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[ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] GLÜCK UND BEFRIEDIGUNGDas Streben nach Glück ist nach Aristoteles das zentrale Anliegen menschlicher Existenz. In der amerikanischen Verfassung mit ihrem individualistischen pursuit of happiness findet dies Eingang in die Politik. Die Abschnitte über den Adapter, besonders "Appendix A", sind eine Utopie, in der Wiener sich mit dem Unternehmen "Glück für alle" auseinandersetzt und Aspekte der Erreichbarkeit desselben aufzeigt. Erreichbarkeit bedeutet dabei vor allem die technisch-materielle Machbarkeit und Herstellbarkeit eines Apparates, der für totale, sofortige Befriedigung aller sowohl sinnlicher als auch intellektueller Bedürfnisse sorgt (CLXXVI). Der unbefriedigte Mensch--von dem während der sexuellen Revolution in den 60er Jahren, als der Roman verfaßt wurde, viel die Rede war--wird postuliert (CLXXVI). Es bestehen Zusammenhänge mit dem Wiener Aktionismus, der unter anderem die sexuelle Befreiung zum Ziel hatte. Zwischenmenschliche Beziehungen und Beziehungsschwierigkeiten, sexuelle Frustration, überhaupt Lust und deren fehlende Befriedigung werden im Adapter aufgehoben (in gewisser Weise wird auch der Tod als Erfahrung dargestellt). Der Adapter macht all das überflüssig durch sofortige Erfüllung aller Bedürfnisse und Wünsche. Dabei ist zuerst an alles gedacht, was mit "ekstase" zu tun hat (CLXXXI: "in der raserei kündigen phantastische irruminationen veränderungen der wirklichkeit"--um diese "Veränderungen" geht es), vor allem sexuellen Bedürfnissen (CLXXX). Wo immer es negative Gefühle gibt, werden sie in positive umgewandelt. Der Adapter gewährt die endgültige, vollständige Befreiung der Menschen. Der als "glücksanzug" und "servo-narziss" (CLXXV) umschriebene Bio-Adapter erkennt und wandelt alle Bedürfnisse und Lustimpulse des Menschen um, gibt sie zurück und erfüllt sie (CLXXV). Bedürfnisse und Lüste werden schließlich vom Adapter erzeugt; es entsteht ein feedback-loop zur Erhöhung des Lustgewinnes und der Befriedigung. Die abschließende Vereinigung der (Nerven-) Systeme und der Adapter-Maschine, soll das Zusammenspiel zwischen Lust und Befriedigung so schnell und unmittelbar wie möglich machen (CLXXXI)(84). Der Reiz-Reaktions-Informationsaustausch wird direkt: "er [das Bio-Modul, HK] besteht ja ausschliesslich aus bewusstsein, und dieses erfährt in schüben grandiose ausweitungen" (CLXXXII). Am Ende wird der Adapter unabhängig und übt selbständig die Herrschaft aus, er hat alles unter Kontrolle: seinen Inhalt (das fast gänzlich von Materie gelöste Bewußtsein) und sich selbst. Das Leben des Individuums findet bald ausschließlich im Adapter statt. Zwischen dem simulierten Leben im Adapter und dem "echten" Leben gibt es bald keine Unterschiede mehr, d.h. im Grunde gibt es bald sehr viele Unterschiede, die aber alle qualitativer Natur sind. Diese Unterschiede sprechen gegen das "echte", "eigentliche", "natürliche" Leben wie wir es kennen, und für den Adapter. Der Adapter bietet alles, was im sogenannten normalen Leben gemeinhin nicht oder nur unter großen Anstrengungen und Opfern erlangt werden kann, z.B. sofortige Wunscherfüllung. Wiener impliziert, daß es nichts ausmache in einer Maschine zu leben und alles vorgespielt zu bekommen und mehr oder weniger im Rausch und der Illusionswelt des Adapters zu leben statt außerhalb seiner, wo es nur Probleme, Frustrationen und Ängste gibt--vor allem dann nicht, wenn die Menschheit als Ziel des Fortschritts Friede, Gerechtigkeit und besonders Glück hat--und gerade Glück (in der Form völliger Freiheit) wird vom Adapter angeboten. Der Adapter kann in diesem Sinne auch eine Satire auf Religionen sein insofern Anliegen und Ziel dasselbe sind: ewiges Glück im Paradies (respektive Bedürfniserfüllung im Adapter; Wiener nennt es "schlaraffenland", CXLVIII). Wieners Kritik dabei gilt dem sogenannten echten, direkten Leben. Obwohl Wiener offenbar ein unvermitteltes, nicht erfaßbares Leben ansetzt (jenseits der Sprache--er konstatiert "die hegemonie der sprache" (CL)), demonstriert der Adapter, daß es ein solches nicht gibt. In gewisser Weise gibt es keinen grundsätzlichen, entscheidenden Unterschied zu heute, zum "realen" Leben, da die Problemlage auch ohne Adapter dieselbe ist. Auf den Adapter übertragen hieße das, daß er dem Menschen eine Welt wie er sie will anbietet, und so wird durch Ausschalten der "echten" Welt das Leben vereinfacht. Eine wirkliche Lebensbewältigung wird umgangen, der Mensch wird dem Dilemma zwischen Lebensangst und Todesfurcht entzogen (CLXXV). In realistischen