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[ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] DIE WIENER GRUPPEIm Kontext dieser Verdrängung und dieses Nachholbedarfes formierte sich die innovative Wiener Gruppe bzw. "fanden sich" ihre Mitglieder. Die Gruppe konstituierte sich zwischen 1952 und 1954 als eine eher lose Verbindung von gleichgesinnten Freunden. Mitglieder dieser ursprünglich informellen Gruppierung waren Friedrich Achleitner, H.C. Artmann(12), Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener. Diese individualistischen Autoren wurden später als Wiener Gruppe bekannt und identifiziert, nachdem die Autorin Dorothea Zeemann, eine der Geliebten Heimito von Doderers, sie in einer Besprechung vom 23. Juni 1958 im Neuen Kurier als "Wiener Dichtergruppe" bezeichnet hatte(13).Gemeinsam war den Mitgliedern der Wiener Gruppe das Interesse an den im christlichen Ständestaat und dem Dritten Reich marginalisierten und unterdrückten literarischen Strömungen und Traditionen, die damals in Österreich überall zu verspäteter Wirkung kamen, vor allem Dada und Surrealismus, den poètes maudits, aber auch am Expressionismus, insgesamt dem, was man Anfänge der literarischen Moderne nennen könnte (14). Gerhard Rühm stellt die Wiener Gruppe in diese Tradition: artmann besass ein schon ziemlich mitgenommenes exemplar von soergels "dichtung und dichter der zeit - im banne des expressionismus", das für uns eine wichtige informationsquelle wurde, vor allem die kapitel über den "sturm", august stramm und "dada". auch die "anthologie der abseitigen" herausgegeben von carola giedion-welcker (bern 1946) hatten wir uns beschafft. im amerikahaus entdeckten wir die "last operas and plays" der gertrude stein, holz, scheerbart, carl einstein, stramm, schwitters, nebel, behrens, raoul hausmann, serner, arp, gertrude stein - das waren dichter, die, sofern überhaupt bekannt, kaum zur kenntnis genommen und als zu recht verschollene aussenseiter abgetan wurden. für uns repräsentierten sie die aufgefundene, eigentliche tradition, der sich unsere bestrebungen organisch anschlossen. wo soll es weitergehen, wenn nicht sinngemäss bei den "endpunkten"?(15) Der Anfangstreffpunkt war der vom Artclub gemietete strohkoffer in Wien(16). Der Artclub war ursprünglich die 1947 von dem Heimito von Doderer nahestehenden Maler und Schriftsteller Albert Paris Gütersloh gegründete österreichische Sektion des internationalen Artclubs, eine Vereinigung von relativ fortschrittlichen bildenden Künstlern, in der bald auch Schriftsteller und Musiker vertreten waren. Die ersten Kontakte der Gruppenmitglieder kamen ab 1952 über Artmann zustande, der dem Artclub eine Sektion für Schriftsteller angliedern wollte. Später traf man sich in wechselnden Lokalen und Veranstaltungsorten, z.B. in der Nähe der Kärntnerstraße in der Adebar, wo man den Club Exil gründete, im Café Glory gegenüber der Wiener Universität, oder im franziskan catacombes club im Keller unterhalb von Artmanns literarischem Theater Die kleine Schaubühne, wo man Feste mit Namen wie "Soirée mit illuminierten Vogelkäfigen" oder "Pompös-macabres Fest zu Ehren der französischen Revolution" veranstaltete. Ein regelrechtes Programm gab es nicht. Die Wiener Gruppe wurde durch gemeinsame Interessen und persönliche Freundschaften zusammengehalten (besonders Bayer und Wiener waren eng befreundet) (17). Zusammenarbeit spielte in der Gruppe eine wichtige Rolle. Viele Projekte--nicht zuletzt die öffentlichen Höhepunkte--waren Gemeinschaftsarbeiten: etwa die Prozession "une soirèe aux amants funébres" vom 22. August 1953, die erste öffentliche Lesung in Gerhard Bronners Intimem Theater in der Liliengasse am 20. Juni 1957, und später besonders die zwei Wiener "Literarischen Cabarets" vom 6. Dezember 1958 und vom 15. April 1959. Diese großen, skandalösen Auftritte--frühe Formen des "Happening", Versuche totalen Theaters in Anlehnung an Güterslohs und Doderers Konzept des totalen Romans--brachten die