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KURZBIOGRAPHIE

Oswald Wiener wurde am 5. Oktober 1935 in Wien geboren. Nach dem Besuch der Volks- und Mittelschule Wien und der Matura im Jahre 1953 stieß er zur Wiener Gruppe und wurde deren jüngstes Mitglied. Der Kontakt war durch seine beginnende Freundschaft mit Konrad Bayer zustandegekommen (1). Seit dem 21. Lebensjahr nahm er an den Veranstaltungen der Wiener Gruppe teil.

Zwischen 1953 und 1958 studierte Wiener eine Vielzahl von Fächern an der Universität Wien--1954 Rechtswissenschaft/Jura, 1955/56 Musikwissenschaften, 1956/57 Afrikanische Sprachen und 1958 Mathematik--schloß aber (damals) kein Fach mit einem akademischen Diplom ab. Während dieser Zeit war er auch Jazztrompeter und Kornettist. Er spielte 1954 zusammen mit Bayer in Walter Terhaerens Gruppe New Orleans Band (oder auch Jazzband Jesus Christbaum) und später--1958--in der Wirklichen Jazzband. 1954 schrieb er das "coole manifest" (verloren bzw. vernichtet). Gerhard Rühm rekonstruiert dessen Inhalt:

hier wurde der kalauer als pikanterie betrachtet, denn es kommt ja nur auf die betrachtungsweise an; es wird der laune anheim gegeben, an welchen objekten man sich emotionell hochjubelt, was plötzlich 'schön' ist. eine distanzierung von der umwelt durch indifferenz wird erprobt, das banale zum eigentlichen erklärt, die beliebigkeit von wertmasstäben entlarvt. nun stand alles zur verfügung, unser geschmack hatte die wahl. wiener und ich erklärten alles mögliche für literatur. schrieben witze ohne pointen (da doch jede aussage, ja der entschluss dazu, eine pointe ist), wiener bediente sich des formularstils, sammelte aufzählungen, notierte geschäftsschilder (...). der schock wird als unmittelbarster ausdruck bewusst in die kunst eingeführt. (...) das heisst, das psychologische wird nicht beschrieben oder ausgedrückt, sondern im hinblick auf den konsumenten, sozusagen als dimension, kalkuliert. (...) was mir gefällt, bestimme ich.(2)

Anfang 1955 folgten "roter erdteil", eine "phantastische paraphrase des themas afrika", und ein Vortrag über afrikanische Musik mit Plattenbeispielen(3). Am 17. Mai 1955 nahm er an dem von H.C. Artmann und anderen organisierten Protestmarsch gegen die Wiederbewaffnung Österreichs teil. Mit der Wiener Gruppe führte er am 6. Dezember 1958 das "1. Literarische Cabaret" und am 15. April 1959 das "2. Literarische Cabaret" auf. Diese Cabarets waren "Happening"-ähnliche Veranstaltungen(4).

Am 9. März 1959 heiratete er Lore Heuermann und zog aus dem Haus seiner Eltern aus. Ab 1956 hatte er sich intensiv mit Fragen der theoretischen Kybernetik, ab 1960 mit praktischer Kybernetik befaßt und sich ein umfassendes Wissen über Computer angeeignet. 1963 wurde er bei Olivetti in Wien für den Bereich Organisation angestellt und stand dort von 1965 bis zum Frühjahr 1967 der Datenverarbeitungsabteilung als Direktor vor.

Seine von 1954 bis 1958 entstandenen frühen literarischen Versuche, welche Prosa, Gedichte, Montagen, Konstellationen, Chansons, szenische Stücke und Theorie umfaßten, hat er nach seiner 1958 beginnenden Beschäftigung mit Ludwig Wittgenstein sowie den um diese Zeit stärker in das öffentliche Interesse gerückten Schriften Fritz Mauthners vernichtet (5). Die Lektüre resultierte in einer tiefgreifenden Änderung seiner Auffassung von Sprache, die er nicht mehr als bloßes Material ansah, sondern als politisches Mittel begriff. Außer einigen Gedichten (6) blieben fast nur Gemeinschaftsarbeiten mit anderen Mitgliedern der Wiener Gruppe erhalten; diese wurden in die Neuausgabe des Bandes Die Wiener Gruppe aufgenommen (7). In diesem Sich-Absetzen von seinen Anfängen zeigen sich Zweifel und Selbstkritik. Gleichzeitig zeugt es von Wieners radikal konsequentem Verhalten, nachdem er sich schon vorher gegen literarische Betätigung ausgesprochen hatte(8). Im Januar 1960 nahm er mit Bayer und Rühm an einer Lesungsreihe in der Wiener Galerie Junge Generation teil und las aus Wittgensteins Werken.

