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ANTHROPOLOGIE

Das Konzept des Bio-Adapters hat Berührungspunkte mit anthropologischen Fragestellungen und Problemen. Wiener will die Befreiung und Erhöhung der sinnlichen Erfahrungen des Menschen von der Einschränkung durch Sprache. Der Adapter führt letztendlich hingegen zur Abschaffung des Menschen, wie wir glauben ihn zu kennen bzw. anthropologisch definieren zu können. Für Wiener ist der Mensch nicht die Krone der Schöpfung. Er wird abfällig "schleimklumpen" (CLXXV), später auch "bio-modul" (CLXXVIII) genannt. Diese Wortwahl dient verschiedenen Zwecken: der Provokation des Lesers und der Erweckung eines wissenschaftlichen Anscheins. Daß der Mensch nicht wie ein Tier spezialisiert und für ein bestimmtes Leben ausgerüstet ist, wurde bisher eher als Vorteil angesehen. Der Mensch sah sich als kaum eingeschränktes, vielseitiges Lebewesen, der es sich überall auf der Welt einrichten kann. Bei Wiener ist er für das Leben nicht gut ausgerüstet und versucht, mit einer Maschine seine Ziele zu erreichen. Erst im und mit dem Adapter wird der Mensch wahrhaft souverän, denn er löst sich vom Kosmos. Auf seiner Suche nach Sinn und Befriedigung muß der Mensch die Welt transzendieren, da sie kein Ergebnis verspricht: "selbst der kosmos ist ungenügend" (CLXXVI). Wiener spricht von einer "liquidation des homo sapiens" und einer "trockenlegung des kosmos" (CLXXV), die der Adapter erreicht: er "reduziert das all auf den status einer unterhaltsamen ... fabel" (LXXV). Dies ist seine ironisch vorgetragene utopische Perspektive.

Kein Mensch ist bei der Geburt definitiv bestimmt ist, eine vorbestimmte Seele z.B. gibt es nicht. Das gesamte Leben des Menschen wird von verschiedenen Faktoren bestimmt, die als "natürlich" angesehen und daher akzeptiert und verteidigt werden. Im Grunde sind diese Faktoren und Umstände aber prinzipiell nicht qualitativ verschieden von "künstlichen", technischen Mittel und haben deshalb auch keinen Vorrang. Der Adapter bietet nur wesentlich mehr Möglichkeiten, sich zu definieren.

Der Adapter als Metapher steht für die Beliebigkeit der menschlichen Natur. Der "natürliche" Mensch--was immer das sein mag--verschwindet im Adapter, und es muß sich erst herausstellen, was natürlich ist. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, daß es den "natürlichen Menschen" ebensowenig gibt wie ein echtes, unverfälschtes Leben (wie im Paradies). Es bleibt offen, wie das "echte Leben" jenseits von Sprache und Gesellschaft aussieht, das Wiener zu vermuten scheint.

Der Bio-Adapter war in den 60er Jahren nur ein gedanklicher Umriß, eine Spekulation ohne Details in der Ausführung oder zeitliche Prognosen für seine Verwirklichung. Wiener war von 1960 bis 1967, noch in der Frühzeit der Computer, Direktor der Computerabteilung bei Olivetti-Österreich. Es ist anzunehmen, daß der Adapter nach Wieners Meinung möglich und machbar ist. Seinem vorgeblichen Optimismus kann auch schlicht eine Überschätzung des Computers und der Technik im Allgemeinen in den 60er Jahren zugrundeliegen. Im Gegensatz zu seinem positiv zu verstehenden Konzept der Nutzung von Computern befürchtet er, daß sie zu Affirmationszwecken gesellschaftlicher Gegebenheiten dienen werden:

zweitens aber wird das versteinerte denken (...) die computer zwingen, auf der linie der sprache zu bleiben: statt zum partner zum ausbruch aus der geschichte sind sie dazu bestimmt, als sklaven uns sklaven die sklaverei als einzige richtigkeit verständlich zu machen. (...) die natur darf sein, wie sie definiert worden ist (...) (CXLIX)

Wiener glaubt an die Möglichkeiten der Technik, nicht aber daran, daß sie zu die Freiheit fördernden Zielen (wie er sie sieht) eingesetzt werden: "diese beiden punkte wiegen leider unvergleichlich schwerer als die hoffnung, dass die neueren produkte der technik unsere metaphysische weil induktive wissenschaft erübrigen könnten" (CL). Es lassen sich keine Anzeichen ausmachen, die auf eine andere Einstellung den Maschinen (bzw. dem Computer) gegenüber hinweisen. Ganz im Gegenteil, die "qualitativen Seiten" müssen bei dem vorausgesetzten Wissenschaftsverständnis--es ist "positivistisch-pragmatisch-behavioristisch"--ausgeschaltet bleiben. Damit werden

einsichten in die bewusstseinslage von maschinen uninteressant (eine, wie ich es nennen möchte, reaktionär-soziologische haltung), und man ist weit davon entfernt zu erwägen, ob man nicht (wie es dereinst auf der linie des cyborg geschehen könnte) mit ihnen in eine andere als imperialistische verbindung treten solle, um damit an der eigenen bewusstseinserweiterung zu arbeiten. (CL)

Der Adapter ist ein Modell für eine nicht-imperialistische Verbindung. Zugleich ist es als Negativum ausgeführt, da der Adapter keine Rettung bietet.