Wiener Gruppe in die Öffentlichkeit(18). Trotz der Kollaboration darf nicht vergessen werden, daß die Wiener Gruppe keine homogene Gruppe war, sondern erhebliche Auffassungsunterschiede unter den Mitgliedern existierten. Gründe dafür liegen in ihrer--beabsichtigten--Anlage mehr als in Konflikten oder Mißverständnissen. Man hatte ähnliche Ansichten und Ziele, wollte aber nicht einheitlich-konformistisch sein (deshalb wohl auch die Abneigung einiger Mitglieder gegen die Bezeichnung Wiener Gruppe(19)). Daher verfolgten die einzelnen Mitglieder auch Projekte außerhalb der Gruppe. Da man keinem festen Programm folgte, waren Unterschiede Teil der "Gruppenidentität" und wurden in der Zusammenarbeit produktiv genutzt. Harald Hartung spricht von drei Flügeln innerhalb der Gruppe: dem experimentell-konstruktiven mit Achleitner, Bayer, Rühm, dem surreal-phantastischen Artmann, und dem monomanischen Rigorismus Wieners(20). Eine solche Einteilung führt bei nur fünf Beteiligten nicht weit. Freilich ließe sich eine Aufteilung aufgrund von Generationsunterschieden konstruieren: der 1921 geborene Artmann ist der älteste und die 1932 bzw. 1935 geborenen Bayer und Wiener sind die jüngsten. Die gleichaltrigen Achleitner und Rühm, 1930 geboren, nehmen zwischen den beiden extremen Polen der Gruppe eine moderate Position ein. Eine ähnliche, aber weniger überzeugende Unterscheidung könnte zwischen Bayer und Wiener einerseits und Achleitner und Rühm andererseits vorgenommen werden. Als einziges ließe sich damit vielleicht erklären, warum Artmann von allen der weniger progressive war und sich, mehr als die anderen Mitglieder, als "Dichter" sah. Er löste sich auch am frühesten von der Gruppe. Zwischen ihm und den anderen bestehen die größten Unterschiede. Bei genauerer Analyse gerät selbst eine Unterscheidung nach Generationen ins Wanken, da--außer bei Artmann--der jeweilige Unterschied nur wenige Jahre beträgt. Auffassungsunterschiede innerhalb der Wiener Gruppe gab es vor allem im Hinblick auf Sprache, die als Thema und kritisch reflektiertes Medium eine zentrale Rolle innehatte (21). Die Unterschiede sind besonders groß zwischen dem eher theoriefeindlichen Artmann, für den Sprache spielerisches Material darstellte, und Wiener, der die Sprache in der Tradition Ludwig Wittgensteins und vor allem Fritz Mauthners ideologisch-kritischer Reflexion unterwarf und folglich einen radikalen Sprachskeptizismus vertrat(22). Rühm interessierte sich seinem eigenem Bekenntnis nach am meisten für die konstruktivistischen Aspekte der Sprache, dasselbe gilt auch für Achleitner(23). Bei Bayer sind alle diese Aspekte vorhanden. Artmann hatte sich schon relativ früh--etwa um 1957--von der Wiener Gruppe zu lösen begonnen, und auch Oswald Wiener ging, anderen Interessen folgend, bald seinen eigenen Weg (1959). Das Ende der Wiener Gruppe kam jedoch erst nach der Aufführung der "Kinderoper" am 9. April 1964; es sollte der letzte gemeinsame Auftritt der auf Betreiben Bayers für diese Veranstaltung wiederversammelten Wiener Gruppe sein. Mit Bayers Freitod am 10. Oktober 1964 wurden bestehende Pläne zunichte, weitere öffentliche Vorführungen zu veranstalten(24). Es gab keine bevorzugte literarische Form innerhalb der Wiener Gruppe. Kalauer, faule Witze, konkrete Dichtung(25), Dialektgedichte(26), Montagen, technisch-automatisches Schreiben, "Inventionen"(27), "Verbarien", szenische Arbeiten, öffentliche Veranstaltungen wie Lesungen, Prozessionen und die "Literarischen Cabarets" gehören zu den Ausdrucksformen und Texten ihrer Autoren(28). Alles wurde theoretisch als mögliches künstlerisches Material angesehen, und Formen, Mittel und Medien wurden frei kombiniert(29). Im Hinblick auf Vorgehensweisen und Formen weist die Wiener Gruppe Gemeinsamkeiten mit ihren dadaistischen Vorläufern auf und stellt sich bewußt in deren Nachfolge. Als Beispiel sei ein Teil aus dem "1. Literarischen Cabaret", beschrieben von Peter Weibel, angeführt: rühm in >das erwachen<. während rühm schlief, rannte wiener zwischen couch und rampe hin & her und verkündete flüsternd: "noch 2 minuten", "noch eine minute", "zwanzig sekunden" etc. schließlich ratschte der wecker, wachte rühm auf, dehnte sich, stieg in die pantoffeln, gähnte, stand auf und verbeugte sich. beim 2. cabaret einige monate später wurde >das erwachen< ohne änderung zweimal hintereinander gespielt, mit nur einer nummer dazwischen. unruhig gewordene besucher hielt wiener durch grobheit mühelos in schach.