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STRUKTUR UND AUFBAU

Eine Darstellung des Aufbaus der Verbesserung wird eine Vorstellung der äußeren Form des Werks vermitteln. Nimmt man Fettdruck als Anhaltspunkt für eine Einteilung, dann lassen sich etwa folgende größere Abschnitte ausmachen:

  1. personen- und sachregister (auswahl), inhaltsverzeichnis (I-X)
  2. vorwort (X-LV); darin eingeschoben: hymne an den erzengel (LV-LIX)
  3. kernstücke zu einer experimentellen vergangenheit (LXXIII-LXXXIX)
  4. allah kherim! die erscheinungen sind gerettet. reportage vom fest der begriffe (LXXXIX-CII)
  5. abbildung 4: der bruch zwischen lene und konrad (CII-CIV)
  6. PURIM: ein fest (CV-CXV)
  7. zwei studien über das sitzen (CXV-CXXXIII)
  8. notizen zum konzept des bio-adapters, essay (CXXXIV-CLIII) mit anmerkungen (CLIV-CLXXIV)
  9. appendix A, der bio adapter (CLXXV-CLXXXIII)
  10. appendix B (CLXXXV-CXC)
  11. appendix C (CXCI)
  12. literaturhinweise (CXCIII-CCVII)
Schon diese (von mir konstruierte) Inhaltsübersicht läßt keinen traditionellen Roman erwarten, doch auch andere Aspekte verdeutlichen die Absicht des Autors, Erwartungen und Normen nicht zu erfüllen(12). Der Bruch wird bereits beim Aufschlagen und flüchtigen Durchblättern sichtbar: wir sehen weder einen durchlaufenden Text noch weisen die abgedruckten Stücke eine ersichtliche Ordnung und Zuordnung zueinander auf. Wir finden z.B. eine Seite mit nur einem Satz (LXXXV: "alle menschen sollten gute freundinnen sein")(13), eine leere Seite (CXXV), oder eine Seite mit übereinanderliegenden Buchstaben (XCVII/XCVIII). Teilweise geht ein Teil ohne graphische Absetzung in einen anderen über, teilweise ist pro Seite nur eine Art Fragment dargeboten (halbbedruckt, der Abschnitt "kernstücke zu einer experimentellen vergangenheit" etwa). Verschiedenste Formen--auch traditionelle--werden gebraucht: alles von Aphorismen, Gedankensplitterartigem, scheinbar unzusammenhängenden Skizzen, Bruchstücken, einigermaßen in sich abgeschlossenen Abschnitten ("hymne an den erzengel", LV-LIX, oder "PURIM: ein fest", CV-CXV) bis zum Aufsatz über den Bio-Adapter(14).

Das Buch beginnt mit einem dem Titel folgenden, dem Text vorangestellten Motto aus der Bibel (Johannes 19,22: "Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben", auf Griechisch). Das "personen- und sachregister" in "auswahl" ist eine zehn Seiten lange, unvollständige Liste der im Text vorkommenden Personen und Begriffe. Folgende Worte z.B. sind angeführt: begriff; denken; ding; ich; scheiße; sprache; welt; wort. Danach kommen die längeren, mehr oder weniger in sich abgeschlossenen Teile des Romans.

Der Text selbst beginnt mit dem "Vorwort", einer Sammlung von kurzen Abschnitten mit Gedanken zu allen möglichen Themen. Ein beliebiges Beispiel daraus:

die welt und ich,
diese welt gehört mir, die welt eine verbreiterung meiner kontinuität, die welt im wassertropfen mein kind lehrt uns gar manches glaub nicht, dass sie in der welt ist wie in einer schachtel: das ist ein falsches bild. (XVI)

