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WISSENSCHAFT UND POLITIK

Im Abschnitt b) des Essays, "Kybernetik für alle", geht es Wiener--wie durchgängig im Aufsatz über den Bio-Adapter, wie er sagt (CXXXVII)--um eine Kritik des Behaviorismus. Zu diesem zählt er Pragmatismus, Positivismus, Neo-Positivismus und alle Strömungen des Marxismus, da es ihm schwerfalle, "relevante unterscheidungen" zwischen diesen zu treffen (vgl. CXXXIX). Er bezeichnet sie als Argumentationsstile derselben Sache. Am Behaviorismus kritisiert er die Sprachauffassung, nach der es eine objektive Wirklichkeit gibt, die nicht sprachabhängig ist bzw. die unabhängig von Sprache besteht und daher verändert oder untersucht werden kann, ohne den Anteil von Sprache an Wirklichkeit (und der Theorie) beachten zu müssen.

Kybernetik--für Wiener ein Sammelname für verschiedene Wissenszweige (CXXXIX), die die "Erfüllung" des Behaviorismus sei und dessen Gipfel darstelle--wird ebenfalls einer Kritik unterzogen. Kybernetik und Staatstheorie stehen in einem engen Zusammenhang: Kybernetik ist ein politisches Modell, das von Anfang an als "politische Wissenschaft" konzipiert wurde (CXXXIX; wie die Etymologie des Wortes zeige, ist sie Steuerungswissenschaft; vgl. Anmerkung 85, CLXIV(55)). Politik ist die umfassende Anwendung der Kybernetik auf den sozialen Bereich. Kybernetik hat Auswirkungen auf Staat und Politik insofern sie zur Kontrolle im Staat und damit beim Herrschen hilft. Ihr Zweck ist die Beeinflussung, Lenkung, und Einengung der Bürger. Wiener konzentriert sich bei seiner Betrachtung vor allem auf westliche Demokratien, seine Kritik gilt aber insgesamt sowohl östlichen als auch westlichen Systemen (allen Systemen, die sich "demokratisch" nennen). Informationstheorie--die mathematische Seite der Kybernetik--ist interessiert an der Sicherung der Befehlsübermittlung. Die Zusammenhänge zwischen Sprache, Kybernetik, Demokratie und Herrschaft sind sehr eng:

dass die demokratie den staat auf die sprache stellt (...), macht sie ja eben zum totalen, und in folge dessen zum totalitären staat. die 'informierte gesellschaft' ist eben dadurch eine formierte gesellschaft. (CXLI)

Demokratie beruht auf Sprache, sie ist--theoretisch--wie Macht ein allgemeines Eigentum. Dies ist ein Anklang an Fritz Mauthners Theorien. In dessen Die Sprache heißt es: "Aber die Sprache ist ja sozial. (...) Gemeinbesitz wie Licht und Luft ist die Volkssprache", und weiter:

Demokratie bedeutet also jetzt zufällig das Bestreben, das Wohl großer Volksmassen über das Wohl kleiner Volksgruppen zu stellen. Weil wir aber nicht in anarchischen Zuständen leben, weil die Entschlüsse als Beschlüsse die sprachliche Form von Urteilen annehmen müssen, weil zum Urteilen Kenntnisse gehören, weil menschliche Vernunft, so wenig Weisheit in ihr wohnt, doch stets nur bei wenigen Menschen gewesen ist, darum wäre für das Wohl der Volksmasse allerdings eine wahre Aristokratie, eine Herrschaft der Besten, nützlicher als die trostlose Demokratie, über deren sprachliche Exponenten, die Stimme, die Stimme bei der Wahl und im Rat, ich noch zu sprechen haben werde.(56)

Und später, über das Außenseitertum dessen, der gegen alles ist:

Wenn ich so, nach Menschenkraft losgelöst von der gemeinsamen Luft und der gemeinsamen Sprache, atemlos und vorurteilslos, ganz von weitem zu überschauen suche, was die Tyrannei der alten Worte und der neuen Worte an den Sitten der Kulturvölker zu bessern oder zu ändern sich gegenwärtig anschickt, so bin ich mit den Männern, die mir unter den Neuerern die liebsten sind, wieder nur in der Negation einverstanden, nicht in der Position. Mir fehlt wohl der Glaube an die Zuverlässigkeit menschlicher Vernunft, menschlicher Sprache. Und weil mir der Glaube an die Vorstellungen menschlicher Unvernunft erst recht fehlt, so werde ich wohl, dem das Gemeinsame fehlt, die Einsamkeit und Wirkungslosigkeit gewählt haben. (91/2)

Ebenso findet es sich bei Wiener: Negation statt/und keine Position, keine Gemeindenbildung. Einsamkeit und Wirkungslosigkeit sind als Konsequenz erkannt, gesprochen bzw. geschrieben wird aber dennoch (weil es doch keinen Unterschied macht).

Gerade den Sachverhalt der fragwürdigen Macht und Wirkungsweise von Sprache--und damit politischer Systeme, die sich auf Ideologien, also sprachlichen Konstrukten, stützen--greift Wiener an(57). Er spricht ihr den Status des Unterbaus zu, der den Überbau determiniert. Gleichzeitig ist Sprache im Bereich der Politik verankert und wird von ihr bestimmt. Wiener schränkt sie damit zugleich eng ein. Die Sprache dient zur Schaffung einer manipulierbaren Allgemeinheit, gegen die Wiener die Individualität behauptet. Dabei klingt wiederum ein provokativer Elitismus an:

sprache ist das geschöpf der politik,
man kann sie nur da sinnreich gebrauchen, nur über politik sinnvoll sprechen.
philosophie logik wissenschaft kunst arbeit technik alles für halber durch jene.
der schluss der logik ist politisch, er macht dich argumente anerkennen, früh bringen sies dir bei: das ist das mittel der gesellschaft, so wird kongregation.
der kategorische imperativ, das endziel der philosophie ist die menschentraube.
ich weiss nicht was das ist, d.h. ich mache mir nicht die soziale mühe einer definition, nicht die pflicht dem zugriff der staatsgewalt einen anhaltspunkt zu schaffen, schwein. eine proklamation für ganze mengen, ich aber bin der einzelne fall. (XXV)

Bereits im nächsten Abschnitt wird auch die Kunst in diese Kritik näher miteinbezogen. Ähnlich wie Politik schafft sie in der Sprache einschränkende Vorgaben, die ironisch zurückgewiesen werden:

seht es so, hört es so, macht es so! die manifest der kunst.
die wirklichkeit kastriert, mein erleben ist von den altruistischen bemühungen der kollektive abhängig. verwirklicht euch, sagen sie, die stoffeln. *) (XXV)

In der Anmerkung hierzu verweist Wiener auf einen Zusammenhang zwischen Staat--synonym für Politik--und Kunst: "der staat als kunstwerk (k. eisner)". Das ist eine Kritik der Kunst, die, statt den Staat zu bekämpfen durch Ästhetisierung in dessen Hände spielt. Wiener geht dabei von einem sehr weit verstandenen Begriff von Politik aus, der fast alles einschließt(58).

Das politische System will sein eigenes Überleben, seine eigene Unendlichkeit sichern. (Das entspricht der Wunschvorstellung (fast) aller Menschen, da sich vor dem Tod fürchten und ihr individuelles Fortleben sichern möchten). Für die 60er Jahre stellt Wiener fest, daß bereits alles vom Staat assimiliert ist:

sie [die bildungsgesellschaft, HK] hat dem status quo endlich eine realisierbare doktrin auf den astralleib geschneidert: es ist dies die schließlich doch noch sozial gewordene technik, hinreichend verfeinert um eine soziologie zu materialisieren, welche füglich als letzter streich eines jahrtausendealten ringens um stabilisierung, d.h. verstaatlichung, der natur gelten muss, und die dieser gesellschaft mit ihren hinfort austauschbaren generationen den charakter eines museums für marsmenschen anzumerken sich erfunden fühlt. (CXLI)

