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Wenzel Mraček
"Intelligenz ist die Fähigkeit, Maschinen zu bauen"
Oswald Wiener im Gespräch mit
Wenzel Mraček
Korso.at, 12. Oktober 2006: 17.
Hanns-Koren-Bedenkjahr 2006
Oswald Wiener wurde am 13. September der Manuskripte-Preis des
Landes Steiermark verliehen. Beitrag für das Monatsmagazin
KORSO und das
Hanns-Koren-Bedenkjahr
2006 in Graz.
Als „Enzyklopädisten wie Diderot, d’Alembert und
Voltaire“ bezeichnete Peter Weibel in
seiner Laudatio Oswald Wiener, dem am 13. September der
Manuskripte-Preis des Landes Steiermark verliehen wurde. Seine
Schriften, so Weibel, sind nicht allein Experimente zur Sprache,
sondern darüber hinaus Experimente zur Natur der Wirklichkeit.
Im Werk des Autors, Mathematikers und Kybernetikers wurde und wird
Sprache als formalistisches System begriffen und kognitive
Formalismen werden im Sinn der Automatentheorie als Maschinen
behandelt.
Unter dem Aspekt der Konstruktion von Wirklichkeit durch Sprache
ging in Wieners frühen Arbeiten konsequent auch die Kritik
an dem Medium selbst einher, das in redundanter Weise eine
Gesellschaft kritisiert, die sich wiederum durch die Sprache
konstituiert hat. Zweifel und Kritik an der Sprache waren damit
Vorbedingungen zu einer Kritik der Wirklichkeit. Mit den
Literarischen Cabarets 1958 und 1959 nahmen Wiener und die
Wiener Gruppe (Bayer, Rühm, Achleitner, Artmann, Wiener)
aber auch Tendenzen der bildenden Kunst vorweg, die später
Happening genannt werden sollten. In der Tat steht die Wiener
Gruppe, neben der Londoner Independent Group um Richard
Hamilton und den französischen Situationisten um Guy
Debord, für die wichtigste Kunstbewegung der
Nachkriegs-Avantgarde. Nach ihrer Auflösung begann Oswald
Wiener ab 1962 mit der Arbeit an einer Reihe von Texten, die von
1965 bis 1969 in den von Alfred Kolleritsch herausgegebenen
Manuskripten veröffentlicht wurden. Gleichzeitig mit dem
letzten Teil in den Manuskripten erschienen diese Texte 1969 bei
Rowohlt als Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman.
Mit diesem Dekonstruktionsroman ironisierte und polemisierte
Wiener den Roman des 19. Jahrhunderts und zerstückelte
nach psychoanalytischen Methoden das bis dahin gültige
literaturwissenschaftliche Genre. Aus Ansätzen und
Bruchstücken linguistischer und kybernetischer
Denkexperimente entwickelte er mit der
„Verbesserung“ ein Modell in Vorwegnahme
postmoderner Konditionen von Medien und Gesellschaft. Vor allem
mit appendix A. der bio-adapter, dem Konzept einer
Bewusstsein und Wahrnehmung des Subjekts beeinflussenden
Membran zur Simulation glücklich machender Wirklichkeit,
nahm Wiener Entwicklungen von Cyberspace und medial generierter
Hyperrealität vorweg. Ressentiments und Unverständnis
schon gegenüber der „Verbesserung“ und
schließlich die gerichtliche Verfolgung nach der Aktion
Kunst und Revolution an der Universität Wien am 7.