Die weiteren Abschnitte kann man entweder als Fortsetzungen des Vorworts oder als eigenständige Teile des Textes betrachten. In letzterem Falle würde das Vorwort mit der Verkündigung "der horla ist ein arschloch" ("hymne an den erzengel") auf LV enden. Der mehr oder weniger fortlaufende Text und das Fehlen eines eindeutig abgeschlossenen Vorworts können als Indiz für Kontinuität, für einen durchgehenden, zusammengehörenden Text betrachtet werden. Auf dieser Grundlage ist der größte Teil des Textes als Vorwort mit Unterteilungen anzusehen (bis zu dem Aufsatz über den Bioadapter(15)). Das Vorwort wäre dann der ganze Hauptteil. Letztlich macht es wenig aus, wie die Teile eingeordnet werden. Den Abschluß nach den drei Appendices A, B und C bilden umfangreiche "literaturhinweise" in Form einer seitenlangen, alphabetisch geordneten Auswahlbibliographie von Wiener benutzter Werke(16). Diese enthält viele obskure Texte, die Wieners Eklektizismus und die Breite seiner Interessen zeigen. Einige wahllos herausgegriffene Einträge:

bertrand, a., gaspard de la nuit, paris 1943 (CXCIV)
münsterberg, h., grundzüge der psychotechnik (CCI)
teutsche arien etc. II bände, wien etc. 1927 (CCV)

Für einen Roman sind Register, Anhänge, oder Literaturhinweise selbstverständlich ungewöhnlich(17).

Auf kurze Inhaltsangaben für die einzelnen Teile muß verzichtet werden. Zum einen gibt es zuviele Abschnitte, zum anderen gibt es eine kontinuierliche Handlung ebensowenig wie ein Thema, das im linearen Diskurs aufgearbeitet wird und sich kompakt wiedergeben ließe. Es fehlt eine "Fabel", und die einzelnen Teile des Textes sind weder durch eine durchlaufende Handlung noch durch die Entwicklung von Protagonisten oder eines Charakters direkt miteinander verbunden, sondern bestenfalls im übergreifenden interpretatorischen Zusammenhang des Ganzen. Ein Beispiel für ein Stück mit Personen und Handlung ist "abbildung 4: der bruch zwischen lene und konrad." (CII-CIV). Zwar kommen an mehreren Stellen einige Personen vor, die öfter namentlich erwähnt werden (z.B. "Helga" oder "Günczler"), aber wir erfahren kaum etwas über sie. Damit sind zwei wichtige Ausgangskriterien des traditionellen Romans, Handlung und Personen, nicht eingehalten. Selbstverständlich gibt es einen "Autor", ein erzählendes "Ich", und das ist Oswald Wiener. Dieses "Ich" äußert sich im Text in verschiedener Weise. In den Aphorismen des Vorworts spricht Wiener, in anderen Teilen spricht er über sich (in der dritten Person, als "ossi", und manchmal überhöht als "metaoswald" oder "überoswald"). In wieder anderen Abschnitten bleibt er ausgeschaltet (etwa im "Essay"). Ungeachtet aller Verkleidungen--in fingierten Tagebuchaufzeichnungen tritt er sogar als Frau in Erscheinung (LXXXIV, die ferienreise.)--ist jedoch Wiener der im Grunde einzige "Protagonist" des Romans(18). Aber auch dieses "Ich" gibt es nicht als einheitliche Person.

Bereits in dieser Form drückt sich Un- oder besser Antitraditionelles aus. Wie vielfach in der experimentellen Literatur wird der Geschichtenerzähler verabschiedet und Lesererwartungen--sowohl im Hinblick auf Inhalt als auch Form--werden konsequent unterlaufen. Dabei darf nicht vergessen werden, daß der Roman ursprünglich auch als Fortsetzungsroman erschien (fast komplett, bis auf kleinere nachträgliche Zusätze)(19). Dies unterstreicht ebenfalls die gewollte Andersartigkeit.

