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EXPERIMENTELLE LITERATUR

Die Werke der Wiener Gruppe ebenso wie die Verbesserung werden zur sogenannten "experimentellen Literatur" gerechnet. Der historische Hintergrund für experimentelle Literatur--als Teil der "modernen" Literatur dieses Jahrhunderts--ist das Aufkommen des "wissenschaftlichen Zeitalters" seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Gemeint ist damit der durch wissenschaftliche Betrachtungsweisen der Welt bedingte, oft beschworene Verlust einer einheitlichen Weltauffassung und einer gemeinsamen, festen Wirklichkeit im 20. Jahrhundert. Die traditionellen literarischen Mittel zur Erfassung von Realität und zum Ausdruck eines gewandelten Lebensgefühls entsprachen nicht mehr der Zeit und änderten sich dementsprechend. Das bedeutete, daß sie zum einen wissenschaftlich, zum anderen fragmentarisch wurden (was später mit experimentell gleichgesetzt wurde). Ein anderer Anspruch moderner Literatur war, daß sie--wie Wissenschaft--durch Reflexion über sich und die Welt "Erkenntnis" produzieren sollte. Diese Erkenntnis war selbstverständlich anderer Art als naturwissenschaftliche.

Für den Roman hieß das: seine wie auch immer fragmentarische Form entspricht dem Fragment Welt, die nicht mehr (auch nicht in Ausschnitten) als Ganzes, Abgeschlossenes und Einheitliches erfaßbar ist und nicht mehr entsprechend wiedergegeben werden kann(1). Ähnliches gilt für die Sprache, die ebenfalls nicht mehr Realität per se erfassen kann und ihren Anspruch auf Absolutheit und Unhinterfragbarkeit verliert. Die traditionelle epische Darstellung entsprach dem neuen Weltbild nicht mehr und büßte ihre Rolle zunehmend ein.

"Experimentelle Literatur" war eine heute bereits historische Phase der modernen Literatur; ihre Blüte war vor allem die Nachkriegszeit bis etwa 1975 und umfaßte verschiedene Phasen, deren bekannteste die konkrete Dichtung ist. Ihre Wurzeln hat experimentelle Literatur in der sprachreflektierenden und sprachkritischen Literatur im Allgemeinen, etwa bei Hamann, Herder und Humboldt. In ihr zeigt sich die starke Wirkung des linguistic turn, der Hinwendung auf Sprache als dem Untersuchungsgegenstand der Philosophie, wie sie vor allem zur Mitte des 20. Jahrhunderts aktuell wurde, besonders durch Ludwig Wittgenstein, dessen Werk einen weitreichenden Einfluß hatte. Selbstverständlich steht auch Wittgenstein in einer Tradition, die sich von Hamann bis Mauthner und weiter spannt. Es ist offensichtlich, daß die Literatur, deren Material und Medium ja die Sprache ist, davon betroffen war. Experimentelle Literatur zeichnet sich aus durch Experimente vor allem in und mit der Sprache, aber auch mit literarischen Formen, die als überholt angesehen wurden. Helmut Heißenbüttel definiert demgemäß "experimentell" als Erprobung der Möglichkeiten der Sprache im wissenschaftlichen Sinne(2). Sprache wurde dabei als ein von jeglichem Wirklichkeitsbezug abgelöstes Zeichensystem verstanden. Die Betrachtung von Inhalten trat dabei oftmals zurück. Ähnlich wie in der Wissenschaft, weiß man auch beim literarischen Experimentieren nicht, was das Resultat sein wird. Ein wichtiges Anliegen experimenteller Literatur war die ästhetische Revolte. Erzählerische Aspekte wurden verändert, alte, traditionelle Formen aufgebrochen. Die Autoren der experimentellen Literatur benutzten hauptsächlich Kurzformen, allen voran das (konkrete) Gedicht, nicht zuletzt da diese sich am tragfähigsten erwiesen. Gerhard Priessnitz und Mechthild Rausch konstatieren,

die experimentelle literatur kennzeichnet ferner, daß sie auf die etablierten großformen oder gattungen in der regel verzichtet. sie tut dies nicht aus willkür, sondern deshalb, weil diese mit ihren methoden nicht vereinbar sind.(3)