Juni 1968 führten zur Flucht nach Berlin, wo Wiener die
Gaststätte Exil bewirtschaftete und 1985 in
Mathematik und Informatik an der TU Berlin promovierte. Die
Schwerpunkte seiner seitherigen Arbeit bilden eine Synthese aus
Kognitionswissenschaften und künstlerisch-philosophischer
Literatur mit der Tendenz, „naturwissenschaftliche
Denkweisen auf die Philosophie anzuwenden“ 1 1989
wurde ihm der Große Österreichische Staatspreis
für Literatur verliehen, 1992 der Grillparzer-Preis. Von
1992 bis 2004 war Oswald Wiener Professor für
Ästhetik in Nachfolge Eugen Gomringers an der
Kunstakademie Düsseldorf. Über 20 Jahren lebten
Oswald und Ingrid Wiener – in der Neuen Galerie Graz
waren im Frühling dieses Jahres Arbeiten Ingrid Wieners
unter dem Titel Träume zu sehen – im
kanadischen Dawson City; zu Anfang dieses Jahres
übersiedelte das Ehepaar Wiener wieder nach Österreich.
Die Verleihung des Manuskripte-Preises im Weißen Saal der
Grazer Burg war auf Wunsch des Preisträgers untermalt von
Gesangsdarbietungen des Doppelquartetts MGV Alpenland aus
Mariazell. Auf den Steirerbuam-Marsch und Heimat
folgte abschließend ein gemeinsames Dankeslied mit
dem Solisten Oswald Wiener. Tags darauf zeigte sich Oswald
Wiener gut aufgelegt in einem Gespräch mit Wenzel
Mraček.
Mraček: Angesichts Ihrer Arbeit und Person wirkte das
Rahmenprogramm zur Preisverleihung doch reichlich –
schräg.
Oswald Wiener: Na ja, ich bin ein schräger Vogel. Wenn Sie
wissen, was ich alles schon gemacht habe – das
ist, wie ich glaube, ein sehr breites Spektrum –
und da passt das Heimatlied. Österreich ist ein sehr
schönes Land und ich verstehe die Leute, die diese Lieder
schreiben und die, die sie singen. Ich bin zwar kein
Österreicher [Anm.: O. Wiener ist kanadischer
Staatsbürger], aber dass die Landschaft schön ist,
lässt sich ja nicht bestreiten. Das wäre ja ein
Paradies in Österreich, wenn’s keine
Österreicher gäbe.
Lassen Sie uns ganz am Anfang beginnen: Sie und die Wiener
Gruppe haben sich unter anderem mit dem Werk von Fritz Mauthner
[vgl. Beiträge zu einer Kritik der Sprache, 3 Bde.,
1901/02] beschäftigt. Eine der Kernaussagen Mauthners ist,
dass Sprache ein ungenügendes Medium ist, die Wirklichkeit
abzubilden. Wohl aber genügte sie der Poesie. Poieīn
bedeutet das Erschaffen von etwas. Konstruiert man also durch
Sprache eine zweite Wirklichkeit, eine Hyperrealität wie
sie Günther Anders oder Jean Baudrillard beschrieben?
Also damals, in der 50er Jahren, habe ich das schon geglaubt.
Damals habe ich in der Sprache das wichtigste Ding gesehen, mit
dem man sich gedanklich beschäftigen kann und muss. Ich
bin in meiner Sprachgläubigkeit auch sehr weit gegangen
– aber das war eben damals. In der Zwischenzeit habe ich
mich davon ganz abgewandt, weil ich finde, dass die Wahrnehmung
und das Denken von der Sprache unabhängig sind und dass
man im Denken über die Weltbezüge des Menschen bei
den eigenen ansetzen muss. Heute ist Sprache für mich
etwas geradezu Nebensächliches geworden. – Damals
war ich wittgensteingläubig und mauthnergläubig: Ich
war nicht mit allem einverstanden und in der
„Verbesserung“ kann man schon nachvollziehen, wie
ich von diesem Konzept zunehmend abrutsche. Deshalb bezeichne
ich dieses Buch auch als einen Entwicklungsroman. Es ist meine
Entwicklung, die hier quasi protokolliert wird und die
führt zum Schluss in eine ganz andere Richtung, in die ich
seither weitergegangen bin.
In der Literaturwissenschaft wird die
„Verbesserung“ als de-konstruktivistischer
„Roman“ bezeichnet, während das darin
behandelte Konzept des bio-adapters in die Kybernetik
führt.