Das Druckbild weicht gleichfalls von der Konvention ab. Die von der Wiener Gruppe und den Dichtern der Konkreten Poesie fast ausschließlich gebrauchte Kleinschreibung ist durchgehalten(20), und die Paginierung statt in den üblichen arabischen Zahlen in römischen Ziffern vorgenommen (was nur geübten Lateinern ein leichtes Seitenfinden erlaubt; der Roman hat insgesamt 207 Seiten). Die Kleinschreibung--sonst in der Literatur kaum oder gar nicht gebraucht, jedenfalls nicht in einem längeren Werk--sollte wohl diese propagieren(21). Man findet gar eine Zeile im Frakturdruck: "dieser satz ist in fraktur gedruckt" (XCIV). Eine grammatikalische Eigenheit ist das Weglassen des Kommas, um Simultaneität auszudrücken, z.B.: "(...) als stützpunkt für die errungenschaft einer eigenen wahrheit ein knoten ein feld." (XXIII, stell dir vor,). Die von der Norm abweichenden Brüche und "gags" wollen die Lektüre und die Gewöhnung erschweren, und ein Zug zum Elitären fehlt nicht(22). Selbst die Buchausgabe als solche ist ungewöhnlich: angeblich habe Wiener eine schmucklose Ausgabe auf schlechtem, holzhaltigem Papier, das erst extra hergestellt werden mußte, "verordnet"(23). Wer eine Ausgabe von 1969 in die Hand nimmt, glaubt und bestätigt das gerne.

Offensichtlich ist das herkömmliche Kunstwerk für Wiener untragbar und kann nicht aufrecht erhalten werden. Die Grenze zwischen Literatur und Nicht-Literatur zu ziehen, ist kaum möglich, ja eben diese Unterscheidung wird entschieden in Frage gestellt. So ist Wieners "Roman" ein Roman, weil diese Bezeichnung ausdrücklich Teil des Titels ist(24). Sonst gibt er sich--vorsätzlich--als wissenschaftliche Abhandlung: wir entdecken z.B. ein Vorwort, ein Register, Fußnoten, einen geschlossenen, wissenschaftlichen Aufsatz samt Anmerkungen ("notizen zum konzept des bio-adapters, essay"), und eine Bibliographie. Ebenso präsentieren sich innerhalb des Werkes verschiedene Formen wie z.B. das Szenario für ein Happening "Purim", die Beschreibung eines Bleistifts, und eine Art konkretes Gedicht (CXC). Im Text werden sich ausschließende Formen ineinander- und gegeneinandergesetzt. Dennoch ist die Bezeichnung "Roman" gerechtfertigt: zum einen will Wiener mit dieser Bezeichnung seine Leser irritieren, zum anderen handelt es sich eben um eine moderne, experimentelle Spielart, die gerade die Grenzen und Problematik der Romanform darstellt. Nach Simon Ryan ist die Verbesserung ein Anti-Roman, da sie keine Mimesis der Welt mehr versuche. J.A. Cuddon definiert Anti-Roman wie folgt, und das meiste davon trifft--selbstverständlich mit kleineren Abweichungen--auf die Verbesserung zu:

This kind of fiction tends to be experimental and breaks with the traditional story-telling methods and form of the novel. Often there is little attempt to create an illusion of realism or naturalism for the reader. It establishes its own conventions and a different kind of realism which deters the reader from self-identification with the characters, yet at the same time persuades him 'to participate' but not vicariously. (...) Some of the principal features of the anti-novel are: lack of an obvious plot; diffused episode; minimal development of character; detailed surface analysis of objects; many repetitions; innumerable experiments with vocabulary, punctuation and syntax; variations of time sequence; alternative endings and beginnings. [] Some of the more extreme features are: detachable pages; pages which can be shuffled like cards; coloured pages; blank pages; collage effects; drawings; hieroglyphics.(25)

Somit kann man die Verbesserung als Anti-Roman einordnen. Wiener geht allerdings nicht soweit, das Medium "Buch" zu überschreiten. Trotz aller Abweichungen wird die Kritik in einem Text, der in einer Literaturzeitschrift und als Buch veröffentlicht wurde, vorgetragen. Hans Mayer verteidigt die Bezeichnung "Roman" wie folgt: "Das Buch ist trotzdem ein "Roman", weil es geistiger Entwurf sein möchte, Konjektur"(26).

