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[ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] UTOPIEHinter der in der Verbesserung vorgetragenen Kritik verbirgt sich eine Utopie. Diese kommt natürlich am deutlichsten in der Bioadapter-Skizze zum Ausdruck. In Rezensionen und in der Literatur insgesamt wird diesen Aspekt der Verbesserung hingedeutet. Dieser Hinweis ist vor allem auf die Abschnitte über den Adapter bezogen, der tatsächlich zu einem beträchtlichen Teil eine utopische Vorstellung ist. Gleichzeitig kann der Bio-Adapter im Kontext der Verbesserung auch als Satire gelesen werden, als ein kritischer Blick auf die Gegenwart im überzogenen, verfremdend futuristischen Gewand.Der Ausgangspunkt der meisten Utopien--und so auch Wieners--ist Unzufriedenheit mit und Kritik an gegenwärtigen Verhältnissen durch Entwürfe einer Zukunft(90). Die Utopie ist eine Extrapolation und Spekulation über die mögliche oder wahrscheinliche Weiterentwicklung dieser Verhältnisse in der nahen oder fernen Zukunft. Diese Zukunftszeichnung kann positiv sein, wenn gezeigt werden soll, für welch erstrebenswerten Ziele Anstrengungen unternommen werden sollen. Sie kann auch negativ sein, wenn gezeigt werden soll, welche Entwicklungen es--bereits in der Gegenwart--zu verhindern gilt. Der Adapter ist ein Modell dessen, was uns erwarten könnte, nimmt aber hier eine zwiespältige Stellung ein. Zum einen kann er--humanistisch gesehen--als Provokation verstanden werden, die die Aufforderung enthält, einen derartigen Apparat zu verhindern. Zum anderen ist die Adapter-Utopie durchaus positiv gezeichnet, sie gewährt dem Menschen alles (zu gewissen Kosten). Die Folgerung wäre dann, daß es die Entwicklung voranzutreiben gilt, um den Adapter so schnell als möglich verwirklichen zu können. Wieners Ansatz ist eine Auseinandersetzung insbesondere mit dem modernen westlichen Fortschrittsglauben, mit der Pragmatik, und schließlich mit dem modernen Wissenschaftsverständnis. Sein Adapter ist ein abstrakt-technokratisches, menschenloses Utopia, ganz in Gegensatz zu anderen, "klassischen" utopischen Werken, in denen sich gewöhnlich ein Held in einer nach neuen Idealen aufgebauten Gesellschaft befindet(91). Bei Wiener gibt es weder Helden noch eine Gesellschaft, nur die für sich existierenden Adapter mit ihren Inhalten. Im Text heißt es einmal auf den Roman-Titel bezogen, Mitteleuropa könne nur verbessert werden, indem man es vernichte(92). Das erklärte Ziel zur Menschheitsrettung und Weltverbesserung wird durch die Abschaffung des Menschen erreicht (wobei Abschaffung vor allem die Abschaffung des "traditionellen" Menschen bedeutet, und nicht schlechterdings die Abschaffung der Spezies). Der Titel des Romans ist etwas irreführend, die Wienersche Utopie enttäuscht eine positive Erwartungshaltung des Lesers, denn in ihr wird (Mittel-) Europa nicht "verbessert" (was ein Weiterbestehen voraussetzt), die ganze Menschheit findet--nach traditionellen Begriffen bemessen--ihr Ende(93). Wieners negativ scheinende Utopie ist positiv zu verstehen. Die zynisch-ironisch anmutende Beschreibung der Wirklichkeit der Adapterwelt soll zum Denken anregen. Wiener präsentiert den Adapter dabei als die beste Chance und Hoffnung der Menschheit. Sein kybernetisches Utopia ist ein Segen, weil der jetzige homo sapiens wie die Saurier aussterben wird, indem er sich mit dem Bio-Adapter selbst entmündigt und in seiner Eigenheit abschafft. Gerade darin liegt sein Vorteil. Dies ist gleichzeitig ironisch gemeint und vielleicht als Aufruf zu sehen, die Leistung des Adapters ohne den Adapter zu erreichen (d.h. Sprache abzulegen). Mit gewöhnlichen Begriffen bemessen ist der Adapter keine Utopie, sondern eine Anti-Utopie--und meiner Meinung nach eine stärkere als die oft so bezeichneten Utopien von Evgenij Zamjatin, Aldous Huxley, George Orwell oder anderen, denn in letzteren überlebt der Mensch im großen und ganzen in seiner jetzigen Verfassung, revoltiert und ändert die Gesellschaft oder endet in einem Freiraum. Bei Wiener ist das nicht der Fall, und nach ihm ist die vollständige Änderung des Menschen nur von Vorteil bzw. unabdingbare Voraussetzung. Der Teil der Verbesserung über die Adapter-Utopie ist aber auch eine Erzählhaltung und muß daher relativiert werden. Der Aussage fehlt die Horrorvision wie bei Orwell oder Huxley, sie kann im Kontext eines Stilmittels--wie es so viele verschiedene in der Verbesserung gibt--interpretiert werden. Wieners Utopie ist negativ. Er will damit tatsächliche Entwicklungen satirisch erfassen will. Er macht sich über die Selbstfindung- und Bewußtseinserweiterungswelle lustig. Die Aktionen des Wiener Aktionismus waren auf Körperlichkeit basiert, und jetzt will er sich davon verabschieden zugunsten reiner Geistigkeit. Das Ziel scheint ehrenwert zu sein--war nicht das Transzendieren der menschlichen Eingeschränktheit seit jeher ein Ziel vieler Bemühungen?