Wiener steht mit seinem Adapterbild am Ende der Aufklärung und des aufklärerischen Denkens und Glaubens an Fortschritt und Technik, den man in der amerikanischen Kultur und im Marxismus noch proklamiert. Alle menschlichen Gebrechen sollen durch Technik beseitigt werden(75). Daß die Menschheit auf diesem Weg voranschreitet, kann man aus gegenwärtigen Forschungsprojekten und Errungenschaften auf verschiedenen Gebieten ersehen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Industrie richtet sein Bestreben auf die Erschaffung einer Art von Adapter (den man sich allerdings schwer als "positives" Ziel der Evolution vorstellen kann, wenn man traditionellen Menschenbildern verhaftet ist). Wir sehen in unserer Gegenwart immer mehr technische (und andere) Systeme, Konzepte und Projekte, die in die von Wiener umrissene Richtung führen. Dort werden große Fortschritte gemacht, die einmal zu einem echten Adapter beitragen könnten. Diese Entwicklung ist absichtlich, da viele Leute bemüht sind, der Realität zu entfliehen.

Zahlreiche Beispiele kommen insbesondere aus der gesamten Computerindustrie, dort vor allem aus dem Forschungsgebiet um die sogenannte virtual reality, dem bisher neuesten und letzten Schrei(76). Dabei verrät allein der Begriff vieles: er meint eine künstliche, nur vorgegaukelte Wirklichkeit, in welcher man sich aber "echt" zu befinden glaubt. Sie ist fast ausschließlich vom Computer geschaffen, erlaubt aber das als "echt" empfundene Manipulieren der Umwelt. Sinneseindrücke werden vorgetäuscht: man kann z.B. vom Computer vorgemachtes Sandpapier "fühlen". Das langfristige Ergebnis ist die Erschaffung neuer Wirklichkeiten--wie im Adapter konzipiert(77). Vorerst noch umgibt man sich mit Maschinen. Der Abbau des Körpers mag später folgen.

Für die Filmindustrie wurde die Technik des sogenannten morphing entwickelt. Reale, echt gefilmte Sequenzen werden durch computerkreierte Sequenzen so ergänzt, daß der Anschein des "Echten" entsteht. Erstmalig gebraucht wurde das in einer Auto-Reklame und dem Spielfilm Terminator 2: eine Person scheint durch eine Gittertür zu laufen. Vorläufer einer Computerweltsimulation werden z.B. in TRON, dem Disney-Film aus den frühen 80er Jahren, dargestellt.

In den 70er Jahren stellte der Pop-Artist Martyn Dean auf Entwurfszeichnungen eine eiförmige Vorrichtung vor, die zumindest eine ähnliche Funktion wie der Adapter erfüllt--die Abschottung vor der Umwelt (hier zu Erholungszwecken)(78).

Ein weiteres Projekt--teilweise bereits über ein Jahrzehnt alt--sind die Versuche des Amerikaners Myron Krueger, einen von Computern kontrollierten responsive space zu bauen, der relativ frei und selbständig auf menschliche Aktionen reagiert und einer Art Kommunikation und Interaktion fähig ist(79). Hierher gehören auch schon länger existierende Fluchtorte wie Disneyland und Disneyworld.

Auch andere Entwicklungen und Möglichkeiten wie z.B. das Sich-einfrieren-lassen (zwecks ewigen Lebens), ähnlich sperm banks, gesteuerte Insulininjektionen und Herzschrittmacher, die Forschungen der Militärtechnologie, z.B. ultra red goggles zur Nachtsicht, können als frühe Bausteinformen und Aspekte für einen möglich erscheinenden, zukünftigen Adapter gesehen werden. Weitere Facetten sind Telefonsex, Einkaufen per Fernsehgerät, oder die Arbeit zu Hause durch Verknüpfung an ein Computernetz. Dies alles führt zu einer künstlichen Welt, durch die man direkten Kontakt mit der Außenwelt vermeiden kann. Man kann sich zu Hause in einer selektiven, kontrollierten Umgebung ohne größere Reibeflächen einigeln.

Solche technischen Errungenschaften machen die Möglichkeit der Erfindung eines Geräts wie des Adapters plausibel. Der reale Adapter sähe zwar anders aus, hätte aber ähnliche Funktionen und Wirkungen (daß Wiener befürchtet, daß der Hauptzweck seines Adapters wohl zu kurz käme, wurde oben ausgeführt). Die sozialen Auswirkungen solcher Erfindungen und Projekte sind jedoch umstritten. Nach Kritikermeinung werden sie zu eher zweifelhaften Zielen benutzt (und nicht zu Emanzipation und Befreiung)(80).