Der "Roman" steht zwischen Wissenschaft und Literatur, er ist als Vereinigungsversuch beides, und zugleich eine Denunziation beider: der "Roman" ist (pseudo-) wissenschaftlich, die Wissenschaft erscheint als Roman(27). Helmut Heißenbüttel deklariert im siebten seiner "13 Sätze über Erzählen 1967": "Die Entwicklung eines philosophischen Gedankens oder einer wissenschaftlichen Ableitung ist auch Erzählung", und Wiener hat das in den voraufgehenden Jahren demonstriert. Ebensowenig wie der Roman abgeschlossen werden kann, kann die Wissenschaft abgeschlossene Erkenntnisse darstellen. Wiener spricht sich im Text selbst gegen den Stil der Wissenschaft aus:

der schreibstil der wissenschaft,
diese knappe form, dieser logische aufbau, diese fülle von tatsachen, diese geschlossenheit, diese vollständigkeit, diese demonstrierte freiheit von widersprüchen, beinah möchte man glauben dass es wahr ist, dieses rotwelsch ist bestechend. (XX)

Der Roman ist das genaue Gegenteil dieser Beschreibung, selbst wenn und wo er sich wissenschaftlich gibt, zum Beispiel in dem Aufsatz über den Bio-Adapter (CXXXIV-CLXXIV). Wissenschaft und Literatur werden nicht getrennten Bereichen zugewiesen, sondern von derselben Warte aus betrachtet: als sprachliche Konstrukte.

Wiener begründet die offene Form seines Werkes mit der Behauptung, sein Verstand sei von jeglicher Systematik abgestoßen (Verbesserung, CXXXIV). Die Verbesserung, in der er ein formales Chaos schafft und präsentiert, demonstriert diese Anti- und Unsystematik. Er schreibt gegen die sprachlich vermittelte Abgeschlossenheit der Welt. Dieser Zustand ist nicht nur in der Form, sondern auch im Inhalt reflektiert. Die Materie sträubt sich ebenfalls gegen eine Systematisierung und erzwingt die gewählte Form der Formlosigkeit:

und zweitens hat mich die arbeit an meinem roman gelehrt, dass jede ernsthafte anstrengung fragmentarisch bleiben muss, ja dass nur das fragment ernstgenommen werden kann. (CXXXIV)

Als Konsequenz werden Form und Gehalt--Grundkonzepte aller Romantheorien außer vielleicht der romantischen oder von experimentellen Versuchen wie Laurence Sternes Tristram Shandy--völlig aufgelöst. Der "Roman" bleibt aufgrund dieser Anti-Systematik Fragment, da nichts vollständig abgeschlossen werden kann. Nur noch das Fragment ist als Form angebracht(28). Das betrifft auch den scheinbar abgerundeten Aufsatz über den Bio-Adapter (dessen Einleitung das obige Zitat entnommen ist). Zum einen ist auch dieser Aufsatz nicht abgeschlossen, zum anderen ist er als Teil des ganzen "Romans" zu sehen. Ausgehend von einem disparaten Sammelsurium wird Unform zur Form. Der Zweifel an der Formalisierung des Denkens und Sprechens und der dadurch ausgeübte Zwang, die sich im Inhalt ausdrükken, werden zum Strukturprinzip. Salopp formuliert Wiener: "form ist ein tripper" (XVII). In der Auflösung entsprechen sich inkohärenter Inhalt und inkohärente Form und lassen Wieners Werk gelingen.

Im Gesamttext sind verschiedene experimentelle Schreibweisen vorhanden, etwa die bevorzugt gebrauchte Technik der Montage (das ist der ganze Text). Ein Beispiel für einen "Text" innerhalb des Textes ist XIX:

geschlossenheit.
ich habe gebadet gelesen gedacht geblickt gerieben gesprochen ich habe mir weh getan gebeugt schritt dunst gerochen gelacht ich sah käse erinnert gescheuert ich zögerte in die hand genommen gegangen mehl metall gefühlt geschluckt geraten geblättert ich sagte erschrocken es war schwarz genossen genickt da kam konrad äpfel wasser gleich ringsumher, ich bin das, ganz von selber bin ich es. *)
den kopf halte steif fang an in den linken augenwinkeln, schau es an bis rechts (ruckweise ist dein blick er ist unstet du bist ein duckmäuser)
nimm die hacke.