(30) Die Zuschauer werden mit einer banalen Vorführung konfrontiert, die allen Erwartungen widerspricht und ihr Kunstverständnis in Frage stellen soll. Es findet sich bereits auch das Element der Grobheit, das zumindest für Wiener, vor allem auch in späteren Aktionen des Wiener Aktionismus, von Bedeutung ist. Umfassende Anerkennung--außer in avantgardistisch-künstlerischen Kreisen--hat die Wiener Gruppe nicht gefunden, da sie sich zu sehr gegen konservative literarische Strömungen richtete. Der gesuchte Konflikt mit der "literarisch interessierten Öffentlichkeit" war durch derartige Attacken auf das traditionelle bürgerliche Kunstverständnis und gegen das "Dichtertum"--der Dichter wurde nicht mehr als eine Art genialer Seher verstanden--programmatisch bedingt(31). Den Skandalen und Zusammenstößen der Gruppenmitglieder mit der Ordnungsmacht lag jedoch meistens nur das verletzte Moralempfinden der österreichischen Bürger zugrunde. Gerade diese Provokation der Spießer, das alte épater le bourgeois (aber nicht politischer Aufstand) war Ziel vieler Veranstaltungen(32). Entsprechend negativ wurde von der Öffentlichkeit die gesamte Avantgarde in Österreich aufgenommen(33). Verschiedenste Gruppierungen protestierten und lehnten die Wiener Gruppe sowie später den Wiener Aktionismus ab; ihre Werke, Aktionen und Manifeste wurden nicht als "Kunst" angesehen(34). Der theoretische Hintergrund ebenso wie der "praktische Vordergrund" der Werke, vor allem der öffentlich vorgeführten "cabarets", hatte--erwartungsgemäß--Protest und Ablehnung zur Folge. Letztere war auch in der fehlenden bzw. mißlingenden Rezeption begründet. Die Rezeption war "intellektuell", da die Mehrheit der Werke der Gruppenmitglieder auf ausgedehnten theoretischen Überlegungen beruhten, die für ein Verständnis bekannt sein und verstanden werden mußten, um nachvollzogen werden zu können. Bei dem verbreiteten Anti-Intellektualismus in Österreich war das nicht möglich bzw. nicht akzeptiert. Hinzu kam, daß gerade in Österreich von Anfang an Publikation und Rezeption der literarischen Werke der Wiener Gruppe auch von einer konservativen Literaturclique blockiert wurden und sich nur wenige Veröffentlichungsmöglichkeiten boten(35). Drei Beispiele: Der bekannte Schriftsteller Heimito von Doderer trat 1958 aus Protest vom Wiener Kurier, einer gemässigten Tageszeitung, zurück, als er in dessen Feuilleton keine Texte der Wiener Gruppe drucken durfte, nachdem er dafür den ihm als Redakteur zustehenden Platz zur Verfügung gestellt hatte. Doderer war er einer der wenigen namhaften Sympathisanten aus dem literarischen Leben, der damals der Gruppe effektiv weiterzuhelfen versuchte(36). Nach Leserprotesten aufgrund der Veröffentlichung ausgewählter Werke der Wiener Gruppe wurde der Vertrag des Romanciers Gerhard Fritschs als Redakteur bei der staatlich unterstützten Kulturzeitschrift Wort in der Zeit nicht verlängert und er verlor seine Position (das zu später Zeit, im Februar 1964, als sich definitive Auflösungserscheinungen in der Gruppe zeigten)(37). Nicht anders war es 1957 Friedrich Polakovics ergangen, dem verantwortlichen Lyrikredakteur bei Neue Wege, der Zeitschrift des vom Unterrichtsministerium gestützten "Theaters der Jugend". Polakovics hatte surrealistisch-experimentelle Arbeiten von Jandl, Rühm und Artmann veröffentlicht. Es kam zu Leserprotesten und daraufhin zur Entlassung Polakovics(38). Vielsagend ist auch, daß, wie Rühm berichtet, das Unterrichtsministerium eine Publikationsreihe progressiver