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EINFÜHRUNG

Ein Zugang zu Wieners Werk eröffnet sich aus der historischen Perspektive, und für diese Untersuchung ist besonders die Zeit vom Ende des zweiten Weltkriegs bis 1970 wichtig. Wiener war zuerst von etwa 1954 bis 1964 an der Wiener Gruppe, und später, von etwa 1964 bis 1970, am Wiener Aktionismus beteiligt. Diese Zeiterscheinungen sind erklärbar in einem bestimmten historischen Kontext. Da zum Verständnis der Positionen der Wiener Gruppe und des Wiener Aktionismus die politische und soziale Geschichte Österreichs in den 50er und 60er Jahren und danach zu berücksichtigen ist, skizziere ich im folgenden diesen gesellschaftlichen Hintergrund (1).

Im Österreich der Nachkriegszeit herrschte die Auffassung, man sei an den Kriegsereignissen schuldlos und das erste Opfer der deutschen Nationalsozialisten gewesen. Das hatte zur Folge, daß die österreichische Öffentlichkeit wenig Grund zur Selbstkritik in Hinsicht auf ihre Rolle in den Ereignissen vor und während des Zweiten Weltkriegs sah. Eine weitere Konsequenz war, daß gegen unterschwellige, aber auch unverhüllte nationalistische, faschistische, national-sozialistische und autoritäre Tendenzen im allgemeinen kaum vorgegangen wurde. Im Unterschied zu Deutschland gab es keine Vergangenheitsbewältigung. Statt dessen praktizierte man Vergangenheitsverdrängung (2).

Während des politischen und kulturellen Wiederaufbaus wurde mehr Wert gelegt auf Kontinuität mit der Ersten Republik (1918-1938) und ganz besonders der dieser voraufgehenden Geschichte des Habsburgerreiches als auf einen Bruch mit problematischen Einstellungen aus der Vor-Anschluß-Zeit (3). Das machte sich auch im Bereich der Kultur bemerkbar. Wie in den anderen Kunstbereichen war auch in der Literatur inhaltlich und formal vieles eine Fortsetzung dessen, was bereits für die österreichische Literatur des Dritten Reiches und davor charakteristisch gewesen war. Wie schon vor dem Zweiten Weltkrieg herrschten im kulturellen Leben der Zweiten Republik Österreichs die traditionell-konservativen Kräfte (4). Für die Literatur typisch ist die folgende vielzitierte Aussage des konservativen Romanciers und späteren Präsidenten des österreichischen PEN-Clubs, Alexander Lernet-Holenia, der die Zukunft in der dabei idealisierten Vergangenheit des Ständestaates vor dem Anschluß 1938 sieht:

In der Tat brauchen wir nur dort fortzusetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben. In der Tat brauchen wir nicht voraus-, sondern nur zurückzublicken. Um es vollkommen klar zu sagen: wir haben es nicht nötig, mit der Zukunft zu kokettieren und nebulose Projekte zu machen, wir sind, im besten und wertvollsten Verstande, unsere Vergangenheit, wir haben uns nur zu besinnen, daß wir unsere Vergangenheit sind--und sie wird unsere Zukunft werden. (5)

In einer Zeit, in der die Restauration und Bewahrung des status quo der oft nostalgisch glorifizierten Kaiserzeit ein für viele das wichtigste Anliegen war, gab es jedoch--vergleichbar zur Situation in Deutschland--einen großen Nachholbedarf sowohl zu dem, was man schon vor dem "Anschluß", als auch zu dem, was man danach durch den Krieg und die Herrschaft des Nationalsozialismus--zwangsweise--verpaßt hatte. Wie man dem Zitat entnehmen kann, gab es große Widerstände gegen moderne, experimentelle Autoren. Moderne Einflüsse wie etwa der Surrealismus waren während der Nazi-Herrschaft unterbunden gewesen und setzten sich daher--abgesehen davon, daß sie schon vor und während der Ersten Republik nicht sehr stark gewesen waren--in der Nachkriegszeit schwer durch. Diese Einflüsse konnten und mußten, soweit überhaupt bekannt, erst mit Verspätung aufgearbeitet werden.