Wir sehen in erster Linie eine assoziative Reihung von Perfektformen mehrerer Verben, gemischt mit einigen Imperfektformen. Was zuerst wie eine grammatische Übung aussieht, wird durch eine philosophische Aussage über die Behauptung des Ichs, der Individualität des Autors, unterbrochen. Den Abschluß bildet eine Anweisung, gefolgt von einem scheinbar beliebigen Satz, der keinen Bezug zum Abschnitt hat. Auch ein Absatz im Dialekt ist in den Text eingebaut (XLVIII), und "Appendix A" etwa präsentiert sich wie eine Schulübung:

der arme leo!
er hat nicht baden können.
er hat nicht...
schreib vier sätze auf!
fällt dir etwas auf? (CLXXXV)

Dieser didaktische Tonfall ist vielleicht auch eine Anspielung auf Wittgenstein, dessen Untersuchungen man--auch an anderen Stellen des "Romans"--heraushört ("Stell Dir vor...", "Denk nicht, sondern schau!")(29).

Wie in Lawrence Sternes Tristram Shandy ist fortwährend Kritik des Textes in den Text aufgenommen. Bereits auf der zweiten Seite (XII--die voraufgehenden Seiten enthalten das "Register") spricht Wiener zum Leser: "die seite voll und keine handlung, merkst du nicht wie ich herumsause" (unter "dichtung, grammatik."). Herumsausen bedeutet hier einen geistigen Prozeß, denn Handlung in herkömmlichem Sinne gibt es nicht. Es handelt sich um Reflexionen des Autors. Eine ausführlichere Selbstbeurteilung folgt auf L:

kritik der ersten neunundvierzig seiten.
meine meisterhafte sprachbeherrschung verführt mich häufig zu konservativen gedanken. mein humor ist allzu notorisch jener der amtsbekannten österreichischen intelligenz.
poesie leider ist öfters die frucht meines ärgers.
verflucht! die persönlichkeit ist so schwer zu bestreiten, die strafe ist stil.
obschon ich in der empfindung weit voran bin basteln die sätze ein zentrum.
der neunmalweise leser hat wenig schwierigkeit zusammenhang zu erfinden-er tut dies auf eigene rechnung.
zu wenig-vielzuwenig entsetzen bei der lektüre.
kannst du dasselbe ding mit verschiedenen sätzen sagen? allein dass du es immer wieder mit den sätzen meinst ist ein anhaltspunkt für die unsicherheit der welt.
(wird fortgesetzt)

Ein wichtiges Wort ist hier "erfinden". Es steht dem Leser anheim, den von Wiener verweigerten Zusammenhang zu konstruieren. Ebenfalls wie bei Sterne gibt es unvermittelt Einwürfe, z.B. eine nicht wahrgemachte Ankündigung: "ich kündige bereits hier ein kapitel über das fliegen an." (XL).

Wiener verläßt sich auch an vielen anderen Stellen auf das Verstehen (und Verständnis) des Lesers, etwa wenn er Bemerkungen wie die folgende im Raum stehen läßt:

sprachen,
cat.
aber auch einen satz in einen anderen satz übersetzen. (XIV)(30)

Selbst wenn, wie hier, das "Thema" verständlich ist, bleiben Absätze wie dieser dennoch oft vage, wenn nicht gänzlich unzugänglich. Dasselbe gilt für offensichtlich zusammenhangslos mitten in Abschnitten auftauchenden Feststellungen wie: "adalbert stifter ein psychotechniker" (XV), oder "wissenschaft ist science fiction, einstein das erste mitglied der vereinigten feldtheorie" (XVIII), oder: "überhaupt klatschen die ÖSTERREICHER einander auf die schenkel" (XLI). Sinn solcher Einschübe ist, unberechenbar zu sein und fortwährend gewöhnliche Erwartungsschemata zu untergraben. Das wird unterstützt durch die uneinheitliche Stilebene, die sich unter anderem durch den häufigem Gebrauch von Schimpfworten auszeichnet. Ein Lesefluß--der sich sowieso nur schwer einstellt--wird immer wieder verhindert.