--aber es ist natürlich schwierig, sich von bestimmten anthropologischen Vorstellungen über die eigene Art lösen, und Wiener ist hart, unsentimental und ungerührt in seiner Darstellung. Gleichzeitig ist er abwesend und damit pseudo-objektiv. Dies bewirkt einen Anschein der Richtigkeit, die natürlich nicht zutreffen muß. In der deutschen Literatur ist wenig mit dem Adapter Vergleichbares zu finden ist, auch nicht in Science Fiction. Allerdings hat der Bio-Adapter außer einiger Elemente nicht viel mit Science Fiction gemein. Wenn man unter Science Fiction die triviale Variante versteht, bei der es sich um gängige Abenteuerromane handelt, die in anderem, zukünftig-exotischem Äußerem spielen, dann ist das nicht der Fall. Versteht man unter Science Fiction die technologischen Space Operas, in der die technische Entwicklung größte Fortschritte machte und die Menschheitsprobleme beseitigt sind, so hat das dennoch wenig mit dem Bio-Adapter zu tun, auch wenn sich hier eine Gemeinsamkeit zu zeigen scheint. Bei Wieners Adapter geht es um grundsätzliche philosophische Reflexionen und eben nicht technische Aspekte als solche. Der Adapter ist eine ernstzunehmende Prophetie, selbst wenn es ihn in der von Wiener skizzierten Form nie geben wird. Eine moderne literarische Entsprechung, vor allem aus dem und im amerikanischen Sprachraum, findet sich im sogenannten cyberpunk (einer Untergattung des Science Fiction), dessen zur Zeit wohl aufsehenerregendster und erfolgreichster Vertreter William Gibson sein dürfte mit Werken wie Neuromancer, Count Zero, Mona Lisa Overdrive, oder den Erzählungen in Burning Chrome(94). Diese drehen sich um ähnliche Konzepte einer "möglichen Welt", in der die Gegenwart extrapoliert ist und in denen eine eigene Computerrealität (der cyberspace--in anderen Werken auch hyperspace genannt) dargestellt wird, die nur künstlich existiert, in der man aber "echt" leben kann. [ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] [ Zum Seitenanfang ] Anmerkungen (90) Vgl. Urs Widmer, "Nein, diese Suppe ißt er nicht", Frankfurter Allgemeine Zeitung 11. März 1969: "Man kann sie als hoffnungsfrohe Utopie einer grenzenlos glücklichen Menschheit lesen, man kann darin auch bösen Pessimismus sehn: die totale Nivellierung der Menschheit und ihre Aufhebung." Man vergleiche zum Thema etwa Jonathan Swifts Gullivers Travels, die ebenfalls in der Utopie die Gegenwart anprangern (besonders deren letztes Kapitel). [Zurück] (91) Vgl. z.B. Samuel Butler, Erewhon, oder Looking Back von Edward Bellamy, George Orwell, Aldous Huxley, Evgenij Zamjatin. Der Menschen überlebt; die neue Gesellschaft kann "ideal" und "perfekt" sein in zweierlei Weise: als Horrorbild--totalitäre Staaten wie etwa bei Orwell--oder als Paradies, etwa Bellamy. Oftmals sind die Darstellungen sehr ähnlich und werden nur anders interpretiert bzw. vom Autor manipuliert: was beim einen ein perfekt organisierter Staat ist, in dem absolute Gleichheit und Gerechtigkeit herrscht, sieht der andere als Unterdrückung und Vermassung. [Zurück] (92) Vgl. zur Weltvernichtung als Lösung der Menschheitsproblem Artur Schopenhauer, Ulrich Horstmann (Das Untier), oder Thomas Bernhard (Der Weltverbesserer). Wiener relativiert auch die Wichtigkeit des Titels; an einer Stelle sagt er, dieser Titel sei dem Buch geblieben, weil er ihm "gefallen" habe. [Zurück] (93) Das hat manche Kommentatoren nicht davon abgehalten, kurzerhand Mitteleuropa mit der Welt gleichzusetzen. [Zurück] (94) Neuromancer (New York: Ace, 1984), Count Zero (New York: Ace, 1987), Mona Lisa Overdrive (New York: Bantam, 1988), Burning Chrome (New York: Arbor House, 1986). [Zurück] [ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] [ Zum Seitenanfang ] |