Einen ursächlichen Anteil an der Stabilisierung hat "sprache, das konservative prinzip schlechthin (...)" (CXXXIX), da sie gegebene, verfestigte Vorstellungen weitertradiert und eine Veränderung verhindert. Sie nimmt auch eine zentrale, politisch wichtige Stellung bei der Erziehung ein, die nach Wiener als Vereinnahmungsinstrument für den freien Menschen durch den Staat dient:

es kann kein zweifel bestehen, dass die erziehung (d.i. zur sprache), welche die welt der erwachsenen hervorbringt, unsere koordination von apperzeption und verhalten schafft. (CLV)(59)

Wiener schreibt gegen die "Herrschenden", die mit Sprache die durch sie geschaffene Welt beherrschen. So heißt es im Zuge der Wissenschaftskritik:

die mit dem sammelnamen kybernetik belegten neueren wissenszweige haben binnen so überzeugend kurzer zeit sätze hervorgebracht, die sich nahezu ohne abwandlungen auf soziologische gegebenheiten anwenden lassen, dass der verdacht erlaubt ist, man habe schon bei ihrer formulierung die setzung fundamentaler zusammenhänge zwischen den bedürfnissen der technologie und denen des staats im auge gehabt.
in der tat existieren diese zusammenhänge; ohnehin dienen wohl die meisten fortschritte der wissenschaften nicht so sehr der befriedigung eines doch recht suspekt gewordenen erkenntnistriebes, sondern viel mehr zur materiellen und ideologischen festigung der mit der ausübung der macht befassten instanzen, welche allein ja imstande sind, die notwendigen provisionen für die forschung bereitzustellen ("wissen ist macht"). und offenbar ist der fortschritt der modernen demokratie (dazu rechne ich selbstverständlich auch die varianten des an die staatsmacht gelangten marxismus): die ohnehin fragwürdigen benefizien für den einzelnen sind blosse abfallprodukte von anstrengungen, welche die beherrschung des kollektivs zum ziel haben. (CXXXIX)

Offen bleibt, wer diese "mit der ausübung der macht befassten instanzen" sind und woher sie kommen. Ähnlich kritisiert er auf der folgenden Seite Politiker, die den Bürgern in einer Demokratie ihre Idee des für die Menschheit Guten verkaufen wollen--"die demokratie besteht aus scharen von leuten, die wissen was gut sei für die menschheit" (CXL)--und Politik und Ideologien (=Sprachgebäude) zu einem Mittel zur Machterlangung machen. Er wendet sich gegen diese Einvernahmung des Individuums durch die Demokratie, in der eine abstrakte Staatsform das Leben der Bürger bestimmt und sich selbst verewigt:

in diesem staat, von dessen notwendigkeit alle mit den waffen der vernunft geschlagenen überzeugt sein müssen, angesichts dieser plebiszitären politik, welche jedermann dazu verhält, als addierbare monade der öffentlichkeit die nunmehr fruchtlos werdende geschichte, eine regelgrösse, auf den pegelstand der interpretierten gegenwart zu fixieren, in einem hexenkessel also, dessen entropie jedes für möglich gehaltene mass übersteigt, ist es zeit geworden, die grundlagen, die so viele auf ihnen errichtete gebäude überlebt haben, in die luft zu jagen; denn diese neuerlichen adaptationen des traumschlosses werden wohl nur eine korrektionsanstalt übrig lassen. (CXXX)

Wieners Opposition ist nicht parteipolitisch; sie richtet sich im Grunde gegen alles. Auch wenn er die Herrschenden identifiziert als die, die die Sprache kontrollieren, bleibt aber immer unklar und diffus, wer diese Herrschenden sind, und wie sie an die Macht kommen. Im Hinblick auf Sprache bedeutet das natürlich: wer ist für den jämmerlichen Zustand verantwortlich? Wenn sie geworden, gemacht ist, muß sie zu ändern sein. Ebenso sehen wir, daß er der Vernunft keine schlichtweg positive Rolle beimißt. Irrationalität spielt denn eine große Rolle im Roman und den Vorstellungen der Wiener Gruppe und des Wiener Aktionismus.