Wieners Werk ist dekonstruktiv angelegt, indem es sich fortwährend selbst in Frage stellt. Es gibt immer wieder Brüche der Illusion, Prämissen und Erwartungen werden zerstört bzw. von Beginn verhindert.

bulletin. dem geneigten leser zum besseren verständnis. die weltrevolution
werden die anderen machen, ich hingegen werde mirs richten.
brüder ernährt mich, doch belehrt mich nicht.
euch zum segen bin ich euer parasit, meine tätigkeit würde euch die milch verrotzen. klarerweise kannst du mich auch abtun lassen, du gemeiner hund. (XXVI)

(Selbst-) Kritik ist impliziert, wenn auch nicht immer ernst gemeint. Das Werk existiert auf verschiedenen Ebenen: als "Roman", als Sprachkritik, als Wissenschaft, als Kritik und Aufhebung seiner selbst.

Formal und thematisch wird mit der literarischen Tradition radikal gebrochen, ohne daß eine neue begonnen wird. Wiener ist in seiner Demontage der Romanform am bislang weitesten gegangen. Sein Werk läßt keinen Neuanfang zu, will Ende, nicht Startpunkt sein. Wiener wird keinen Schritt weitergehen, er hat sich von der Literatur verabschiedet. Dieser Abschied läßt sich aus seinem Werk erklären und ist auch in seinem Text "Sag in Zukunft Oekonom zu mir" dokumentiert(31). Er ist darin konsequent und hat sich bisher nicht verleiten lassen, eine Fortsetzung zu beginnen oder in der Richtung der Verbesserung weiterzuschreiben. Ein solcher Versuch würde dazu führen, daß er hinter sich selbst zurückfiele und das, was er zerstören und überwinden wollte, selbst täte--traditionell "experimentell" schreiben. Das bedeutete die Selbstaufhebung des Erreichten(32). Die Verbesserung ist konzeptionell ein Unikum.

Es fällt auf, daß Wiener bisher vorwiegend kurze Aufsätze und kein zusammenhängendes, längeres Werk geschrieben hat. Im Hinblick auf die Verbesserung hängt dies sicher mit experimenteller Literatur und der Ablehnung der "Großform" Roman in ihren traditionellen Ausformungen, der Ablehnung seiner frühen Werke und wohl auch seiner generellen Arbeitsweise, seinen Interessen, und seinem Lebensstil zusammen.

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Anmerkungen

(12) Ein solches Inhaltsverzeichnis hat bei so disparatem Material natürlich wenig Sinn. Vgl. dazu z.B. Manfred Mixner, "Oswald Wiener", KLG-Kritisches Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Hrsg. Heinz Ludwig Arnold (München: Text & Kritik, 1978ff), und Wolfgang Heinz Schober, Erzähltechniken in Romanen (Wiesbaden: Athenaion, 1975). [Zurück]

(13) Wie noch zu zeigen sein wird, zeigen sich in solchen Sätzen sowohl Wieners Humor als auch eine sich wiederholt findende, absichtliche Illogik. Bernd Hagelstange meint, das zutreffend konstatierte "Umbiegen eines konstatierenden Stils ins ironische, oft humorvoll-absurde Gegenteil, in dem gedankliche und syntaktische Grenzen sich verwischen" diene dazu, "den Materialcharakter der Sprache hervortreten zu lassen" ("Die Thematisierung der Sprache im zeitgenössischen Roman: Studien zur Interpretation und Methodenkritik bei H. Heißenbüttels D'Alemberts Ende und O. Wieners Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman". Diss. U Münster, 1974) 166) kann ich nicht nachvollziehen. Es bleibt schließlich auch dem jeweiligen Leser überlassen, solche Stellen für nicht mehr als faule Witze und Kalauer zu halten. Dazu wäre anzumerken, daß Wiener und seine Freunde den Kalauer durchaus schätzten (vgl. Wieners "cooles manifest"). [Zurück]