In der Tat wurden Entscheidungen über Methode vor solchen über Form gestellt. So sprach man z.B. von "Texten" und nicht mehr von "Literatur" bzw. in Gattungsbegriffen(4). Für die Wiener Gruppe trifft das, wenn auch mit Einschränkungen, zu. Zu den bevorzugten Mitteln gehörten Montagen, Zitate, Aleatorik und Permutationen ("aleatorisch" kommt von würfeln und bezeichnet den Einschluß von Zufallselementen(5); Permutationen heißen Textänderungen nach vorgegebenen Prinzipien). Eine weitere Prämisse war die Abschaffung nicht nur des Erzählers, sondern des "Erzählens" selbst zugunsten der Diskussion intellektueller Gehalte(6).

Experimentelle Literatur wurde von der traditionellen Kritik als zu kopflastig, "unrealistisch", ja unverständlich kritisiert (und das gilt auch für die Verbesserung)(7). Von einem politischen Ansatz aus wurden die Versuche experimenteller Autoren als unkritisch, kooptiert, als nur reproduzierend statt kritisierend, als Widerspiegelung statt als Veränderung, oder schlicht mit dem Etikett "kleinbürgerlich" versehen zurückgewiesen. Darüber hinaus wurde sie oft als allzu narzissistisch mit sich selbst beschäftigt, selbstreflexiv, sich selbst als Thema nehmend (und dabei verbleibend) abgelehnt. Ein Hauptpunkt der Kritik betraf die Beschränkung auf Sprache als Material und die Aussparung der Wirklichkeit, da dabei der tatsächliche Sprachgebrauch außer Betracht blieb und Bezüge zur Existenz verneint wurden. Das primär sprachlich-formale Anliegen wurde dem Ziel einer Realitätsbeschreibung und Bewußtseinsveränderung, die oft als Anliegen der Literatur gesehen wurden, als unzureichend bzw. abträglich empfunden. Bodo Heimann bringt die Kritik auf den Punkt:

Es [das Dilemma, HK] zeigt sich auch darin, daß sich die Bewältigung von Wirklichkeit zunehmend auf das Problem der Bewältigung von Sprache reduziert. Existenzprobleme werden zu semantischen Problemen.(8)

Tatsächlich ist fraglich, ob durch solche Literatur Bewußtseinsveränderung--via Sensibilisierung für Sprache--erzielt werden kann, ob sie also gesellschaftskritisch wirksam zu sein vermag, oder ob--wie ihr vorgeworfen wird--die experimentellen Methoden letztlich nur formale Spielereien bleiben(9).

Oswald Wieners 1969 in der Buchausgabe erschienener Text Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman(10) wird in literargeschichtlich-kritischen Darstellungen zu recht als ein Paradebeispiel für ein extrem experimentelles Werk angeführt. Der Roman paßt in vielem zur literarischen und politischen Zeitstimmung und Zeitströmung. In bestimmten Punkten weicht er aber dennoch ab, wie ein genauerer Blick zeigt.

Wiener hat die Verbesserung 1962, zwei Jahre vor dem Ende der Wiener Gruppe, zu schreiben begonnen. Obwohl er sich von seinen damaligen Werken distanzierte, geht der Roman aus den Produktionen der Wiener Gruppe hervor und ist in ihrem Zusammenhang als eine konstruktivistische Vereinigung vieler Mittel und Aspekte der Produktion der Gruppe zu sehen. Er transzendiert sie aber auch und enthält Elemente aus dem Wiener Aktionismus.