Es war das Produkt einer Übergangsphase. Eigentlich ist es
mir unangenehm, über die „Verbesserung“ zu
sprechen. Das klingt jetzt zwar etwas vermessen – man
muss es für bare Münze nehmen oder auch nicht –
das ist ein Jugendwerk von mir. Ich habe mein ganzes
späteres Leben darunter gelitten, dass ich der Autor
dieses Buches gewesen bin. Das ist ein Buch für
Schriftsteller und Dichter gewesen. Sehr viele Leute haben sich
mit vollen Händen daraus bedient und sind dann viel
berühmter geworden als ich; nicht unbedingt berühmt
durch das, was sie von mir entlehnt haben, aber sie haben das so
geschickt angewandt, wie zum Beispiel die Frau Jelinek meine
Sprachverwendung auf den Feminismus anwandte, während ich
ganz woanders hingezielt habe. Die „Verbesserung“
muss man lesen können. Es ist ein sehr intensiv
durchgearbeitetes Buch, in dem sehr viele auseinander strebende
Tendenzen in einem Moment gefangen sind, wo sie noch nicht
allzu weit voneinander entfernt sind. Ich erhebe keinen
Prioritätsanspruch, es ist nur so, dass dieses Buch
klingt, als hätte es vielfach etwas vorweggenommen. Wenn
man will, ist die Postmoderne ja vollkommen drin …
… dazu ein historischer und ein gegenwärtiger,
trivialer Aspekt: Peter Weibel hat seine Laudatio mit dem
Schluss des bio-adapters beendet, möglicherweise
wären wir ja bereits vom bio-adapter umgeben. Das erinnert
an Rousseaus Verdoppelung des Subjekts als soziabler Mensch,
der ein moralisierendes Alter Ego als persönliche
Kontrollinstanz entwickelt …
Sicher, dagegen habe ich gar nichts. Der Witz ist aber gerade,
dass der bio-adapter nicht nur die Gesellschaft, sondern die
ganze Welt ersetzt. Hier – in diesem Teil des Buches
– ist aber nicht die Beeinflussung durch die Gesellschaft
das Thema, sondern das unhintergehbare Ausgeliefertsein an die
sinnliche Präsenz der Welt. Ich kann nie feststellen, ob
es das ist [Wiener greift demonstrativ auf die Armlehne des
Fauteuils], was ich gefühlsmäßig glaube, dass
es ist. Ich kann also nicht feststellen, ob das echt ist. Wenn
man aber wiederum „echt“ sagt, bemerkt man sofort,
dass auch das sinnlos ist, weil man das Wort „echt“
nicht erklären kann ohne redundant zu werden. Damit habe
ich mich im Buch beschäftigt, diese Dinge habe ich
gewälzt wie in einem Wälztraum, in dem man nicht vom
Fleck kommt.
… und das Triviale: Das Modell des bio-adapters
entspricht der Ausgangssituation im Film Matrix. [Andy
und Larry Wachowski, 1999]. Dem Gehirn wird eine
akzeptable Wirklichkeit über ein Programm simuliert,
während der Körper Energiequelle des Systems ist.
Ja sicher. Ein junger Mann hat ein Büchlein [Anm.: Es
dürfte sich um „Cyberspace. Zum medialen
Gesamtkunstwerk.“ hrsg. von Florian Rötzer u. Peter
Weibel, München/Wien 1993, handeln] über den
bio-adapter herausgegeben, darin beschreibt er genau diese
Dinge. Ungefähr zur gleichen Zeit hat ja auch Lem etwas in
dieser Richtung geschrieben …
… Summa technologiae [1964]…
…ja, allerdings ein bissl anders. Der Grundgedanke aber
war auch der, dass man von einer Maschine quasi die Welt
ersetzt kriegt – fast zur selben Zeit, als ich den
bio-adapter geschrieben habe. Das habe ich aber nicht gekannt,
das war auf Deutsch noch nicht erschienen. Daran sieht man,
dass dieser Gedanke damals in der Luft lag. Es sind ja nicht
nur solche Kitschfilme wie Matrix, die jetzt erscheinen, damals
wurde Cyberspace und Virtual Reality vorweggenommen.