Am 15. Mai 1955 unterzeichneten Österreich und die Besatzungsmächte USA, England, Frankreich und die UdSSR den Staatsvertrag, der die Unabhängigkeit Österreichs wiederherstellte. Österreich erlangte politische Freiheit, wurde, ähnlich der Schweiz, neutral, und die Besatzungszeit endete. Bis dahin war Österreich--wie Nachkriegsdeutschland--in vier Zonen geteilt, besetzt und fungierte als Pufferzone zwischen Ost und West (6). Von 1955 bis 1966 regierte eine "Große Koalition" der großen, selbsternannten "Volksparteien" ÖVP (Österreichische Volkspartei) und SPÖ (Sozialistische Partei Österreichs). Auch während dieser Zeit blieb es, bedingt u.a. durch das Proporzsystem, die Sozialpartnerschaft und den erfolgreichen wirtschaftlichen Wiederaufbau(7), die zu einer Konsenspolitik führten, bei der politischen und kulturellen Stagnation. Erst ab 1966, mit und trotz der alleinigen Regierungsübernahme durch die konservative ÖVP, kam es zu einigen--auch immer lauter geforderten--Änderungen. Die (literarische) Opposition mußte verstärkt gegen den gesellschaftlichen Konservatismus ankämpfen und errang dabei, im Zuge von allgemeinen demographischen Änderungen und einer sich vor allem bei der jüngeren Bevölkerung ausbreitenden Unzufriedenheit mit den verfestigten Verhältnissen, einige Erfolge. 1970 schließlich gewann die oppositionelle SPÖ die Wahlen und stellte für viele Jahre ihrerseits die Alleinregierung (bis 1983).

Das Verhältnis der Bevölkerung--aber auch maßgeblicher Kritiker und einflußreicher Kulturagenten und kultureller Institutionen--zu "ihren" jüngeren und "modernen" Künstlern war weiterhin bestenfalls gespalten(8). Die Ablehnung kritischer oder gar "avantgardistischer" Bemühungen war der Normalfall(9). Den Wünschen einer konservativen Mehrheit entsprechend sollte Kunst sein, was der üblichen "alten" Definition des aristotelischen Schönen, Guten und Wahren entsprach--was immer das im Genaueren auch sein mochte. Alfred Kolleritsch weist 1962 das vorherrschende Kunstverständnis in den manuskripten zurück:

wer noch überlieferungssaturiert von ewigen werten, unveränderlichen normen der kunst spricht, von unumstößlichen wahrheiten und formen, von weiser übereinstimmung mit der natur, ehrfürchtigem staunen vor dem ganzen und der schaffung eines sinns im alleingang, der lügt.(10)

Eben gegen solche Forderungen und Vorstellungen--auch angeprangert als "mystifikation, symbolismus, und metaphorik", wie in einem Aufsatz Wieland Schmieds in Andreas Okopenko und H.C. Artmanns Publikationen vertreten--war die Wiener Gruppe angetreten(11).

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Anmerkungen

(1) Zur Wiener Gruppe vgl. den Aufsatz von Michael Butler, "From the 'Wiener Gruppe' to Ernst Jandl", Modern Austrian Writing, Hrsg. Alan Best & Hans Wolfschütz (London: Wolff, 1980) 236-51. Ein früher Beitrag für den englischsprachigen Raum ist "The Vienna Group", The Times Literary Supplement, 3.10.1964 von Konrad Bayer; dieser Beitrag ist im Grunde abschließend, da er kurz vor seinem Tod verfaßt wurde. Zum Kontext der österreichischen Literatur dieses Jahrhunderts siehe die "Introduction" von Donald G. Daviau, Major Figures of Modern Austrian Literature (Riverside: Ariadne, 1988) 1-48, oder Peter Demetz' "Austria: Society and Literary Life", After the Fires (San Diego: Harcourt Brace Jovanovich, 1986) 176-82 (oder 198). Zum politisch-literarischen Kontext vgl. auch Gerhard Rühms Vorwort zu Wiener Gruppe oder die entsprehhenden Kapitel in Zmegac, Kindlers-Ö, oder Sozialgeschichte der deutschen Literatur von 1918 bis zur Gegenwart, Hrsg. Jan Berg u.a. (Frankfurt/Main: Fischer, 1981). [Zurück]

(2) Politisch gab es in Deutschland eine offizielle--wenn auch problematische--Vergangenheitsbewältigung, nicht aber in Österreich, denn man sah keinen Anlaß dazu. Vgl. zu diesem Komplex Wien 1945 davor/danach, Hrsg. Liesbeth Waechter-Böhm (Wien: Brandstätter, 1985) und Ruth Beckermann, Unzugehörig (Wien: Löcker, 1989). [Zurück]

