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(Weibels Wirtshaus, Wien, 21. November 1998)
Kolik (Zeitschrift für Literatur) 6 (1999): 50-60.
Falter (Stadtzeitung für Wien) 49 (1998): 25-63
(Teilveröffentlichung unter dem Titel Wieners Gruppe
über diese Seiten verstreut; mit Fotos von Heribert Corn)
KK: Welchen Wein nehmen wir denn?
OW: Den Muskateller von Prünte. Das ist eigentlich
kein wirklicher Markenwein. Kommt aus der Südsteiermark
meines Wissens. (Bestellung wird aufgegeben, Kellner kommt
weniger später mit der Flasche). Das gefällt mir auch,
daß das Etikett nicht gut ausschaut. Das ist ein gutes
Zeichen. (Kellner schenkt ein. Wiener kostet.) Ich kenn' ihn ja,
riecht sehr gut.
Herr Wiener, Sie sind eine unsichere Gestalt; man kann Sie beruflich
schwer zuordnen. Welche Profession geben Sie denn in Ihrer
Steuererklärung an?
In Kanada muß ich nicht angeben, was ich bin, und in
Deutschland zieht man mir die Steuer automatisch ab. Aber wenn
ich meinen Beruf angeben sollte, da hätte man früher
wohl gesagt: Privater. Aber das stimmt nicht ganz, weil ein
Privater oder Privatier immer eine Menge Geld gehabt hat, was
auf mich nicht zutrifft. Ich mache alles mögliche und
fühle mich eigentlich nicht durch einen speziellen
Berufsnamen gekennzeichnet.
Sie waren Gastwirt in Berlin?
Das bin ich dort zehn Jahre oder eigentlich fast neunzehn Jahre
gewesen. Ich habe ein Lokal namens "Exil" gegründet, aber
bin dort nicht mehr tätig, das ist längst aus der
Geschichte verschwunden. Damals war es notwendig, weil ich ja
mit meiner Arbeit kein Geld verdient habe, mehr als die
Vorschüsse für die Bücher habe ich nie erhalten,
oft nicht einmal das.
Seit einigen Jahren unterrichten sie in Düsseldorf an
der Kunstakademie?
Ja, das ist natürlich sehr gut für mich, weil das doch
ein sicheres Einkommen bedeutet.
Was lernen die Studenten bei Ihnen?
Die Bezeichnung meines Lehrstuhles ist "Poetik und
Ästhetik", aber ich unterrichte eigentlich etwas, das man
allgemein Philosophie nennen würde. Von Automatentheorie
bis hin zu Wahrnehmungspsychologie, mit dem beschäftigt ich
mich momentan in einem Seminar. Manchmal halte ich Vorlesungen
über physiologische Themen, soweit Kunststudenten das
interessiert und soweit mich das interessiert. Ich habe auch
schon ästhetische Vorlesungen gehalten, beispielsweise
voriges Jahr über die Ästhetik der Avantgarde in den
50er Jahren. Hauptsächlich mache ich aber
zeitgenössische Dinge, manchmal lese ich über Musik,
eigentlich jedes Semester etwas anders.
Sie fragen von Ihren Studenten die Grundlagen der künstlichen
Intelligenz ab?
Abfragen nicht, aber ich unterrichte es gelegentlich, ich mache
da einen Grundkurs zur Einführung in die Automatentheorie,
weil ich finde, das ist Allgemeinbildung, das sollte ein jeder
wissen, wenigstens im ersten Semester. Diesen Kurs halte ich
regelmäßig, aber es ist ja eine Kunstakademie, also
geht das nicht sehr tief in einen Formalismus hinein, sondern
ich versuche das Ganze so zu vermitteln, daß es
anschaulich wird. Ich gebe mir da viel Mühe, weil ich
selbst weiß, was Künstler damit für Probleme
haben.
Was fangen die Studenten mit Automatentheorie in ihre praktischen
Arbeit an?