Literatur subventionierte, die Wiener Gruppe dabei aber leer ausging(39). Die Wiener Gruppe war künstlerisch progressiv und wird zur damaligen Avantgarde gezählt, aber ihre politische Haltung war weniger eindeutig. Ihre Mitglieder waren individual-anarchistisch. Artmanns "Achtpunkte-Proklamation des Poetischen Actes" vom April 1953 deutet das an, aber vor allem entsprechende Bekenntnisse Bayers und Wieners, die--historisch-politisches Engagement ausschließend--den Individualanarchismus propagierten und zu leben versuchten, zeigen, wie ambivalent man der Politik gegenüberstand(40). Einerseits hatten sich die "Wiener" in vielfacher Weise mit den politischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen und sahen sich als Opfer existierender Verhältnisse, andererseits ist Politik nicht direkt und explizit, etwa als politische Theorie, in ihren Werken reflektiert. Jedoch gibt es vereinzelte politische Aktionen wie Artmanns pazifistisches "Manifest gegen die Wiederbewaffnung" und einen damit verbundenen Protestmarsch (am 17. bzw. 21. Mai 1955, zwei Tage nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags)(41). Dieser Protestmarsch stellte zwar keinen folgenreichen Widerstand dar, aber immerhin sah man sich zu seiner Veranstaltung bemüßigt. Manchmal äußerte man sich zu politischen Gegebenheiten, wie z.B. Rühm: schnell wurde deutlich, dass die mehrheit wohl vieles gegen die nazistische kriegspolitik, aber im grunde nichts gegen die "gesunde" kulturpolitik einzuwenden gehabt hatte. jetzt, da man der "entarteten" kunst wieder offen begegnen konnte, erregte sie die gemüter oft bis zu handgreiflichkeiten.(42) Trotz solcher gelegentlicher Äußerungen zum politischen Geschehen und vereinzelter politischer Aktionen waren die Autoren der Wiener Gruppe dennoch (selbstverständlich mit individuellen Unterschieden) apolitisch, elitär und bevorzugten ein bohèmehaftes Leben. Man war gegen die Gesellschaft überhaupt, und wollte sich nicht durch Politik korrumpieren. Die Ausrichtung der Gruppe war in erster Linie (sprach-) philosophisch, und bewegte sich fast ausschließlich auf innerliterarisch-ästhetischer Ebene(43)--die Revolte blieb kunstintern. Es überrascht nicht, daß die Produktion und Rezeption der Wiener Gruppe der damals dominanten werkimmanenten Germanistik entspricht. Die Mitglieder der Gruppe mußten sich nicht nur in der Kunst, sondern auch in ihrem Privatleben mit den existierenden Machtverhältnissen auseinandersetzen. Artmann etwa hatte wiederholt Zusammenstöße mit der Polizei (in Salzburg), und Wiener wurde im Zusammenhang mit verschiedenen Vorfällen verhaftet (siehe Kapitel I, Kurzbiographie). Die weiteren Wege der Mitglieder nach der Auflösung der Gruppe sprechen für sich. Artmann hatte sich schon lange vorher--um 1958--abgesetzt; von ihm ist in letzter Zeit relativ wenig zu hören (bzw. zu lesen). Von allen Mitglieder der Gruppe wurde und wird er aber noch am ehesten als "Dichter" akzeptiert und ist schon längst Teil des literarischen mainstream. Bayer beging 1964 Selbstmord (den manche Kritiker aus seiner individuellen Verzweiflung erklären). Bei den offenbar moderateren Mitgliedern führte das Ende der Gruppe langfristig zur Rückkehr in geregelte Bahnen. Achleitner wandte sich wieder der Architektur zu, und Rühm befaßt sich weiter mit Musik, bildender Kunst und Literatur. Wiener hingegen beteiligte sich, zeitweise mit Rühm, am spektakulären Wiener Aktionismus, verabschiedete sich mit der Verbesserung von der Literatur und setzte sich schließlich nach Deutschland und anschließend nach Kanada ab. Sein Weg nach dem Ende der Gruppe ist für uns der wichtigste Teil seiner bisherigen Karriere, nicht nur, weil erst zu dieser Zeit die Verbesserung abgeschlossen wurde, sondern auch, weil er danach an Veranstaltungen des Wiener Aktionismus teilnahm(44). [ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] [ Zum Seitenanfang ] Anmerkungen (12) Das ist voll Hans Carl Laertes; niemand sagt das, er ist "H.C." Artmann. [Zurück] (13) Vgl. Rühm in Wiener Gruppe, 26. Um Mißverständnissen vorzubeugen: die Gruppe wurde nicht so nach Oswald Wiener benannt. 