(3) Vgl. dazu Daviau, bes. 29ff. Seltsamerweise griff man auf die erste Republik--den Staat, den angeblich keiner wollte--zurück (vgl. Helmut Andics, Der Staat, den keiner wollte. Österreich 1918-1943 (Wien: Molden, 1968)). Vgl. dazu auch Claudio Magris' bekanntes Werk Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur (Salzburg: MÜller, 1966). [Zurück]

(4) Erst ab Mitte der 60er Jahre kam es zu Verschiebungen im Machtverhältnis. Ein Beispiel für den status quo: "Förderungspreise ergingen vor allem an die ältere Generation: zwischen 1955 und 1966 erhielten u.a. Franz Nabl, Heimito von Doderer, Carl Zuckmayer, Albert Paris Gütersloh und Fritz Hochwälder den Großen Österreichischen Staatspreis" (Jutta Landa, Bürgerliches Schocktheater (Frankfurt/Main: Athenäum, 1988) 11; dort sind mehr Beispiele angeführt). Vgl. auch Goltschnigg/Bartsch zum Literaturbetrieb in Österreich (Zmegac, 698-701). [Zurück]

(5) Aus "Gruß des Dichters", erschienen am 17. Oktober 1945 in der einflußreichen konservativen Monatsschrift Der Turm (vgl. Daviau, 33). Zitiert nach Hans Heinz Hahnl, "Revolution und/oder Restauration? Kulturpolitik im Österreich der sogenannten Stunde Null", Wien 1945 - davor/danach, 93. [Zurück]

(6) Bezeichnenderweise fällt das Entstehen und Wirken der Wiener Gruppe in diese Zeit der neugewonnenen Selbständigkeit, in welcher der Staat ein neues Selbstverständnis entwickelte. [Zurück]

(7) Proporz bedeutete u.a. die ausgewogene Verteilung von politischen Ämtern, d.h. weder die eine noch die andere Partei hatte viel Bewegungsfreiheit. --Österreich erlebte, wie Westdeutschland, ein "Wirtschaftswunder". Das Hauptinteresse des größten Teils der Bevölkerung galt dem materiellen Wohlstand. [Zurück]

(8) Vgl. die Rezeption von H.C. Artmanns überraschend erfolgreichem Band mit Dialektgedichen med ana schwoazzn dintn (Salzburg: Müller, 1958). Die experimentelle Verwendung der Wiener Mundart verkennend und mißverstehend, wurde dieses Werk von einem Publikum gelesen, das ansonsten für den Autor, seine Freunde und deren Werk wenig übrig hatte. Artmanns, Achleitners und Rühms hosn rosn baa (Wien: Frick, 1959) enthielt ebenfalls Dialektgedichte, jedoch waren diese zu offensichtlich "experimentell" und wurden kein Erfolg. Andererseits war selbst die dintn als Experiment--der Dialekt als bestimmter, manipulierbarer Ausdrucksbereich--geplant.

Rühm stellt die Gruppe in einen Generationskonflikt der Jungen gegen die Alten (Wiener Gruppe, 7/8). [Zurück]

(9) Ich gebrauche den Begriff Avantgarde sehr locker, im Sinne von "Themen und Methoden verwendend, die erst später zum Gemeingut werden". Zu Avantgarde allgemein siehe Peter Bürger, Theorie der Avantgarde (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1974), zur Kritik Hans Magnus Enzensberger "Aporien der Avantgarde", Einzelheiten (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1962) 290-315. Als neueres Beispiel siehe Joseph Strelka, der von der Nachkriegsavantgarde wenig hält ("The Austrian Literary Avant-Garde 1880-1980", Modern Austrian Literature 1 (1989): 93-106). [Zurück]

(10) Alfred Kolleritsch, "was wird um uns gespielt?", manuskripte, 4 (1962), Umschlagtext. Zitiert nach Landa, Schocktheater, 57. Der ganze Text ist in Manfred Mixner, "Ausbruch aus der Provinz", Drews/Laemmle, 25 abgedruckt. [Zurück]

(11) Vgl. Kindlers-Ö, 91, oder Rühm, Konrad Bayer, 347. Wieland Schmied war vielleicht kein Konservativer, aber die Wiener Gruppe sah in dem in dem Aufsatz vertretenen Programm eine Gegenposition zu ihrer, eine Strömung, die sie verachtete. Sie waren eingeladen worden, dazu beizutragen. Von wirklich konservativer Seite ergingen Einladungen zur Mitarbeit an Veröffentlichungen erst gar nicht. Vgl. einige Beispiele im Text unten. [Zurück]


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