Romanen etwa werden Probleme aufgeworfen und dann z.B. durch Diskussion oder Entwicklungen gelöst oder wenigstens verdeutlicht(85). Der Leser lernt vielleicht etwas über gesellschaftliche Zustände und wie man sich darin verhalten kann (oder nicht). In der Verbesserung ist das nicht der Fall. Anders als in "herkömmlichen" Romanen werden vorhandene Probleme nicht dargestellt oder durch Diskussionen, Konflikte usw. gelöst, sondern durch den Adapter schlichtweg aufgehoben. Sie werden konstatiert und weggewischt. Der Bio-Adapter ersetzt den Kosmos. Die Probleme werden durch die Abschaffung der Ursachen gelöst, d.h. sprachlich: sie werden wegdefiniert. Die Aufhebung (oder soll man sagen Abschaffung) des Individuums ermöglicht Glück (bzw. etwas, das jenseits davon ist, denn "Glück" ist auch eine sprachliche Vorstellung). Kritik, Revolten und Revolutionen tragen nur zur Verfestigung des status quo bei, anstatt wirklich damit zu brechen, daß sie auf Sprache gegründet sind: "die veränderung: auch dies ein wesenloser begriff, eine ausgeburt der sprache" (LXXXIX). Dies deutet an, daß es letztlich keinen Ausweg gibt außer entweder alles abzuschaffen--und er sagt das: "verbessern ist nie das richtige sondern abschaffen" (LXX)(86)--oder indem man sich auf im Grunde notwendig konforme Revolten beschränkt, die bestenfalls Sand im Getriebe sind, aber nichts wirklich ändern. Zuerst--aber nicht ausschließlich--wollte er sicher Österreich kritisieren, das sich gerne als im Zentrum Mitteleuropas sah. Wiener schließt auch Westeuropa und die ganzen (westlichen) Industrienationen in seine Kritik ein. Daß er sich in seiner Kritik auf Mitteleuropa beschränkt, kann auch andeuten, daß er andere Regionen der Welt noch nicht als hoffnungslos verloren betrachtete. Allerdings ist der Titel, wie es im Text steht, beliebig und sagt per se noch nichts über Wieners Anliegen:
sie stellten sich in ihren äusserungen neben die gesellschaft, aber nur um sie besser sehen zu können, und sie arbeiteten an ihr um sie zu verbessern und sie wussten schon wie sie auszusehen hatte. ganz ähnlich ist es damals mir gegangen, und darum habe ich meinen roman ja auch "die verbesserung von mitteleuropa" genannt, damals, und als ich an mitteleuropa ohne besonderen grund das interesse verloren hatte wars noch immer ein schöner titel, und mitteleuropa wurde immer schöner je weiter ich davon wegkam, und weiss gott ich bin ganz gut im rennen. (CXX) Wieners Vorwurf an das Leben--es kann nicht verbessert werden--schließt ihn selbst und sein Werk ein, denn er ist ja ein Teil und Produkt desselben, und steht nicht außerhalb auf einem archimedischen Punkt der Objektivität. Der Widerspruch besteht darin, daß er Sprache mit Sprache kritisiert. Man muß ihm aber diesen Widerspruch zugestehen, denn gerade er verdeutlicht dieses Dilemma und diese Problematik, aus denen es scheinbar keinen Ausweg gibt, und auch nicht geben kann:
alles ist schöpfung, auch der nihilismus ist schöpfung. Während dem Adapterinhalt (dem Menschen) das Gefühl totaler Individualität vermittelt wird--alles geschieht wegen ihm und für ihn--wird er entmündigt. Ironisch nennt Wiener den Adapter "wohlwollende instanz" (CLXXVI). Es herrscht vollständige Bewußtseinsmanipulation. [ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] [ Zum Seitenanfang ] Anmerkungen (84) In Woody Allens Film Sleeper benutzen die Menschen der Zukunft eine Orgasmus-Maschine ("orgasmatron") zur sexuellen Befriedigung. (Dies ist wohl eine Persiflage von Wilhelm Reichs Theorien und seiner Orgon-Maschine). Diese Maschine ist tubenförmig, und Wieners Adapter können wir uns ähnlich vorstellen. Eine solche Vorrichtung ist ein beliebtes Modell der Popkultur, geschaffen zur Flucht vor der Welt. Ein anderes Beispiel sind die bereits erwähnten Entwürfe von Martyn Dean (in Roger Dean, Views, 129-33). [Zurück] (85) Je nachdem, was man als "real" und wie man dessen Abbildung definiert, gibt es verschiedene Arten von Realismus, vgl. die Realismusdebatte in der Literatur. Wiener stellt das Konzept "Realität" als solches in Frage; es gibt sie immer nur als sprachlich vermittelte. Zur Realismusdebatte vgl. die von Richard Brinkmann herausgegebene Aufsatzsammlung Begriffsbestimmung des Literarischen Realismus (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1974). [Zurück] (86) Etwas ähnliches klingt später in Thomas Bernhards Der Weltverbesserer (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1982) an, der verkündet, die Welt könne man nur verbessern indem man sie abschaffe. [Zurück] [ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] [ Zum Seitenanfang ] |