1958 wird oft als offizielles Anfangsjahr genannt, aber es entspricht den Tatsachen wohl eher, 1958 und 1959 als Höhepunkte zu bezeichnen, da die Gruppe zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre bestand (vgl. Butler, 237; manche Autoren nennen diese Jahre als Ende). In der Literatur findet man Daten für das Bestehen der Gruppe von 1952 (nach Bayer) bis 1964 (nach Rühm). Es ist ironisch, daß die Wiener Gruppe erst in der Presse beachtet wurde als sich bereits Auflösungserscheinungen zeigten. Im selben Jahr, 1958, erschien Artmanns med ana schwoazzn dintn, die seinen Ausstieg markiert. Siehe auch Dorothea Zeemanns Erinnerungen über sich, Heimito von Doderer und die Wiener Gruppe (Jungfrau und Reptil (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1982); besonders 88-93 und 115-6). Sie rezensierte später--drei Jahre nach dem Erscheinen--die Verbesserung für die Arbeiterzeitung (17. Dezember 1972). In der politisch progressiven (i.e. "linken") Sozialgeschichte wird soweit gegangen, die Gruppe eine "literarische Kooperative" zu nennen (741). Hilde Spiel bezeichnet sie als Schriftsteller-Kollektiv, ebenso ein etwas unglücklicher Ausdruck ("Das literarische Wien", Spiel, Spektrum, 216). Das dürfte dem Selbstverständnis der Gruppenmitglieder zuwiderlaufen; wenn, dann könnte man sie vielleicht Clique nennen (wie Rühm selbst es macht in Konrad Bayer, 348--dort aber in Anführungszeichen). Es gab noch einige Künstler wie z.B. Ernst Jandl, Friederike Mayröcker oder Andreas Okopenko, die sich im "Dunstkreis" der Gruppe bewegten, aber nicht wirklich zu ihr gehörten. Auch bildende Künstler zählten zum Freundeskreis, z.B. Maria Lassnig, eine langjährige Freundin Oswald Wieners. [Zurück] (14) Wie das Gerhard Melzer tut, Zmegac, 752. [Zurück] (15) Rühm in Wiener Gruppe, 9 und ähnlich in Konrad Bayer, 8. [Zurück] (16) Offensichtlich spielte die Hauptstadt Wien lange Zeit die zentrale Rolle auch in der Entwicklung der Literatur Österreichs. Alles war in ihr konzentriert, sie war kultureller Mittelpunkt. Über Wien als Zentrum, Provinzialität in Österreich, und zur Gruppenbildung vgl. Janetzki, Alphabet und Welt, 11-13. [Zurück] (17) Zur Benennung und Konstitution als "Gruppe" ex negativo führt Rühm aus: "die gruppierung ergab sich keineswegs aus einem definierten programm, sondern vor allem auf grund persönlicher sympathien und wohltuender übereinstimmung. (...) es brauchte nichts festgelegt werden, denn wir verstanden uns. (...) und eben die kluft zwischen unseren kritikern oder fehlenden kriterien unserer kollegen setzte uns von ihnen als "gruppe" ab." (Wiener Gruppe, 12/13). Peter Demetz' Beobachtungen in "Austria: Society and Literary Life" (181) sind weitgehend unzutreffend, so seine Behauptung: "It is difficult to define the program of what was later called the Wiener Gruppe (Vienna Group), a loose and shifting gathering of friends that attracted public attention by the late 1940s but dispersed in 1964-mostly to West Germany, where rich radio stations and more courageous publishers were eager to support experimental literature". Kein Wunder, daß es ihm schwerfällt, das Programm der Wiener auszumachen: es gab nämlich keins--siehe oben. Die Gruppe war keineswegs 'a loose and shifting gathering of friends': lose vielleicht, aber keinesfalls mit ständig wechselnder Besetzung. Weder hat die Gruppe in den späten 40ern Aufmerksamkeit erregt--das geschah in den 50ern--noch zerstreute sie sich 1964--das begann schon viel früher. Demetz schießt auch in seinem Schlußsatz daneben: "The Group still preferred surrealism to Herbert Marcuse, craft to Hegelian concepts; in spite of what German radicals now say, it is only fair to argue that the Group kept alive a restless analytical bent of mind essential to new art and good politics" (182). Diese Gegenüberstellungen und Scheinwidersprüche sagen mehr über Demetz' Opposition als die Sache aus. Es gibt auch keine "German radicals", die behaupteten, was er unterstellt. Solche Fehlbeurteilungen sind typisch für andere Behauptungen in Demetz' Buch. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in West-Berlin keinen 'socialist mayor' (187), sondern Sozialdemokraten, z.B. Willy Brandt. Ulrike Meinhof schrieb vor ihrer Wende zum Terrorismus Beiträge in der Zeitschrift konkret, keinesfalls aber war es, wie Demetz unterstellt, 'ihre' Zeitschrift (69). Keith Bullivant schätzt Demetz' Buch--weil er dessen politische Meinung teilt: "(...) but my view of Grass in the 1970s is supported by Peter Demetz in his excellent After The Fires (1986) (...)" ("Foreword", After The "Death of Literature". West German Writing of the 1970s, Hrsg. Keith Bullivant (Oxford: Berg, 1989) IX). [Zurück] (18) Wiener beschreibt die Cabarets in seinem Aufsatz "das 'literarische cabaret' der wiener gruppe" etwas ausführlicher (Wiener Gruppe, 401-19). Peter Weibel und Valie Exports informatives Bildkompendium dokumentiert die Aktivitäten der Wiener Gruppe und vor allem des Wiener Aktionismus in Wort und Bild. Rainer Nägele urteilt über die Cabarets bzw. die skandalisierte Bevölkerung: "... erregte man Skandale in der Öffentlichkeit, die wohl ihren Frieden mit der faschistischen Vergangenheit gemacht hatte, hier aber erregt den Untergang des Abendlandes gekommen sah" (Frösche, 33). Artmann hatte an den Cabarets nicht teilgenommen (Rühm in Wiener Gruppe, 25). Die Cabarets, bei denen Heimito von Doderer und Dorothea Zeemann anwesend waren, führten zu Zeemanns Rezension (vgl. ausführlicher dazu Zeemann, Jungfrau und Reptil, 88-93). [Zurück] (19) H.C. Artmann bestreitet, daß es jemals eine Wiener Gruppe gegeben hat; sie sei eine journalistische Erfindung gewesen (Schmölzer, 23/4). Das mag zu einem gewissen Grad richtig sein, ändert aber nichts an der Tatsache, daß zumindest die anderen Mitglieder--vor allem Rühm--sich durchaus mit dieser Bezeichnung abgefunden haben. Außerdem wurden diese Schriftsteller nichtsdestoweniger so identifiziert. Auch Oswald Wiener scheint mit diesem Terminus nicht zufrieden zu sein; vgl. Fußnote 1 zu "Wittgensteins Einfluß auf die Wiener Gruppe", Buchebner, Die Wiener Gruppe, 59. [Zurück] (20) Harald Hartung, Experimentelle Literatur und konkrete Poesie (Göttingen: Vandenhoeck, 1975) 35. [Zurück] (21) Siehe Butler, "From the 'Wiener Gruppe' to Ernst Jandl", 239ff. [Zurück] (22) Wiener war mehr theoretisch ausgerichtet. Es überrascht nicht, daß er angeblich anfänglich keine literarischen Ambitionen hatte, wie Janetzki erwähnt (Alphabet und Welt, 11/2), daß er einen Teil seines Werkes vernichtete, daß er zur Einstellung der literarischen Produktion aufforderte, und es selbst befolgte (und dabei nur den insgesamt kleinsten Teil literarischer Werke der Gruppe beitrug; von daher ist es wieder weniger verwunderlich, daß er oft gar nicht zur Wiener Gruppe gerechnet wird) und bisher der "Literatur" fernblieb. Er sah sich wohl nicht als "Schriftsteller". [Zurück] (23) Mit der Erklärung, daß es ihm darum gegangen sei, mit und nicht nur in der Sprache zu arbeiten, setzt Rühm sich vom Konstruktivismus der Surrealisten ab (Wiener Gruppe, 9). Er und Achleitner sahen sich als Sprachingenieure und Sprachpragmatiker. [Zurück] (24) Man kann verschiedene Enddaten ansetzen: Artmanns "Ausstieg" um 1958, die Aufführung der (vor allem auf Betreiben Bayers vorgeführten) "Kinderoper" (an der Artmann nicht teilnahm), oder Bayers Tod. Janetzki (Alphabet und Welt, 36) und Weibel/Export (Bildkompendium, 284) berichten, daß Achleitner angeblich bei der Aufführung der "Kinderoper" eigentlich gar nicht mitmachen wollte. Diese fand im Nachtlokal Chattanooga statt, "im Beisein und unter Einbeziehung Heimito von Doderers" (Kindlers-Ö, 91; auch Zeemann, 88-93 (dort auch eine Beschreibung, 115/6)). Rühm zog (laut Kindlers-Ö, 92) zwei Tage nach der Aufführung nach Berlin. Artmann hatte Wien bereits 