Wiener befaßte sich mit vielem, was zur Zeit des Entstehens der Verbesserung aktuell war: Linguistik (z.B. Edward Sapir und Bejamin Whorf), Psychologie (z.B. Ronald D. Laing), Kybernetik, Informatik (Norbert Wiener) u.a. Er widmet sich in seinem "Roman" diesen und anderen Themen, z.B. der Philosophie, Mathematik und Politik, geht aber nicht immer in weiteren Ausführungen auf sie ein, bleibt kursorisch. Insofern ist die Verbesserung ein "enzyklopädisches" Werk.

In der Verbesserung zeigt Wiener Zusammenhänge zwischen Sprache, Ideologie, und Literatur, und es geht um Reflexionen und Implikationen des Darstellungs-, Schreib- und Beschreibungsversuches (11). Sein Text ist eine Kritik der Sprache, des Romans, und der Literatur, möglicherweise aber auch eine Kapitulation vor den Mechanismen der Sprache. Inhaltlich geht Wiener auf Fragen zurück, die bereits von "nicht-experimentellen" Autoren vor ihm behandelt wurden, z.B. die Darstellung der Sprachkrise in Hugo von Hofmannsthals bekanntem Chandos-Brief von 1902. Manche dieser Fragen sind bei Wiener radikalisiert, und er diskutiert etwa das Thema Sprache nicht nur, er verleiht seinem Zweifel auch explizit formalen Ausdruck.

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Anmerkungen

(1) Das zeigt sich schon im Ich-Zerfall, der z.B. im Expressionismus eine Rolle spielte. Vgl. etwa C.A.M. Noble, Sprachskepsis. Über Dichtung der Moderne (München: Text & Kritik, 1978). Bereits Hegel hatte das dargestellt. [Zurück]

(2) Vgl. Helmut Heißenbüttel, "13 Hypothesen über Literatur und Wissenschaft als vergleichbare Tätigkeiten" (1965), Über Literatur (Olten: Walter, 1966). Mit Heinrich Vormweg veröffentlichte er den Briefwechsel über Literatur (Neuwied: Luchterhand, 1969). Zu Helmut Heissenbüttel und "Sprache" vgl. Heimann, Hartung und Noble.

Das führte dazu, daß Literatur "literarisch" wurde, da dieses Experimentieren zuerst (und oft genug ausschließlich) Sache des Autors war. Leser blieben oft per definitionem aus dem Prozeß ausgeschlossen. Es wurde ihnen nichts mitgeteilt. Ein Resultat waren Werke, die sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen, sondern die sich um sich selbst drehen. [Zurück]

(3) "Tribut an die Tradition. Aspekte einer postexperimentellen Literatur", Drews/Laemmle, 122. In der Fußnote dazu nennen sie u.a. Wieners Verbesserung als Ausnahme, die aber letztlich doch keine ist: "ihr vorhandensein widerspricht unserer argumentation jedoch nicht, weil in ihnen die gattung ad absurdum geführt, bzw. als unmöglichkeit ausgewiesen wird" (148). Gerhard Rühm teilt mit (im Nachwort zu Konrad Bayer Symposion Wien 1979, Hrsg. Gerhard Rühm (Linz: Neue Texte, 1981) 241), daß es der Wiener Gruppe anachronistisch erschien, einen Roman zu schreiben. Er berichtet auch von Wieners Skrupeln beim Verfassen der Verbesserung wegen Zweifel bzw. zu großer Ansprüche an die Großform Roman.

Es mag hier auch Parallelen und Ähnlichkeiten zu anderen literaturgeschichtlichen Perioden geben, bei denen sich gewisse Formen zur Vermittlung mehr als andere anboten und bevorzugt wurden. Im Impressionismus z.B. findet man vorwiegend Gedichte, in Realismus und Naturalismus hingegen kaum; dort finden sich vorwiegend Romane und Schauspiele. [Zurück]

(4) Vgl. dazu das Werk Max Benses und anderer "Texttheoretiker". [Zurück]