Walter Pichler war über seine Prototypen
auch mit dem Thema beschäftigt. Ihm ist ja der
bio-adapter gewidmet.
Das war als Dank für den Denkanstoß, den er mir
gegeben hat. Das ist zwar nicht so weit gegangen wie der
bio-adapter, aber das hat mich auch positiv beeindruckt. Er hat
aber Architektur gesehen, das war ein Fernsehhelm, den er
entworfen hat. Aber das war schon alles Notwendige, ich habe
daraus mehr verstanden, als er sagen wollte.
In einem Interview vor einigen Jahren beschreiben Sie
Kognitionsvorgänge wie sie einem Regelkreis bzw. einer so
genannten Maschine zweiter Ordnung entsprechen – Output
nach Wahrnehmung, wird Teil des neuen Inputs …
Mit der Architektur solcher Vorgänge befasse ich mich seit
dreißig Jahren. Es gibt dazu sehr viel Material, wenig
davon habe ich publiziert. Dahin wurde ich durch die
„Verbesserung“ geführt, liegt davon aber weit
entfernt.
Jedenfalls erinnert mich die Beschreibung des Menschen oder
menschlicher Konditionen als Maschine an La Mettries L’
homme machine [1748]…
… wenn Sie so wollen …
… ich vermute allerdings aufgrund seiner folgenden
Schriften, er habe die Idee vom Menschen als Maschine nicht
ganz ernst gemeint.
Er war kein sehr großer Schriftsteller und auch kein
konsequenter Denker. Er hat eigentlich nur Descartes
weitergeführt, der noch gesagt hatte, das Tier sei eine
Maschine …
… dem Menschen dagegen hat er eine Seele attestiert
…
Ich bin kein Cartesius-Exeget. Aber ich kann mir gut
vorstellen, dass er bewusst innegehalten hat, um nicht mit den
Mächten seiner Zeit in Konflikt zu kommen. Was La Mettrie
hundert Jahre später geschrieben hat, hätte Descartes
auch schon schreiben können. – Was den Kern Ihrer
Frage betrifft: Da gibt es etwas zu sagen, das nicht leicht zu
beschreiben und darzulegen ist. Es ist nicht so, dass ich
meine, der Mensch sei eine Maschine. Im Gegenteil, es
lässt sich leicht zeigen, dass er eine Maschine im
strikten Sinn des Wortes nicht sein kann. Dieser strikte Sinn
wird in der Automatentheorie definiert. Dazu müsste ich
voraussetzen, dass Sie wenigstens über die Grundlagen gut
Bescheid wissen. Ich habe zwar ein Lehrbuch geschrieben,
„Eine elementare Einführung in die Theorie der
Turing-Maschinen“ [Oswald
Wiener, Manuel Bonik, Robert Hödicke: Eine elementare
Einführung in die Theorie der Turing-Maschinen, Wien / New
York 1998], ein Buch, das Sie sicher nie in der Hand gehabt
haben …
…ich habe es nicht gelesen. Ich habe aber Ihren
Vortrag über die Turing-Maschine in den 80er Jahren im
Forum Stadtpark gehört …
… aha, ich habe da einen Vortrag gehalten? Also die
Turing-Maschine ist ja nur ein Modell …
… eine Papiermaschine …
Ja. Jede Turing-Maschine verkörpert eine raumzeitliche
Regelmäßigkeit, d.h. einen regelmäßigen
Vorgang, wobei regelmäßig einerseits ganz strikt zu
verstehen ist, andererseits aber sehr umfassend. Das habe ich
eigentlich im Auge, wenn ich von Turing-Maschinen spreche. Ich
meine natürlich nicht, dass wir Turing-Maschinen im Kopf
haben und auf keinen Fall meine ich, dass wir eine
Turing-Maschine sind. Wir sind keine universelle Maschine. Wir
können eine sein, indem wir sie imitieren. Was mir wichtig
wäre, dass Sie es verständen, ist Folgendes: Ich
glaube, dass unsere Verständnisse Maschinen sind. Wenn ich
etwas klar verstanden habe, dann habe ich eine Maschine in
meinem Kopf gebaut, die ich laufen lassen kann, die ich
manipulieren kann, der ich ihre Eigengesetzlichkeit lasse
obwohl ich sie zerstören, auseinandernehmen könnte.