1960 verlassen (Hilde Spiel, "Das literarische Wien", Spiel, Spektrum, 217). Artmann wird manchmal--fälschlich--als Hauptfigur und Verantwortlicher für die Happenings, Cabarets usw. genannt, z.B. in Berg et.al., Sozialgeschichte, 741. Zur Auflösung vgl. die Kommentare von Bayer und Rühm (Konrad Bayer, 346-8; dort auch über Artmanns Anteil an der Gruppe, die Vorfälle mit dem "Ausschluß" Artmanns und Bayers Portrait). [Zurück] (25) Vgl. Sozialgeschichte, 740: "Der Begriff Konkrete Poesie (.....) wurde 1955 auf einem Treffen zwischen Décio Pignatari, Mitglied der brasilianischen Gruppe "Noigandres", und dem damals in Ulm lebenden Eugen Gomringer geprägt". Über die "Konkrete Poesie" gibt es eine Bezug zur sogenannten "Stuttgarter Gruppe": Wiener (u.a.) hatte(n) Kontakte in Stuttgart. Der Stuttgarter Mayer-Verlag veröffentlicht die schastrommel und diter rot (oder Dieter Roth), Wiener schreibt einen begleitenden Aufsatz zu Roths Die übliche Scheiße. Zwei "Ideogramme" Wieners sind in Gomringers konkrete poesie 3: Ideogramme (Frauenfeld: Gomringer [1961]) abgedruckt, und er wird eingeladen, zu der Anthology of Concrete Poetry beizutragen (New York: Something Else, 1967; Hrsg. Emmett Williams; Wiener trägt nicht bei, vgl. seinen Brief an Emmett Williams). [Zurück] (26) Als wichtigstes Beispiel dafür muß Artmanns med ana schwoazzn dintn erwähnt werden. Butler (242) bemerkt, daß diese--äußerst erfolgreiche Publikation--den Punkt markiert, an dem sich Artmann von der Gruppe zu lösen beginnt. Er nahm z.B. an den "literarischen cabarets" nicht teil. Sie war jedenfalls eine der wenigen--wenn nicht gar die einzige erfolgreiche--Publikation aus dem Kontext der Wiener Gruppe. Vielleicht zeigen sich bereits in der Tatsache, daß Artmann bei Suhrkamp verlegt wurde, alle anderen Mitglieder hingegen bei Rowohlt, die Differenzen in der Gruppe. Außerdem fand Artmann schon relativ früh Verleger, die anderen erst später, hauptsächlich ab 1965--und das mit Schwierigkeiten. [Zurück] (27) Inventionen sind die Resultate des "methodischen Inventionismus", einer Art der methodischen Hervorbringung von Literatur, "die es jedem ermöglichen sollte zu dichten" (Weibel/Export, 270). [Zurück] (28) Siehe Rühms Liste in Wiener Gruppe, 9. Einige dieser Formen haben auf die eine oder andere Art und Weise Niederschlag in Wieners Verbesserung gefunden. [Zurück] (29) Das Werk der Wiener Gruppe umfaßt deshalb nicht nur Literarisches im Sinne von sprachlichem Material, sondern auch Bilder, Photographien und anderes mehr. Alle Mittel und Techniken waren natürlich "avantgardistisch" gedacht und dadurch "offen". Die Neuausgabe der Wiener Gruppe enthält einige Beispiele. In der Sekundärliteratur, z.B. in Zmegac oder in der Sozialgeschichte, wird der Wiener Gruppe daher oft eine gesonderte Betrachtung als Ausnahme-Phänomen gewidmet. Andererseits, z.B. in Kindlers, Die Literatur Österreichs, wird sie unter verschiedenen Gattungen, wie Lyrik, Roman, Prosa oder Hörspiel, aufgelistet und besprochen, was unglücklicherweise die gattungsübergreifende Arbeitsweise völlig vernachlässigt. [Zurück] (30) Weibel/Export, 243. [Zurück] (31) Als Beispiel sei auf das Zitat von Lernet-Holenia verwiesen. [Zurück] (32) Vgl. hierzu Berg et.al., Sozialgeschichte. Unverständlich z.B. ist, daß bei der Diskussion der Werke der Wiener Gruppe auf Einzelveröffentlichungen und nicht den ihnen bekannten Band Wiener Gruppe zurückgegriffen wird. [Zurück] (33) Vgl. z.B. Weibel/Export oder die Vorkommnisse um die Aufführung von Wolfgang Bauers Magic Afternoon in Graz (siehe Text und Kritik - Wolfgang Bauer, Hrsg. Gerhard Melzer (München: Text & Kritik, 1978)). Auch historisch-politische Gründe mögen eine Rolle gespielt haben: es kann wohl sein, daß man nach dem 2. Weltkrieg nicht auch noch sein Verständnis von Literatur zerstört sehen wollte (worauf die Bemühungen der Wiener Gruppe ebenso wie der Grazer Gruppe hinausliefen, die eine der Zeit angemessene Darstellung versuchten, sowohl thematisch