Wiener skizziert, was nach der Meinung anderer--der "opinion-leaders", auf die er sich beruft--möglich ist. Diesen zufolge bewegt sich die Gesellschaft auf ein bestimmtes "äusserstes" zu, das "eschaton"--und Wiener interpretiert es auf seine Weise (CXXXIV). Sein "Letztes", sein Gegenstück zum Paradies ist der Adapter. Die "opinion-leaders" sind wohl Politiker, Wissenschaftler und Theologen. Wieners Meinungen (auch dazu) und Absichten sind nicht direkt dem Text zu entnehmen, denn schließlich posiert die "Skizze" trotz allem als Literatur. Wilfried Ihrig hat--mit Einschränkungen--recht, wenn er sagt, wir dürfen nicht ohne weiteres die vertretenen Meinungen dem Autor zuschreiben(60). Vieles dient dazu, Fragen aufzuwerfen und ins Gespräch zu bringen.

Im Bezug zu Wissenschaft heißt es bereits auf XVII: "die aura der worte, so wehrt sich das klima gegen die wissenschaft welche uns die weltanschauung ins hirn tut". Wie die Formulierung erkennen läßt, mißfällt Wiener, daß Wissenschaft an der Bildung des menschlichen Weltbildes einen entscheidenden Anteil hat. Wissenschaft präsentiert ein bestimmtes Bild der Welt und damit eine bestimmte Auffassung von Wirklichkeit, dem alles unterworfen wird (Fußnote 93, CLXVI). Wieners Wissenschaftskritik findet Ausdruck in Behauptungen wie "wissenschaft ist ein zug des spiessertums." (XXIV, die entsagung der wissenschaft.).

Das Erleben des Einzelnen steht gegen die Abstraktion der Wissenschaft, die andere Erfahrungen als die durch sie sanktionierten verhindert (vgl. CXLIX). Der Staat verhindert die volle Entfaltung des Menschen, der im Staatswesen eingebettet und dessen Zwängen unterworfen ist und somit verkrüppelt wird und bleibt.

Die--für Wiener im Grunde sowieso unfähigen--("normalen") Staatsbürger (=fast alle Menschen) werden auch von Wiener zu ihrem Wohl und Glück gezwungen. Zur Suggestion von Entscheidungsfreiheit darf der "Inhalt", wenn er sich im Adapter, dem Befreiungsinstrument Wieners, befindet--das Einsteigen sollte möglichst auf freiwilliger Basis erfolgen--die "start-routinen" selbst "auslösen" (CLXXVII). Der Mensch wird, wenn er nicht freiwillig in den Adapter will, dann mit Gewalt in den Adapter gesteckt. Wiener sieht bei der "beschickung" ein--allerdings lösbares--"ethisch-rechtliches problem" (CLXXVII). (Das Wort "beschickung" ist in der Verbesserung gebraucht, und erinnert an Gaskammern oder Atommeiler. Der Mensch wird zum Versuchstier, über das verfügt wird.)

Der Bio-Adapter kann als Metapher auf unsere Gegenwart, auf unsere Wirklichkeit gelesen werden. Er wird als eine Parabel auf bereits existierender Verhältnisse und als verfremdende Beschreibung herrschender Trends verstanden und ist dann keine reale Maschine als solches (in technisch-materieller Form), sondern die heute (bzw. in den 60er Jahren) bestehende Konsumdemokratie mit ihrer "falschen" Sprache. Wir sind schon von einem Adapter umgeben. Der Adapter ist eine Metapher für die Kombination von Sprache und Maschine, Materiellem und Geistigem, Innen und Außen, Psyche und Physis. Wiener umreißt in seiner Adapter-Darstellung nicht nur den technischen Aspekt (dieser ist nur ein Vehikel für die Beschreibung, wie festgestellt wurde). Er leistet, was Wiener an der Demokratie beschreibt und kritisiert. (Und ist so durchaus zwiespältig: er symbolisiert gleichzeitig totale Befreiung und totale Kontrolle). Wiener führt über die Demokratie aus:

die demokratie hat die mittel zu ihrer eigenen verewigung, und sie wird nicht zögern, sich selbst zur historisch letzten, zur endgültigen staatsform zu machen. (CXLIII)