(14) Vgl. Bodo Heimanns Kommentar: "Es ist aber nicht nur mühsam, sondern auch reizvoll, dieses Druckbild zu entziffern, das durch Textsinn und Textgestalt adäquat vermittelte Bild von Unordnung und Vermischung ist vielfach motiviert: Scheinbare Unkunst als besonders raffiniertes Bildmittel". Experimentelle Prosa der Gegenwart (München: Oldenbourg, 1978) Fußnote 12 (88-92). [Zurück]

(15) Raymond Furness und Malcolm Humble schlagen auch den Bioadapter-Aufsatz zum Hauptteil: "(...) it consists of a foreword of 170 pages followed by three appendices and an extensive bibliography." A Companion to Twentieth-Century German Literature (London/New York: Routledge, 1991) 296. [Zurück]

(16) Paul Kruntorad (Kindlers Ö, 225) zählte "mehr als 1600 Titel", und Bernd Hagelstange spricht von 1400 Werken. Das zu verifizieren schien mir nicht sehr sinnvoll. [Zurück]

(17) Personenverzeichnisse z.B. bei Tolstoi (Anna Karenina) mögen sinnvoll sein. Ein Begriffsverzeichnis erwartet man in der Literatur jedoch kaum, dafür aber in wissenschaftlichen Abhandlungen. Es schafft daher hier einen (pseudo-) wissenschaftlichen Eindruck, der unterlaufen wird indem das Verzeichnis nicht vollständig ist.

Die Buchliste gewährt einige Aufschlüsse über die Tradition, in der die Wiener Gruppe und natürlich Oswald Wiener stehen. [Zurück]

(18) Wilfried Ihrig will das offenlassen (Literarische Avantgarde, 200/1). Wiener erwähnt sich aber oft genug selbst--sowohl in der ersten Person als auch in der dritten Person (als "ossi")--und es gibt keine Anzeichen anzunehmen, er schreibe nicht von sich. [Zurück]

(19) Eine Bemerkung zur Veröffentlichungsgeschichte: die Veröffentlichungsweise des Textes als work-in-progress läßt erkennen, daß ein übergreifender Zusammenhang nicht besteht und wohl nicht beabsichtigt war. Dies geht auch aus dem Inhalt hervor. Ferner ist leicht zu sehen, daß und warum es zwischen den einzelnen Textteilen manche Widersprüche gibt. Der Autor hat beim Verfassen entwickelt (knapp vier Jahre liegen zwischen dem Abdruck des ersten und des letzten Teils). Außerdem kann man gegensätzliche Meinungen haben, da man sich nicht sicher ist, sich nicht entscheiden kann. Dies zeigt eine Entwicklung der Position--sofern man davon sprechen kann, daß das eine Rolle spielte.

Es gibt einige kleinere Unterschiede zwischen der Version der manuskripte und der Buchausgabe. Dabei handelt es sich vorwiegend um Zusätze oder geringfügige Änderungen in der Buchausgabe. Es fehlt z.B. das "register" und es gibt eine andere Vorbemerkung in den manuskripten. Die späteren Zusätze sind vom Autor mit einem (A) gekennzeichnet (vorwiegend Anmerkungen in Fußnoten). [Zurück]

(20) Das schließt die Umschreibung des ß als ss ein. [Zurück]

(21) Als Vorgänger wäre die frühen Germanistiker um Eduard Lachmann oder etwa Stefan George zu nennen. In der neueren Literatur findet sie sich bei Gisela Elsner und Elfriede Jelinek. Diese Autoren hatten damit jedoch etwas anderes im Sinne. [Zurück]