als auch formal; ähnlich z.B. die These, während des Krieges seien Gedichte vorwiegend in "klassischen" Formen wie z.B. dem Sonnett verfaßt worden, um so künstlerisch das Chaos zu ordnen und Form in die Welt zu bringen). [Zurück] (34) Vgl. Weibel/Export. Alle Vorführungen der Wiener Gruppe und des Wiener Aktionismus waren explizit gegen das bürgerliche Kunstverständnis gerichtet, wie etwa aus Wieners Manifest hervorgeht (Weibel/Export, 205). [Zurück] (35) Langfristig führte das zur Abwanderung vieler Künstler. Einige der am Wiener Aktionismus Beteiligten lebten für längere Zeit oder leben noch außerhalb Österreichs, vor allem in der Bundesrepublik Deutschland (Nitsch, Brus, Weibel u.a.). Für Mitglieder der Wiener Gruppe: Rühm lebt(e) in Hamburg, Artmann in Malmö (jetzt in Salzburg), Wiener in Kanada. [Zurück] (36) Doderer war 1933 der damals illegalen Nazipartei beigetreten, hatte sie aber 1938 wieder verlassen. Anschließend konvertierte er zum Katholizismus. Zu diesem Zeitpunkt--1958--war er wieder "rehabilitiert". Vgl. z.B. Wiener Gruppe, 26, Daviau, 44. Das Kapitel Purim. Ein Fest aus Wieners Verbesserung ist Doderer gewidmet. Er verfaßte das Vorwort zu Achleitner, Artmann und Rühms Band mit Dialektgedichten hosn rosn baa (vgl. dazu Bauer, Frösche, 231). Wir dürfen annehmen, daß der konservative Doderer nicht schlechterdings für die Gruppe war und sicher seine eigenen Motive hatte, sie zu unterstützen; dennoch war er bereit, das zu tun; vgl. Zeemann, Jungfrau und Reptil, besonders 88-93. Er hat übrigens auch am 4. November 1960 bei der Eröffnungsveranstaltung des Grazer Forum Stadtpark vorgelesen (vgl. Mixner in Drews/Laemmle, 16, oder Demetz, 187). [Zurück] (37) Vgl. Wort in der Zeit 7/8 (1964), 1-8, 11 (1964), 1-7. [Zurück] (38) Vgl. Andreas Okopenko, "Der Fall 'Neue Wege'", Aufforderung zum Mißtrauen, Hrsg. Otto Breicha & Gerhard Fritsch (Salzburg: Residenz, 1967) 279-304, oder Butler, 237, Zemgac, 705, und Innerhofer, 18/9 (mit Fußnoten). Dort auch weitere Literaturangaben. [Zurück] (39) Im Vorwort zur Wiener Gruppe; dies sei u.a. auch ein Grund für seine Auswanderung gewesen. Hilde Spiel kommentiert hierzu richtig: "Aber der Mangel an offizieller Patronage dürfte eine Avantgarde, die etwas auf sich hält, nicht kopfscheu machen", "Das literarische Wien", Spiel, Spektrum, 217. [Zurück] (40) Letztere bekannten sich anfangs vor allem zu Max Stirner, der in Der Einzelne und sein Eigentum den Individualanarchismus propagierte. Sie hatten ebenfalls große Sympathien für (u.a.) Antonin Artaud oder Walter Serner (mehr dazu in Wiener Gruppe und Janetzki, Alphabet und Welt). Im Interview mit Friedrich Geyrhofer führt Wiener aus, daß Stirner--entgegen des Anscheins--nicht 'das' große Vorbild gewesen sei. Wiener teilt mit, er wäre unterwegs zu einer neuen Anarchie gewesen, und bezeichnet sich als "Student eines neuen Anarchismus" (Wiener Gruppe, 402). Vor diesem Hintergrund--sprach-philosophischer Kritik, politischem Anarchismus, und wohl genereller Kulturkritik und Kulturpessimismus--ist es nicht überraschend, daß sich Wiener in die kanadische Wildnis zurückgezogen hat. [Zurück] (41) Beide--Proklamation und Manifest--sind zu finden in H.C. Artmann, Best of H.C. Artmann (Frankfurt: Suhrkamp, 1970) 367-8 bzw. 363-4, oder in Rühms Vorwort zu Wiener Gruppe, 10 bzw. 18-20. Zu Artmanns Politikverständnis vgl. u.a. "Interview mit H.C. Artmann", Die Tiefe der Tinte, Hrsg. Harald Friedl (Salzburg: Grauwerte im IAK, 1990) 80-82. [Zurück] (42) Wiener Gruppe, 7. [Zurück] (43) Vgl. zu diesem Komplex auch die Studie von Ihrig über Literarische Avantgarde, in der Bayer und Wiener Kapitel gewidmet sind. [Zurück] (44) Oswald Wiener meint mit einer Prise Selbstlob (Selbstkritik?), er sei über die Wiener Gruppe hinausgewachsen, habe sich weiterentwickelt. Er distanziert sich von dieser Phase (Wiener Gruppe, 418). Nach einer Schaffenspause begann er mit der Verbesserung. [Zurück] [ Rückwärts ] [ Inhalt ] [ Vorwärts ] [ Zum Seitenanfang ] |