Gerade in den letzten Jahren hat sich mit den weltweiten politischen Veränderungen--fast alle Staaten bekennen sich zu Demokratie und kapitalistischen Prinzipien, und die USA versteht sich als einzig verbliebene Weltmacht, deren Mission es ist, überall der Demokratie zum Sieg zu verhelfen--gezeigt, daß Wieners Prophetie mehr oder weniger eingetroffen ist. (In Fußnote 62 lesen wir: "unglaublich, dass man heute offenbar marxist werden muss, um gegen die nivellierung zu protestieren. ich wage gar nicht, mir den zustand der gesellschaft nach der unausbleiblichen verständigung von "ost" und "west" vorzustellen" (CLXI). Dieser allumfassenden Demokratie--wie allen anderen politischen Systemen--traut Wiener nicht. Eine weitere negative Auswirkung der Dominanz von Demokratie ist die mit ihr einhergehende Nivellierung zu Mediokrität: "in diesem uniformen pluralismus besteht wenig hoffnung" (CXLIII). Es verwundert nicht, daß Wiener sich--zumindest zu dieser Zeit--sehr elitär verhielt. Z.B. verließ er die Grazer Autorenversammlung zu einem Zeitpunkt, als sie sich seiner Meinung nach zu sehr ausweitete und ihre elitären Anfänge zurückließ(61).

Wiener sucht die Befreiung von der Sprache und der durch sie determinierten Welt. Er hat das selbst erlebt: "ich habe an mir selbst gelernt, dass der sprachgebrauch entscheidend ist für die empfindungsweise, und über und durch diese für die materiellen zustände des körpers" (CXCI). Welcher Zustand jenseits der Sprache zu erwarten ist, ist nicht ausgeführt. Dieser versprachlichte Zustand wäre sonst dasselbe wie die in politischen Ideologien gesetzte objektive Wirklichkeit, die er kritisiert, und ist daher zu vermeiden. Zu diesen kritisierten Ideologien gehört damit dieser neue Zustand selbst. Anders als der Marxismus es sieht, hängt Wirklichkeit von Sprache ab und nicht umgekehrt:

(...) die wirklichkeit als insinuation der sprache betrachtet: die wirklichkeit als "wiederspiegelung" der sprache. (CXXXVIII)

Wirklichkeit scheint es nicht zu geben bzw. wir können sie nicht "wirklich" erkennen, da sie durch Sprache vermittelt ist.

dass der positivismus in solipsismus mündet, schreckt mich nicht, sondern freut mich. (...) eigentümlicher weise gebärdet sich jeder bisherige solipsismus missionarisch: er hütet sich fein, jene sprachlichen brücken, auf denen man zu ihm gelangen kann, hinter sich abzureissen (...) (CXXXVII)

Politik und Utopie (und Fortschritt qua Technologie) sind eng miteinander verbunden. Wieners Ausgangspunkt ist die vor allem auf Sprachkritik gegründete Kritik an der Gesellschaft der 50er- und 60er-Jahre. Wieners Kritik ist global, denn alles ist an einer Art Verblendungszusammenhang beteiligt, aus dem er sich wie oben beschrieben--sprachlich--befreien will(62). Von Wieners erkenntnistheoretischem Solipsismus, bei dem jeder auf sich selbst gestellt ist, ist es nur ein Schritt zum Individualanarchismus. Die Weltvorstellung der Menschen bleibt individuell beliebig und allgemein unverbindlich, da sie weder kommunizierbar noch als Handlungsanweisung verbindlich ist. Wieners Marx- und Anarchie-Kritik sind ein Zeugnis hierfür. Als Satire setzt der Adapter eine bestimmte politische Einstellung voraus.