(22) Ein älteres, bekanntes Beispiel wäre Laurence Sternes The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (Harmondsworth: Penguin, 1983), in dem sich z.B. ein schwarzes Blatt (61/2), ein marmorgemustertes Blatt (233/4), eine weiße Seite (451), auf welcher der Leser zeichnen darf, und Graphen zur Darstellung der Handlung, Spannungskurve und Produktivität (454/5) befinden. An manchen Stellen ist die Reihenfolge der Kapitel vertauscht. Der Titelheld wird erst am Ende geboren, ja der Roman dreht sich um diese Geburt. Schließlich sind die Teile des Romans auch in Fortsetzungen erschienen. Es böte sich auch ein Vergleich zu Denis Diderots Jacques le fataliste et son maitre an. [Zurück]

(23) Vgl. N.N., "Wiener--Anwalt der Schizoiden", Der Spiegel 7. Juli 1969: 118. [Zurück]

(24) Dieser Umstand wird von vielen Rezensenten und Kritikern übersehen. Herbert Rosendorfer, "Ein literarisches Fossil", Über das Küssen der Erde, 106, vermutet, daß der Zusatz vom Verlag ist und nicht vom Autor. Das scheint unwahrscheinlich, da der Inhalt durchaus einen solchen Titel des Autors bestätigt, der Anspruch paßt zum Ungewöhnlichen und Provozierenden. Außerdem drückt sich darin der Wille des Autors aus, Vorgaben selbst zu bestimmen und die Rezeption zu beeinflußen. [Zurück]

(25) Vgl. Simon Ryan, "New Directions in the Austrian Novel", The Modern German Novel, Hrsg. Keith Bullivant (Leamington Spa: Wolff, 1987) 47. J.A. Cuddon, A Dictionary of Literary Terms (London/Harmondsworth: Penguin, 1979) 47. [Zurück]

(26) Hans Mayer, "Zur aktuellen literarischen Situation", Die deutsche Literatur der Gegenwart. Aspekte und Tendenzen, Hrsg. Manfred Durzak (Stuttgart: Reclam, 1971) 74. [Zurück]

(27) Siehe hierzu Karl Kraus oder Robert Musil. Helmut Heißenbüttel schreibt im siebten seiner "13 Sätze über Erzählen 1967" (Positionen des Erzählens, Hrsg. Heinz Ludwig Arnold & Theo Buck (München: Beck, 1976) 186): "Die Entwicklung eines philosophischen Gedankens oder einer wissenschaftlichen Ableitung ist auch Erzählung". [Zurück]

(28) In der Romantik, etwa bei Schlegel, ist das Fragment ein ernstes Spiel. Vgl. dazu Johan Huizinga, Homo ludens.

Wieners Roman ist ein Spiel mit den Möglichkeiten, er versucht, Normen auszureizen um zu sehen, was passiert.

Vgl. hierzu Bernd Hagelstange, der Wiener vorzuwerfen scheint, seine Kritik nicht kohärent vorgebracht zu haben (Hagelstange, 193/4). Dazu wäre zu sagen, daß es--wenn man Sprache attackiert--keinen Unterschied macht, ob diese Attacke als Fragment oder als zusammenhängender Text vorgebracht wird. Außerdem gibt es einen Unterschied zwischen System und Baustein bzw. Fragment und abgeschlossenem Text: hinter dem jeweiligen Gebrauch steht ein ganz anderer Anspruch, und bei Wiener wäre der, daß es gerade um den Aufbruch von Geschlossenheitsvorstellungen geht. Darüber hinaus soll ja gerade auch die Form das Anliegen herausstreichen. [Zurück]

(29) Philosophische Untersuchungen (New York: MacMillan, 1959), 31 (§66). [Zurück]

(30) Zu dem Übersetzungsproblem vgl. die rechte Spalte auf XXXV, wo die selben Wörter wieder aufgenommen werden. [Zurück]

(31) Die Schastrommel 3 (1970). [Zurück]

(32) Gerhard Melzer (Zmegac, 761/2) konstatiert, daß die Einstellung literarischer Aktivitäten die logische Konsequenz ist. In der Verbesserung seien die Experimente der Wiener Gruppe auf die Spitze getrieben, ergo zu Endpunkten geworden. [Zurück]


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