Wenn ich etwa einen chemischen Vorgang verstehen will,
wäre es unsinnig, die Maschine so umzubauen, dass sie den
Tatsachen nicht mehr gerecht wird. – Ich glaube, dass wir
nur klar verstehen, was wir uns als Maschine denken
können. Das ist jedenfalls aber ganz etwas anderes als zu
sagen, ich bin eine Maschine. Habe ich mich verständlich
ausgedrückt?
Das entspricht einem konstruktivistischen Ansatz?
Ja natürlich. Nur habe ich nicht von denen [die Vertreter
des radikalen Konstruktivismus] gelernt, sondern das kommt
direkt aus der „Verbesserung“. Das entspricht eben
dieser Antithese. In der Zeit der „Verbesserung“
waren viele Dinge noch eng beieinander, die danach wie ein
Feuerwerk explodiert sind. – Es ist ein
konstruktivistischer Ansatz, aber ich gehe weit über die
eben gemachte Behauptung hinaus, weil ich mich frage, wie
entstehen solche Maschinen, das ist die entscheidende Frage.
Wenn man einmal begriffen hat, dass wir nur verstehen
können, was wir uns als Maschine denken können
– und dass das der Fall ist, ist einfach unbestreitbar
… Denken Sie nur an Ihr Verständnis des
Sonnensystems, dann werden Sie sehen, dass Sie in ihrem Gehirn
eine Maschine haben, die die Erde um die Sonne kreisen
lässt und daraus können sie alles Weitere folgern.
Oder wenn Sie sich, wie ich es aus reinen Zweckgründen
gemacht habe, mit der Lösung einfacher mathematischer
Probleme befassen, erlebt man richtig, wie man sich eine
Maschine baut, da ein bissl was ändert und da etwas
einrenkt und hier einen Teil von dort her bringt bis man zum
Beispiel versteht, was ein Integral ist. So, behaupte ich, ist
es auch im Alltag. Nur fasert es hier etwas aus, weil wir
keinen Anlass haben, konsequent zu sein. Wir dürfen da gar
nicht alles so scharf verstehen, denn in der Welt wird unser
Maschinendenken falsch. Trotzdem haben wir keine andere
Möglichkeit. Und das große Problem mit dem ich mich
befasse ist die Frage: Wie kommt es dazu? Man kann nämlich
leicht zeigen, dass es nicht eine Maschine im strikten Sinn ist,
die diese Maschinen baut. Die Ergebnisse von Gödel und
Turing sind absolut unhintergehbar und gerade die
Automatentheorie zeigt, dass es diese absolute neuronale
Maschine nicht gibt. Man muss sich deshalb fragen: Wie geht das
in der Praxis wirklich vor sich? Dass wir über keinen
Aufzählmechanismus verfügen, der einer
Reihenschaltung von Turing-Maschinen ins Unendliche entspricht,
das ist ganz klar. – Darüber jedenfalls arbeite ich
mit meinen Hilfsmitteln der Selbstbeobachtung. Ich war zwar
Professor an der Akademie in Düsseldorf, aber da habe ich
keine Forschungsmittel gehabt.
Sehen Sie sich also als wissenschaftlichen Außenseiter?