Kritik und die Revolte selbst sind in und von der Verbesserung mitbetroffen, d.h. Wieners Aussagen betreffen auch seine eigene Position. Das bedeutet, er möchte aus dem Zwang zu einer vor allem sprachlich vorgegebenen Ideologie (oder Weltanschauung) ausbrechen, sieht aber keinen Weg zur Änderung der Verhältnisse, sondern nur zu deren Abschaffung (im Bio-Adapter). Es überrascht nicht, daß der Roman während der 60er Jahre geschrieben und im Verlauf bzw. am Ende der Zeit der Studentenrevolte veröffentlicht wurde. Der Roman deutet an, welche Chancen Wiener dieser Revolte und anderer explizit politischer Proteste einräumte. Sein "Ausblick" in der Verbesserung ist "positiv", denn die "Verbesserung" wird vollendet durch Abschaffung der Quelle der Probleme. Genau besehen ist er jedoch pessimistisch und gegen das politisch optimistische Denken der Revolution gerichtet. Wiener erachtet eine Revolution aber für aussichtslos, da sie den alten Begriffen verhaftet bleibt und somit nicht gelingen kann, da über Sprache (auch Sprachänderung) keine Verbesserung erzielt werden kann. Er scheint von der Studentenbewegung (die er später in Berlin miterlebt hat) nicht viel erwartet zu haben.

Ende der 60er Jahre wurde im Zuge der politischen Änderungen vermehrt nach der Funktion der Literatur in der Gesellschaft gefragt. Wiener fragt das auf seine Weise ebenfalls. Den revoltierenden Studenten ging es um Möglichkeiten der Emanzipation. Diese gibt es bei Wiener offenbar nicht, statt dessen aber die gegenwärtige und zukünftige Totalvereinnahmung im Bio-Adapter und in der Gesellschaft. Es soll aber nicht übersehen werden, daß am Ende der Verbesserung eine Art Manifest steht, welches zeigt, daß Wiener sich dennoch--eingeschränkte--Veränderung vorstellen kann(63). Dieser Abschluß des Romans ändert aber nichts daran, daß Wieners Diagnose nicht viel Hoffnung übrig läßt. Wie unter anderem Wilfried Ihrig betont hat, ist die aus dem Ende resultierende erzähltechnische Verschachtelung nur eine weitere Facette der Darstellung. Auch dieses Ende kann nicht beanspruchen, gültig zu sein, nur weil sie anders klingt oder den Text abschließt. Insofern bleibt der Versuch, dem Leser die Problematik (und gegebenenfalls Lösungsvorschläge) durch eine Text zu vermitteln, fraglich(64).

Literatur kann für Wiener keine gesellschaftlichen Veränderungen leisten, da sie natürlich sprachverhaftet ist. Wenn die Sprache die Wirkungen und Auswirkungen hat, die ihr Wiener zuschreibt--alles ist sprachlich bedingt--kann eine Veränderung prinzipiell nicht gelingen. Dasselbe trifft dann allerdings auf Wieners eigenen Text zu, denn obwohl er gegen die herrschenden Verhältnisse schreibt, sind seine Ansichten Teil des gesamten Verblendungszusammenhanges und sein Buch kann bestenfalls ein Beitrag zu deren Verfestigung sein, da sich eigentlich kein Ausweg aus den von ihm skizzierten Zusammenhängen zeigt: Münchhausen kann sich nicht selbst am Zopf aus dem Wasser ziehen, und genausowenig kann Wiener mit der Sprache aus der Sprache und sich diesem Zusammenhang ohne weiteres entziehen(65). Es liegt nahe anzunehmen, daß es Wiener um eine Darstellung eben dieses Sachverhaltes geht. Er hat die Konsequenzen gezogen und sich von der Literaturproduktion abgewandt, aber nicht ohne vor diesem Verstummen seine Gedanken über Sprache schriftlich niederzulegen.