Erst 1962 begann Wiener wieder zu schreiben, zuerst Gemeinschaftsarbeiten mit Bayer, und schließlich--auf Drängen Bayers--Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman, die zwischen 1965 und 1967 in der Grazer Literaturzeitschrift manuskripte als Fortsetzungsroman ganz eigener Art veröffentlicht wurde (9). 1969 erschien das Werk in einer Buchausgabe bei Rowohlt. In diese Zeit fallen die Scheidung seiner Ehe (1964) und der Austritt bei Olivetti (1967). Am 10. April 1964 wurde die um 1958 verfaßte "Kinderoper", eine Gemeinschaftsarbeit Achleitners, Bayers, Rühms und Wieners, aufgeführt.

Am 17. April 1967 las Wiener bei den "zock exercises" in der Wiener Galerie St. Stefan das am selben Tag vernichtete "manifest" "zock an alle"(10). "ZOCK" war eine lose Künstlervereinigung, die sich vorwiegend aus Aktionisten, Schriftstellern und Filmemachern zusammensetzte. Vier Tage später, am 21. April 1967, fand im Restaurant Im Grünen Tor das "Zock-Festival" statt; Wiener agierte dabei unter dem Namen "garth (mit extra fleischkraft)"(11). Weitere Teilnehmer waren u.a. die Aktionisten Peter Weibel, Günter Brus, Hermann Nitsch, Otto Mühl, Reinhard Priessnitz und der Filmemacher Ferry Radax. Zur selben Zeit war Wiener Mitglied der Vereinigung Die Zeugen e.V., "(...) dessen Ziel die anwesenheit und zeugenschaft bei ereignissen, bes. bei katastrophen ist."(12)

Am 7. Juni 1968 kam es zu der folgenreichen Veranstaltung "Kunst und Revolution" im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes der Universität Wien. Wiener, Initiator der Veranstaltung, sprach dabei "Über den Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen". Aufgrund turbulenter Vorkommnisse während der Aktion--unter anderem verrichteten Brus und Nitsch während der Veranstaltung ihre Notdurft auf der Bühne--wurden Wiener, Brus und Nitsch verhaftet. Wiener kam für zwei Monate in Untersuchungshaft; im Prozeß wurde er freigesprochen. Kurz darauf folgte ein polizeiliches Verhör, nachdem er--zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte--der Belästigung einer Minderjährigen bezichtigt wurde(13). Um sich weiterer Verfolgung zu entziehen, verließ er Wien bzw. Österreich(14).

Ein Halbjahres-Stipendium des Berliner Senats ermöglichte ihm 1969 die Übersiedlung nach West-Berlin (15), wo er mit kurzen Unterbrechungen bis 1986 als Besitzer mehrerer Lokale lebte (zuerst Matala, dann Exil und Axbax). In Berlin arbeitete er ab 1969 an der von Günter Brus herausgegebenen schastrommel, dem "zentralorgan der österreichischen exilregierung" mit, von der bis 1976 siebzehn Nummern erschienen. Dieser Zeitschrift folgten später in unregelmäßigen Abständen Gedanken, eine von Brus und Wiener herausgegebene, hektographierte Veröffentlichung. 1980 begann er an der Technischen Universität Berlin mit dem Mathematik- und Informatikstudium, das er 1985 mit der Promotion zum Doktor abschloß.

Seit 1986 lebt er in Dawson City, einem sehr kleinen Ort im Yukon Territory am Klondike River in Kanada. Wiener veröffentlicht gelegentlich als freier Schriftsteller Artikel in verschiedensten Zeitschriften. Er ist mit Ingrid Schuppan verheiratet und Vater dreier Kinder aus erster Ehe. Ingrid Schuppan war Teilnehmerin an mehreren Aktionen. Er war 1973 Gründungsmitglied der GAV-Grazer Autorenversammlung, trat aber schon 1974 wieder aus(16).