Und dann endlich die leidige Frage: Kunst oder
Naturwissenschaft?
Zur ersten Frage: Ja. Von der Kunst habe ich mich abgewandt.
Ich habe an die Kunst geglaubt, viel fanatischer als viele
andere Künstler. Aber die Kunst hat mich
gewissermaßen enttäuscht. Was heute unter Kunst
läuft, interessiert mich überhaupt nicht. Ein junger
Freund von mir, Thomas Raab, hat gerade ein Buch bei Suhrkamp
herausgebracht [Thomas Raab: Nachbrenner. Zur Evolution und
Funktion des Spektakels. Frankfurt a. M. 2006], das ganz meiner
Einstellung zur Kunst entspricht; wenn man darin ein bisschen
blättert, dann brauch’ ich nix darüber zu
erzählen. Er sieht die Kunst unter dem Blickwinkel des
Spektakels á la Guy Debord. Der Erkenntnisanspruch, den
ich damals mit Kunst verbunden habe, der scheint ja weitgehend
entfernt und es gibt nur mehr ganz wenige Künstler wie
Maria Lassnig, die diesen Anspruch noch stellen. Wenn Sie
schauen, was am Markt so passiert, da sträuben sich einem
ja die Haare. Ich will damit nichts zu tun haben und habe damit
nichts zu tun.
Nach Eugen Gomringer hatten Sie eine Professur für
Ästhetik an der Kunstakademie Düsseldorf. Was haben
Sie Ihren Studenten vermittelt? Hat sich seither an Ihrer
Haltung etwas verändert?
An der Akademie ist eine Reaktion erfolgt. Mein Nachfolger ist
Durs Grünbein, ein Kitschdichter, der alles wieder
zusammenreißt, was ich aufzubauen versucht habe. Genau
das, worüber wir hier reden, habe ich versucht, meinen
Studenten zu vermitteln. Ich habe dort keine Klasse wie die
Künstler gehabt. Ich gehörte der Fakultät
für kunstbezogene Wissenschaft an und habe ein Service
für die Künstlerklassen geliefert. Die Studenten sind
zu mir gekommen wenn sie wollten. Ich habe zum Beispiel
Vorlesungen über die Ästhetik der Avantgarde der 50er
Jahren gehalten, über zeitgenössische ästhetische
Probleme. Man muss ja im Auge behalten, dass Ästhetik gar
nicht lehrbar ist, weil sie als Wissenschaft nicht existiert.
Ich habe drei verschiedene Veranstaltungen pro Woche gehabt, da
waren anfangs jeweils 60 bis 100 Leute und am Semesterende
waren es nur mehr fünf. Die aber sind so lange bei mir
geblieben, bis sie die Akademie verlassen haben und die haben
bei mir Automatentheorie studieren müssen. Ich wollte,
dass die Besten verstehen, was ich sage, sonst wäre alles
Blabla, das auch in der Zeitung stehen könnte. Wenn jemand
zu erkennen gibt, dass er sich interessiert, dann muss man ihn
auch zwingen zu lernen. Ich musste auch lernen, hatte es aber
viel schwerer, weil ich mir alles selbst beibringen musste. Die
Automatentheorie war in Europa vor den 80er Jahren kaum
präsent, obwohl das die Grundwissenschaft der Informatik
ist – witziger Weise.
Zum Problem des Verstehens: In der Kommunikationstheorie
geht man davon aus, dass es kein absolutes Verstehen geben
kann. Wenn man Ihre Beschreibung einer Gehirnmaschine
heranzieht, diente diese dem absoluten Verstehen.
Zu mehr, als etwas klar zu verstehen, ist der Mensch nicht in
der Lage. Es gibt das klare Verstehen, da können die
Skeptiker sagen was sie wollen. Ich bilde mir zum Beispiel ein,
dass ich gewisse Lehrsätze der Mathematik klar verstehe.