Wiener weiß, daß eine Befreiung von Sprache durch Sprache in dem von ihm kritisierten Rahmen der Sprache und der von ihr geformten Welt verbleibt, also letztlich ebenfalls korrumpiert ist. Der Grund dafür ist die Sprachgebundenheit und damit die Gebundenheit an ein eng abgegrenztes--sprachlich gegründetes--Weltbild, das die Menschen einengt und eine umfassende sinnliche Erfahrung behindert:

kalt--warm.
um wie viele raffinessen des genusses bringt uns diese sture sprache? wieviele sinne gehn an ihrem standard zugrunde? stumpfsinn ist der umschlag der vereinigung. (XXIII)

Im Adapter wird dieser "Genuß" wieder möglich und sogar ausgedehnt.

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Anmerkungen

(55) Die (moderne) Kybernetik hat militärische Ursprünge: sie spielte eine wichtige Rolle bei der Raketensteuerung. Etymologisch: das Wort kommt von griechisch steuern, lenken, Steuermann. Wieners Gleichung ist Steuerung = Lenkung = Regierung = Kontrolle. [Zurück]

(56) Sprache, 87/8ff. [Zurück]

(57) Urs Widmer, Hanne Boenisch und Manfred Mixner deuten darauf hin, daß der Adapter unsere Sprache ist, und die umgibt uns ja jetzt schon (Urs Widmer, "Nein, diese Suppe ißt er nicht", Frankfurter Allgemeine Zeitung 11. März 1969. Auszug: Grenzverschiebungen. Neue Tendenzen in der deutschen Literatur der 60er Jahre, Hrsg. Renate Mattaei (Köln & Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1970) 317-24, Hanne Boenisch, "Oswald Wiener", Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Hrsg. Herbert Wiesner (München: Nymphenburger, 1981) 530-31, Manfred Mixner, "Oswald Wiener", KLG-Kritisches Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Hrsg. Heinz Ludwig Arnold (München: Text & Kritik, 1978ff. Stichtag Wiener 1. Februar 1980). Karl Heinz Kramberg ("Im Rachen des Bio-Adapters", Süddeutsche Zeitung 19. März 1969) schlägt vor, der Adapter ist die Kunst bzw. Literatur und Sprache und damit eine Metapher für den Erzliteraten=Wiener selbst (Bewußtsein, eigene Welt usw.): "Wiener widerlegt Wiener. Denn dieses Buch, sein erstes richtiges Buch, versteht sich als eine Aktion, die so unnütz ist wie die Kunst, als ein Kompendium des zweckentfremdeten Wissens, der poetischen Equilibristik und des formalen Kalküls. Schlicht gesagt: Wiener kann schreiben. Er macht die Sprache mobil und lebt in der Sprache. Er ist der Bioadapter, nämlich ein Erzliterat". [Zurück]

(58) Vgl. Geyrhofer, "Staatsfeind", 51-67. [Zurück]

(59) Über Sprache und Erziehung und ihre Rolle im Staat vgl. auch CXXXIX. [Zurück]

