Christentum sein. Wieners Adapter nimmt dabei die Stelle des Paradieses ein. Gott und Transzendenz sind abgeschafft ebenso wie die von Karl Marx geforderte Verantwortlichkeit des sozialen Verhaltens. Wenn man den Adapter als Metapher versteht, bedeutet das, daß die Menschheit in einem Nirwana-ähnlichen "Raum" endete: der Adapter ist dieses technisches Nirwana. Die Mittel zur Erlangung des jeweiligen Paradieses sind der Messias, das Proletariat bzw. der Adapter. Wo bei Marxismus und Christentum humanistisch gedacht wird, denkt Wiener technisch. Er glaubt auch nicht an Aufklärung, sondern bleibt fatalistisch. Wiener war sich gewisser Widersprüche in seinem Ansatz bewußt. Er schreibt:
was tun. Dies wäre seine Selbstkritik, da sein postuliertes Bedürfnis, sein "Letztes" ebenfalls Glück ist, und folglich diese Aussage auch auf den Adapter bzw. seinen Propagator--also Wiener selbst--zuträfe. Er wäre einer der Propheten der Avantgarde, und sein Letztes ist der Adapter. Daher dürfen wir annehmen, daß der Adapter eine Kritik dieses eschatologisch-teleologischen Denkens darstellt(89). In bestimmten Elementen kommt bei Wiener eine Art von Endzeitdenken zum Vorschein. Er verkündet prophetisch: "(...) endgültigkeit. in diesem jahrhundert werden die letzten worte gesprochen" (CXLIV), und bereits auf früher hieß es:
geschichte, massnahme, Die Zukunft hängt ab von der Vergangenheit und Gegenwart des Individuums, das den "toten punkt" darstellt. Der Adapter hilft, diesen zu überwinden. [ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] [ Zum Seitenanfang ] Anmerkungen (87) Im zeitgenössischen Denken nimmt "die Bombe", der nukleare Holocaust, eine entsprechende Stellung ein. Wiener ist weniger apokalyptisch oder vom Atombombenbewußtsein geprägt als kulturpessimistisch. [Zurück] (88) Fußnote 1: es gibt ein Paradies jenseits der "Wirklichkeit" wie wir sie verstehen--im Adapter. Vgl. virtual reality, wo es langfristig zu etwas Ähnlichem kommen könnte. [Zurück] (89) Offensichtlich taucht wieder das Element der Gewalt auf. Grobheit war Wiener nicht fremd. Ein--nicht ganz ernst zu nehmendes Zeugnis--ist ein "Chanson" Wieners und Bayers: ollas mid gewoit [ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] [ Zum Seitenanfang ] |