Das habe ich mir ja irgendwie erworben; aber wie habe ich mir
das erworben? Wittgenstein sagt ganz richtig in den
„Philosophischen Untersuchungen“, dass es so
aussieht, als ob der Lehrer dem Schüler etwas beibringt,
aber das gelingt nicht. Dass der Schüler sich selbst etwas
beibringt, sagt Wittgenstein – wahnsinniger Weise –,
sei der große Irrtum. Was Wittgenstein hier als Irrtum
bezeichnet ist aber der Fall. Der Student bringt sich selbst
etwas bei, als Lehrer kann ich nur Hilfestellung geben. Im
Rahmen der Kommunikation versuche ich zu begreifen, was der
Student schon versteht und durch meine Aussagen kann ich nur
verhindern, dass der Lernende sich in eine falsche Richtung
begibt. Mehr kann ich nicht machen, denken muss er selbst.
Indem ich auf ihn einrede, ersetze ich ihm nicht das Denken.
Ich bin für ihn ein beliebiger Gegenstand der
Außenwelt.
Ein Katalysator?
Nein, ein beliebiger Gegenstand der Außenwelt. Deshalb
ist die Automatentheorie so zentral – meine Freunde
lachen schon, wenn sie von mir das Wort Automat hören
– aber da steige ich nicht herunter. Wer sich für
Denkpsychologie oder Erkenntnistheorie interessiert, der kommt
um diesen Punkt nicht herum, vor allem um die Ergebnisse der
Automatentheorie, nämlich vor allem dort, wo sie negativ
ausfallen. Diese Theorie zeigt uns, selbst wenn wir unendliche
Ressourcen an Raum und Zeit hätten, dass gewisse Dinge
einfach nicht möglich sind. Zum Beispiel gibt es kein
effektives Verfahren, dass es gestatten würde, von einer
beliebig vorgelegten und gestarteten Turing-Maschine zu sagen,
ob sie je stehen bleiben wird, obwohl man die Maschine ganz
genau kennt. Dabei interessiert uns ja weniger die Maschine,
als vielmehr ihr Verhalten. Ich übertreibe jetzt ein
bisschen, aber wir müssen bei jeder Maschine neue
Einfälle zu ihrem Verhalten haben. Das sind faszinierende
Dinge, die so eng mit dem Denken verwoben sind, dass ich mich
wundere, dass die Pioniere auf diesem Gebiet nicht schon selbst
daran gedacht haben. Turing zum Beispiel hatte einen viel zu
primitiven Begriff vom Denken. Wenn ich jetzt so rede,
müssen Sie natürlich den Eindruck haben, ich
hätte einen ebenso primitiven Begriff vom Denken. Das
erscheint jetzt sehr grob und klotzig. Ich versichere Ihnen
aber, das ist nicht der Fall. Es gibt wenige Leute, die sich
der Komplikation und der Notwendigkeiten bewusst sind, einen
Gedanken zu denken. Ich bin mir dieser Komplexität sehr
wohl im Klaren. Turing dagegen war in seinem Denken ein
Behaviorist, dessen Betrachtungsraum gegenüber den
Menschen zwischen deren Haut und seinen Augen errichtet war; was
unter der Haut geschieht, hat ihn ja nicht interessiert.
Zu Ihrem Begriff von Intelligenz bzw. Künstlicher
Intelligenz: Mit Fortschreiten von Erkenntnis und technischer
Entwicklung verschiebt sich doch auch der Begriff der
Intelligenz. Woran kann man ihn festmachen?