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Anmerkungen

(1) Vgl. Janetzki, Alphabet und Welt, 161 (Fußnote 37) zum Kennenlernen von Bayer und Wiener und ihrem Zusammensein in der New Orleans Band. Wiener gab später mit Freunden "Konzerte" (erhältlich auf Schallplatte im Mayer-Verlag). Zeugnis für Wieners Wertschätzung der Freundschaft mit Bayer ist sein Aufsatz "Einiges über Konrad Bayer. Schwarze Romantik und Surrealismus im Nachkriegs-Wien", Riten der Selbstauflösung. Hrsg. Verena von der Heyden-Rynsch (München: Matthes & Seitz, 1982) 250-63, Die Zeit 17. Februar 1978, Protokolle 1 (1983): 37-45. [Zurück]

(2) Wiener Gruppe, 13. Vgl. auch Wieners Kommentar dazu in Wiener Gruppe, 403. [Zurück]

(3) Wiener Gruppe, 17. [Zurück]

(4) Wiener über "das 'literarische cabaret' der wiener gruppe": "die beiden 'literarischen cabarets' wurden für mich zum endpunkt der wiener gruppe" (Wiener Gruppe, 417). Er konstatiert, daß bei ihm eine Weiterentwicklung von der Gruppe weg und über sie hinaus stattgefunden habe. Um diese Zeit--1962--begann er mit der Arbeit an der Verbesserung. [Zurück]

(5) Vgl. Wiener zur Beschäftigung mit Wittgenstein und Mauthner in Wiener Gruppe, 402. Ausführlicher ist sein Aufsatz "Wittgensteins Einfluß auf die 'Wiener Gruppe'", Die Wiener Gruppe, Hrsg. Buchebner-Projekt (Wien: Böhlau, 1987) 46-59. [Zurück]

(6) Es handelt sich dabei um Werke, die vorher schon publiziert waren, z.B. die "Ideogramme" (in Ideogramme. Konkrete Poesie 3 [1961]: n.p.) und die zwei "Konstellationen" (in Spirale - Internationale Zeitschrift für konkrete Kunst und Gestaltung 8 (1960): 44). Einige wiedergefundene Werke wurden in die Neuausgabe der Wiener Gruppe aufgenommen. In einem Brief vom 16. Januar 1967 an Emmett Williams in Sachen Anthology of Concrete Poetry distanziert sich Wiener von der "konkreten poesie": "(...) ich möchte dies [vernichtetes Material rekonstruieren, HK] jedoch nicht tun, weil ich seit sieben jahren mehr und mehr zu der auffassung gekommen bin, dass die 'konkrete dichtung' eine sache geworden ist, die mich nichts mehr angeht, oder, dass ich ein mann geworden bin, der sich über die beschränkte auffassung von sprache und wirklichkeit, wie sie sich in jener offenbart, hinaus entwickelt hat." [Zurück]

(7) Da sich Wiener von seinen Werken aus dieser Zeit distanziert hat, hat Gerhard Rühm nur Gemeinschaftsarbeiten in den Sammelband Die Wiener Gruppe aufgenommen. [Zurück]

(8) Vgl. Janetzki (Alphabet und Welt, 23ff) und Rühm (Wiener Gruppe, 34) zu Wieners Wendung gegen alle literarische Betätigung und seiner Aufforderung an die Gruppe, ebenfalls die Produktion zu beenden. Im Spiegel heißt es, die Vernichtung der Produktion erfolgte aus Unzufriedenheit ("Wiener--Anwalt der Schizoiden", Der Spiegel 7. Juli 1969: 118, Spalte 2). Wiener kommentiert, "dass bayer einmal meinte, wir würden noch beim blossen vorzeigen von gegenständen landen" (Wiener Gruppe, 402). Gerade dies nahm Rühm später auf, wobei die Sprachskepsis im Vorzeigen von Objekten sichtbar wurde. Wiener selbst versprachlichte (nach kurzer Pause) diesen Zustand.

Bodo Heimann kommentiert: "Wiener scheint mit diesem 'Roman' die Summe seiner Einsicht und Rechtfertigung seiner Verweigerung formuliert zu haben. Auch wenn man die Vorbehalte gegen biographistische Erklärung des Werkes aus dem Leben teilt, wird man es für erwähnenswert halten, daß der Autor für die hier formulierte Wirklichkeitserkenntnis ebenso wie für die proklamierte anarchische Verweigerung mit seinem eigenen Leben, Beruf und 'Ausstieg' zu bürgen scheint: ein Kybernetiker, ehemals Direktor der Datenverarbeitungsabteilung bei Olivetti in Wien, der sich in Berlin [und jetzt Dawson City, Kanada; HK] als Gastwirt zurückgezogen hat und auch als Autor die Weigerung--das Verstummen--konsequent praktiziert". Experimentelle Prosa der Gegenwart (München: Oldenbourg, 1978) Fußnote 64. [Zurück]

(9) Der Abdruck begann also nach dem Ende der Wiener Gruppe. Wiener war zwischen 1962 und 1967, während der Zeit der Hauptarbeit am Roman, 27 bis 33 Jahre alt. Über die manuskripte und besonders die Rolle der Veröffentlichung der Verbesserung darin siehe besonders den Abschnitt "Die Stellung von Oswald Wieners Verbesserung von Mitteleuropa in den 'manuskripten'" in Elisabeth Wiesmayrs Die Zeitschrift 'manuskripte' 1960-1970, 69-74.