(60) Ein ausgesprochen verdrehtes Beispiel pseudopolitischer Kritik bietet Ernst Alker (Fehler im Original): "(...) Einer ihrer [der Neuen Sachlichkeit, HK] Anhänger war OSWALD WIENER (geb. 1935), Urheber des Buches Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman. (1969), einer Mischung fast aller denkbaren Mitteilungsformen mit geringem erzählerischem Einschlag, ausgestattet mit Personen- und Sachregister sowie einem vierzehn doppelspaltige Seiten umfassenden Literaturverzeichnis. Diese Autobiographie ohne Plastik der Autobiographien negiert die Möglichkeit einer Verbesserung von Mitteleuropa (also der Welt) durch das Mittel der Sprache: "ich bin kein nihilist... ich sage nur, daß alles ein dreck ist". Was bewußtes oder unbewußtes Traumziel der Neuen Sachlichkeit war, wird hier sachlich (oder quasi-sachlich) erledigt. Der Protest richtet sich offenkundig besonders gegen den in der DDR staatlich geförderten Sozialistischen Realismus (parteiisierte Weiterführung des Neorealismus), der laut der resignierten Auffassung in Theodor W. Adornos hinterlassenem Werk Ästhetische Theorie vorgibt, im Sozialismus wäre Unterdrückung beseitigt. Deshalb Adornos These-die übrigens auch von der ihm entglittenen APO-Gesinnungsgemeinschaft gegen Konformismus und Establishment verkündet wird-: "Lieber keine Kunst mehr als Sozialistischen Realismus". Becketts-Autor des weltberühmt gewordenen Stückes Warten auf Godot-"kindisch-blutige Clownsfratzen" sagen aus, was aus den Menschen geworden ist, bieten die historische Wahrheit. Die Art der Beckett'schen Diktion ist indes vorwiegend Manierismus. Derart wäre die einstens deutliche Grenze gegenüber der Neuen Sachlichkeit aufgehoben. Oswald Wieners Buch ist vielleicht ein Selbstmordversuch, Ergebnis der Verzweiflung über die Unmöglichkeit einer die konventionelle Basis der Neuen Sachlichkeit überwindenden Synthese von Tatsachenbericht und Erzählleistung. Der Umstand, daß Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman., ungeachtet kaum bewältigbarer Langeweile-Erstellung einen relativ großen Absatzerfolg hatte, spricht für einen wenigstens bei der jungen Generation sich auswirkenden Aktualitätseffekt. Solcher Radikalismus bedeutet ebenso eine Synthese wie einen Umbruch. Kein Zufall, daß seit 1969 die Verlagsreklame in Hinsicht mancher ihrer Produkte frohlockend feststellt, es würde wieder 'erzählt'...". (Unter dem Abschnittstitel "Die Wiener Gruppe/ Neorealismus und Neue Sachlichkeit" in Profile und Gestalten der deutschen Literatur nach 1914, Hrsg. Eugen Thurnber (Stuttgart: Kröner, 1977) 351). [Zurück]

(61) Vgl. Innerhofer, Die Grazer Autoren Versammlung. Auch die "Wichtel"-Sache gehört in diesen Kontext. [Zurück]

(62) Wiener ist mit seinen Ansichten nicht allein. Das zeigen Kakotopien--dieser Begriff bezeichnet negative Utopien--wie zum Beispiel die von Aldous Huxley (Brave New World), George Orwell (1984) und Evgenij Samjatin (My). [Zurück]

(63) Vgl. dazu das letzte Kapitel dieser Arbeit. Wilfried Ihrig argumentiert, daß aber auch das in der Dandy-Pose zu brechen ist, d.h., es ist nur ein Teil von vielen--widersprüchlichen--der Verbesserung, und daher nicht als Fixpunkt gemeint, sondern ein weiterer Versuch, die Leser aufs Glatteis zu führen (Literarische Avantgarde, 200/1). Nun, zum einen endet so der Roman, zum anderen, wenn es eine Satire ist, können wir es Wiener vielleicht doch abnehmen, außerdem hat er ja selbst, wie schon angedeutet, sich verweigert. Die message ist auch: wenn es schon jemandem wie dem Autor nicht gelingen kann--mit so einem Werk--wie dann dem Leser? [Zurück]

(64) Zur politischen Kritik dazu z.B. Hans Magnus Enzensberger, "Gemeinplätze, die Neueste Literatur betreffend", Palaver (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1974) 41-54, und "Aporien der Avantgarde", Einzelheiten (Frankfurt/Main: 1962) 290-315. [Zurück]

(65) Wenn man in die in einem bestimmten Zustand existierende Welt hineingeboren wird und sie "erkennt", ist man schon verloren, denn alles, selbst die Verweigerung, ist von unserer Auffassung "der Welt" bestimmt. [Zurück]


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