In anderen Aufsätzen, besonders im Kursbuch, befaßt sich Wiener mit einer Kernfrage der artificial intelligence: ob man eine selbst-bewußte Maschine konstruieren kann (die sogenannte Turing-Maschine), und ob sich eine solche Maschine selbst verändern kann, in Kürze: ob man eine Maschine bauen kann, die sich nicht mehr vom Menschen unterscheidet(81). Für Wiener ist das nur eine Frage der Machbarkeit. Sobald erst bestimmte Grundlagen geklärt sind, z.B. was genau "Denken" ist, wird dessen technische Duplikation folgen können.

Ein beachtenswertes Phänomen ist hierbei auch der Drogenkonsum. Verschiedene Titel aus Wieners Literaturverzeichnis und verstreute Bemerkungen lassen unschwer zu ersehen, daß eines seiner Interessen auch diesem Mittel galt. Während z.B. in den 60er Jahren im Zuge der Hippie- und Studentenbewegung und eines allgemeinen Aufbruchs der "jungen" Generation Gebrauch und Einfluß von Rauschgiften zur Bewußtseinssteigerung als einer der entscheidenden Wege propagiert wurde(82), die gewöhnliche Alltagswelt mit all ihren Einschränkungen zu transzendieren, wissen wir es heute anders. Selbst wenn in den 60er Jahren bei Drogengebrauch noch an Bewußtseinsveränderung und über diese an Gesellschaftsänderung gedacht war, so hat sich mittlerweile gezeigt, daß das nicht zutrifft. Drogen werden vor allem zu einem Zweck genommen--zur Flucht vor der Realität--und nicht nur für ein kurzfristiges high, sondern um die als schlimm gesehene Welt möglichst auf Dauer zu verlassen. Der Adapter kann zum selben Zweck benutzt werden.

Der Adapter ist aber auch eine Kritik der Hoffnung der Welttranszendierung durch Drogen:

wie sehr der staat auf ein monopol auf die wirklichkeit aus ist, zeigt in unserer zeit am besten die sinnlose verfolgung der rauschgifte, für viele vom staat verkrüppelte das einzige mittel, ihm und ihr zu entkommen,--ein recht untaugliches noch dazu, weil selbst hier noch die sprache den ton angibt: (...) (CXLVII)

Sprache macht hier ihren Einfluß geltend, wenn es darum geht, Halluzinationen zu beschreiben. Diese Beschreibung erfolgt sprachlich, und ist damit wieder von Wieners Kritik betroffen. Wiener benutzt diesen Punkt auch zur Kritik am Staat, der die Kontrolle der Wirklichkeit für sich beansprucht.

Man mag es wenden wie man will, der Mensch kann sich nicht von der Welt befreien, auch nicht im Adapter, denn dieser entspringt selbst der Welt, die er transzendieren soll (oder, vorsichtiger formuliert, der Sprache Wieners(83)).

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Anmerkungen

(75) "...durch technischen Fortschritt": kann man das sagen, wenn man den Adapter als Metapher versteht? Wohl nicht, denn das ist nur das Bild oder immerhin bloß eine--untergeordnete?--Seite der Angelegenheit. Der Adapter ist eine Maschine; dies besagt, daß der Mensch nicht ohne Hilfsmittel in der Lage ist, Glück zu erlangen. [Zurück]

(76) Über virtual reality siehe Howard Rheingold, Virtual Reality (New York: Summit, 1991). [Zurück]

(77) In der modernen Literatur findet das seinen Niederschlag in der sogenannten New Wave Science Fiction, z.B. bei William Gibson, deren zur Zeit bekanntesten Vertreter. [Zurück]

(78) Roger Dean, Views (Limpsfield: Dragon's Dream, 1975): 129-32. [Zurück]

(79) Vgl. Myron Krueger, Artificial Reality (Reading: Addison-Wesley, 1983) und Artificial Reality II (Reading: Addison-Wesley, 1992). [Zurück]

(80) Vgl. z.B. Neil Postman, Amusing Ourselves to Death (Harmondsworth: Penguin, 1985). [Zurück]

(81) Vgl. Norbert Wiener, Kybernetik (Reinbek: Rowohlt, 1968) 204-17. Darum geht es auch in dem von Wiener in der ersten Fußnote zum "appendix a" erwähnten Aufsatz "The Frankenstein Problem" von John Wilson (Philosophy 39 (1964): 223-232. [Zurück]

(82) Z.B. von Timothy Leary, dem Apostel der Bewußtseinserweiterung durch Drogen. Heute propagiert er--wenig verwunderlich--virtual reality (vgl. Rheingold, Virtual Reality). Auch diese ist eine Flucht--hier durch high tech--aus der Wirklichkeit in eine restlos künstliche Wirklichkeit! [Zurück]

(83) In der Fiktion produzieren ihn seine zukünftigen Bewohner. [Zurück]


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