Die vierte Fortsetzung dieses Abdrucks in Nummer 18 (1966) führte zu einem Pornografie-Vorwurf an die manuskripte und einem Verfahren, das erst 1968 eingestellt wurde (vgl. Innerhofer, Die Grazer Autoren Versammlung (1973-1983). Zur Organisation einer 'Avantgarde' (Wien: Böhlau, 1985) 19, und Manfred Mixner, "Ausbruch aus der Provinz" in Drews/Laemmle, 22/3. Die besagte Fortsetzung umfaßt die Abschnitte "allah kherim! die erscheinungen sind gerettet. reportage vom fest der begriffe" (LXXXIX-CII) und "abbildung 4: der bruch zwischen lene und konrad" (CII-CIV). [Zurück]

(10) Weibel, Peter & Valie Export (Hrsg.), Wien. Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film (Frankfurt: Kohlkunst, 1970) 252.--Die Galerie wurde "1945 neben dem Art-Club gegründet und von der katholischen Aktion übernommen" (Hilde Schmölzer (Hrsg.), Das böse Wien (München: Nymphenburger, 1973) 11). [Zurück]

(11) Als Fortsetzung waren "Zock" und ein zock lesebuch geplant; dafür vorgesehen war ein Beitrag Wieners über Ernst Fischer und Theodor W. Adorno unter dem Titel "scheißhäusl und arschloch" (geplant für 1968; dieses Werk kam nicht zustande; vgl. die Anmerkung in Weibel/Export, 286). Fischer war Führer der österreichischen Kommunisten, Adorno natürlich einer der Denker der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. 1967 wurde sogar die Gründung einer ZOCK-Partei diskutiert: "(...) dieser betrifft die gründung einer politischen partei namens ZOCK, welche bei den nächsten nationalratswahlen mit dem ziel, mindestens einen vertreter von ZOCK ins parlament zu manövrieren, kandidieren wird. ZOCK vertritt die auffassungen der am weitesten entwickelten mitteleuropäer" (Wiener in einem Brief vom 16. Januar 1967).

Garth ist eine amerikanische Comicfigur der 60er Jahre (vgl. die Liste in der Verbesserung, CXCV). Es überrascht kaum, daß Wiener später "Der Geist der Superhelden", einen Aufsatz über Comics, schrieb (Vom Geist der Superhelden, Hrsg. Hans-Dieter Zimmermann (Berlin: Schriftenreihe der Akademie der Künste, 1970: 93-101. Taschenbuch--München: DTV, 1973: 126-41. Diskussion: 142-8). Garth ist dort auf 137 erwähnt. [Zurück]

(12) Weibel/Export, 249, 273. [Zurück]

(13) Vgl. Friedrich Geyrhofer, "Aus dem Leben eines Staatsfeinds", Sonderdruck Wiener-Illustrierte für aktuelle Kultur (Stadtzeitung für Wien) 5. Mai 1980: 64/5. Die Anklage wurde aufgehoben, als sich Wieners Unschuld herausstellte. [Zurück]

(14) Wiener war längere Zeit nicht gut auf seine Heimat zu sprechen. Eine Notiz ganz am Ende [n.p. = 216] von Das böse Wien vermerkt, daß man sich nicht auf ein Interview verständigen konnte, denn "Wiener wollte nicht im Zusammenhang mit Wien genannt werden". Hilde Spiel bestätigt das: "(...) bis zu dem so fatal benannten Oswald Wiener, der in der Bundesrepublik lebt und seine Heimat nur mit Verachtung nennt (...)." "Das literarische Wien", Spiel, Spektrum, 218. Er ist wohl erst wieder ab Beginn der 80er Jahre gelegentlich in seine Heimat zurückgekehrt. [Zurück]

(15) Vgl. Geyrhofer, "Staatsfeind", 65. [Zurück]

(16) Vgl. Innerhofer, Die Grazer Autoren Versammlung, 64. [Zurück]


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