(5) Vgl. Manfred Durzak, "Zitat und Montage im deutschen Roman der Gegenwart", Die deutsche Literatur der Gegenwart. Aspekte und Tendenzen, Hrsg. Manfred Durzak (Stuttgart: Reclam, 1971) 211-29. Zu Aleatorik, besondes im Hinblick auf die Wiener Gruppe, vgl. Anselm Maler, "Aleatorische Epik. Bemerkungen zur romantischen Reminiszenz im zeitgenössischen Roman: Kühn, Kieseritzky, Heißenbüttel, Wiener", Positionen im deutschen Roman der sechziger Jahre, Hrsg. Heinz Ludwig Arnold u.a. (München: Text & Kritik, 1974) 127-46. [Zurück]

(6) 1968 verkündeten Teilnehmer der Studentenrevolte in Deutschland den Tod der Literatur. Kurt Batt, ein Literaturwissenschaftler aus der ehemaligen DDR, konstatiert für die Zeit von 1968 bis 1972 "Die Exekution des Erzählers". Wie er in seinem gleichnamigen Artikel (und Buch) feststellt, sei diese von mehreren Autoren angestrebt und in einigen Werken--insbesondere der konkreten und experimentellen Literatur--auch erfolgreich durchgeführt worden. Batt und die Studenten (deren Sprachrohr Hans Magnus Enzensberger war) sprechen natürlich von verschiedenen Dingen: dem einen geht es um literaturinterne, erzähltechnische Aspekte, den anderen um die literaturexterne, gesellschaftliche Funktion und Relevanz von Literatur. Siehe Kurt Batt, Die Exekution des Erzählers. Westdeutsche Romane zwischen 1968 und 1972 (Frankfurt/Main: Fischer, 1974); "Die Exekution des Erzählers", Sinn und Form 6 (1972): 1248-77; 2 (1973): 397-431; Revolte Intern (Leipzig: Reclam, 1974. München: Beck, 1975). Zu konkreter und experimenteller Literatur vgl. die Überblicke bei Heimann, Hartung u.a. Siehe Bibliographie für Angaben. [Zurück]

(7) Selbstverständlich gibt es "die" experimentelle Literatur nicht. Es gab verschiedene Autoren, die sich zu einer bestimmten Zeit aus bestimmten Gründen bestimmter Mittel bedienten. Dabei lassen sich natürlich Unterschiede feststellen. Ebenso steht auch die experimentelle Literatur in einer gewissen Tradition, z.B. spielt Wissenschaft bei Robert Musil eine große Rolle, oder Thomas Mann diskutiert Probleme, die mit ihr zusammenhängen. [Zurück]

(8) "Experimentelle Prosa", Die deutsche Literatur der Gegenwart, Hrsg. Manfred Durzak (Stuttgart: Reclam, 1976) 231. [Zurück]

(9) Zur differenzierenden, aber--im Gegensatz zu H.M. Enzensberger--insgesamt positiven politischen Kritik der experimentellen Literatur vgl. besonders den Aufsatz von Rainer Nägele, "Die Arbeit des Textes: Notizen zur experimentellen Literatur", Deutsche Literatur der Bundesrepublik seit 1965, Hrsg. Paul Michael Lützeler & Egon Schwarz (Königsstein: Athenäum, 1980) 30-44, besonders 30-2. Auch Berg et.al. in der Sozialgeschichte bewerten sie positiv, und ähnlich, im Sinne Adornos, Bernhard Sorg, "Abgesänge. Die Wiener Gruppe als Paradigma", Sprachkunst - Beiträge zur Literaturwissenschaft 2 (1976): 279-93. [Zurück]

(10) Ein erster, im weitesten Sinne "experimenteller" Aspekt ist die Veröffentlichungsweise als Fortsetzungsroman. Daß gerade dieser Roman in dieser Form erscheint, ist gewollt untypisch. Sonst war dies hauptsächlich der Trivialliteratur vorbehalten, zumindest zu dieser Zeit. Aber auch Werke wie William Thackerays Vanity Fair oder Laurence Sternes Tristram Shandy wurden in Fortsetzungen veröffentlicht. [Zurück]

(11) Der Roman ist transzendent-transzendental angelegt, d.h. er stellt die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit = Versprachlichung des Schreibens. [Zurück]


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