Man muss solche Dinge definieren, wenn man sich mit ihnen
beschäftigt – auch wenn man die Definition
später wieder aufgeben muss. Die Arbeitsdefinition muss
jedenfalls klar sein. Intelligenz lässt sich in diesem
Sinn sehr leicht als die Fähigkeit definieren, für
einen bestimmten Zweck Maschinen zu bauen. Wer diese
Fähigkeit besitzt, den bezeichne ich als intelligent,
daher sind Maschinen heute nicht intelligent. In den 50 Jahren
der KI-Forschung, ausgehend von einer Konferenz 1956 in den
USA, hat man sich mit solchen Fragen, über die wir uns
hier unterhalten, gar nicht beschäftigt. Die
Kognitionswissenschaft spuckt zwar große Töne, aber
sie ist irre weit von Kognition entfernt und eigentlich nicht
näher gekommen. Die Amerikaner sind da sehr eigen. Sie
marschieren stramm in eine Richtung, machen dann einen Schwenk
um 90 Grad und marschieren weiter. Es gibt sehr Wenige, die
sich am Kopf kratzen und sich fragen, was machen wir da
eigentlich, wie hängt das noch mit dem menschlichem
Vermögen zusammen: Ich will etwas bauen, das so ist wie
ich, das aber mit mir eigentlich nichts zu tun hat. Es gibt da
schon ein paar Leute, die das einsehen, ich gehöre
jedenfalls dazu. In der Forschung ist da in absehbarer Zukunft
aber nichts zu wollen. Die Logik war das Paradigma der ersten
40 Jahre; man hat geglaubt, dass es möglich sei, eine
Logikmaschine zu bauen, weil man einen Computer, die Ausgeburt
der Logik, hatte. Seitdem gibt es die neuronalen Netze, es
wurde alles Mögliche modelliert, z. B. Gesichtserkennung.
Die Leistungen sind aber zum Teil unter jeder Kanone,
kläglich. Natürlich kann man per Maschine eine Iris
erkennen und sagen, das ist der Wiener. Aber wie der Mensch ein
Gesicht erkennen, das können die Maschinen nicht im
Entferntesten.
Es hapert an der Übersetzung menschlicher Wahrnehmung
in die Maschine? Das Ding müsste anders als das
menschliche Gehirn funktionieren?
Das wird natürlich gelingen, aber dazu bedarf es anderer
Forscher und anderer Ideen: eines Tages werden wir über
etwas verfügen, das wir wie einen Menschen behandeln. Aber
nicht weil es in der Zeitung so steht oder weil wir es schlicht
als Elektronengehirn bezeichnen, sondern weil wir wie mit einem
Menschen kommunizieren können. Wiederum aber nicht im Sinn
von Turings Test, sondern wir werden der Maschine Aufgaben
vorlegen, und die Maschine wird sie zu unserer Akzeptanz
lösen.
Hier fällt mir Joseph Weizenbaums „Eliza“
ein, ein psychoanalytisches Programm, das bald als
künstlich intelligent bezeichnet wurde, womit Weizenbaum
überhaupt nicht einverstanden war.
Ich kenne Weizenbaum persönlich und habe mit ihm
darüber gesprochen. Wie Sie richtig gesagt haben, kommt
Eliza als Paradigma überhaupt nicht in Frage. Er selbst
war der Erste, der das betont hat.
Vielen Dank für das Gespräch.
Als ich nach diesem Gespräch Oswald Wiener bat, meine
Ausgabe der zweiten Auflage von Die Verbesserung von
Mitteleuropa, Roman zu signieren, fragte er, ob mir die
Bedeutung des Titelbildes bekannt sei. Ein Foto zeigt den
Umschlag der Erstausgabe, von zwei Händen gehalten. Auf
meinen misslungenen Versuch einer Antwort erklärte er:
„Die Hände sind die eines Kindes. Das ist
nämlich ein Kinderbuch.“
1
Oswald Wiener: Über Kunst, Selbstbeobachtung und
Automatentheorie. Ein Gespräch mit Stan Lafleur. In:
Eckhardt Hammel (Hg.): Synthetische Welten. Kunst,
Künstlichkeit und Kommunikationsmedien. Essen 1996,
S.199-213.
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Wenzel Mraček,
geb. 1962 in Klagenfurt, Kunsthistoriker, Mag.
phil., freier Kulturjournalist; lebt in Graz. Literatur:
Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen
Menschen. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2004.
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