Einerseits lernt, wer den Kurs gemacht hat, selbst
programmieren; der kann also an seinem Computer nicht nur als
Sklave der Maschine dienen, sondern selbst seine Programme
schreiben, der kennt sich dann damit aus. Der eigentliche Grund
ist aber, daß die Automatentheorie heute eine der
wichtigsten Grundlagen des Nachdenkens über das menschliche
Denken bildet. Und zwar nicht deshalb, weil der Mensch eine
Maschine ist, sondern weil er alles, was er versteht, wie eine
Maschine versteht. Dazu muß man wissen, was eine Maschine
ist. Viele meine Studenten haben mir gesagt, daß sie dies
erst ein paar Jahre später erkannt haben, nachdem sie sich
da durchgefressen haben. Das schafft auch nicht ein jeder. Am
Anfang habe ich immer so 50 bis 60 Leute im Hörsaal sitzen
und schon nach 2 bis 3 Wochen sind es nur mehr 20. Das ist ganz
klar; aber die, die dableiben, haben das bis jetzt nicht bereut.
Wenn man sich Ihre Bücher und Essays ansieht, fällt
auf, wie breitgefächert Ihre Interessen sind. Der Bogen
spannt sich von der Mutzenbacher über den Dandyismus bis
hin zur künstlichen Intelligenz. Läßt sich in
der Entwicklung Ihres Denken über all diese Themen hinweg
so etwas wie ein stringenter Plan feststellen?
Der Mensch ist ein beschränktes Wesen und so ist es klar,
daß sich trotz aller Vielfalt gewisse Generalthemen
durchziehen müssen. Und dies auch dann, wenn der Mensch
sich so wie ich bemüht, diese Fixierungen zu umgehen und zu
neuen Sachen aufzubrechen. Ich habe mir das immer wieder
vorgenommen, bin aber wegen meiner beschränkten
Kapazität immer wieder bei den mehr oder weniger selben
Grundlage gelandet.
Zwei Fragen sind es, die Sie über die Zeit hinweg
beschäftigt haben: Was ist Bewußtsein? Und: Was ist
Kommunikation?
Ja, das ist eigentlich ein und dieselbe Frage, je nachdem, wie
man es anschaut. Was die Antworten betrifft, die ich darauf im
Laufe der Zeit gefunden habe, so läßt sich sehr
schwer eine einfache Zusammenfassung geben. Ich glaube, das
versuche ich hier erst gar nicht. Eigentlich bin ich ja zu einem
Vortrag nach Wien gekommen, zu dem man mich an der Technischen
Universität eingeladen hat. Dort wird es teilweise um
solche Dinge gehen, um Vorstellungsbilder nämlich, die wir
in unserem Bewußtsein ständig mit uns tragen. Alle
glauben zu wissen, was diese Vorstellungsbilder sind. Ich
möchte aber deutlich machen, daß es bei all unserer
Wissenschaft und bei allen bisherigen Nachforschungen noch keine
klaren Aussagen über dieses grundlegende Phänomen
unseres Denkens gibt.
Sie sagen, daß Sie im Hauptberuf Privatgelehrter sind.
Dies hat ja wohl den entscheidenden Vorteil, außerhalb von
Didaktisierungszwängen zu stehen?
Didaktisieren tun nicht nur die, die innerhalb des Betriebes
stehen; das machen wir alle, weil Didaktisieren heißt
Idealisieren, Polarisieren und Auseinanderlegen, so daß
man das Gesagte möglichst leicht versteht. Bei diesen
schwierigen Dingen, mit denen ich mich beschäftige, ist es
notwendig, gewisse Vereinfachungen zu suchen. Ich fürchte
mich auch gar nicht davor, ganz im Gegenteil: Ich freue mich
jedesmal, wenn mir eine Vereinfachung gelungen ist. Den Vorteil
des Privatgelehrten sehe ich anderswo: Der Vorteil ist,
daß man nicht mit dem akademischen Konformismus mitziehen
muß. Wenn ich an einer Universität ordentlicher
Professor wäre, würde ich in das internationale
Forschen über meinen Gegenstand eingebunden sein und
müßte alles lesen. Als das, was ich bin, lese ich nur
das, was mich interessiert. Ich lese die Sachen immer nur an, um
zu sehen, ob mich das überhaupt interessiert. Zudem
müßte man in Europa als Akademiker Rücksicht auf
die Kollegen nehmen, das würde mir sehr schwerfallen. In
Amerika ist das ja anders, da befetzen sich die gegenseitig, das
ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Die befetzen sich
fachlich und trinken dann trotzdem ein Bier miteinander. Das
wäre gerade in Österreich undenkbar: Wenn ich hier
jemanden angreifen würde wegen seiner Ansichten, würde
er das absolut persönlich nehmen. Das ist meine Erfahrung
in diesem Land, daß jeder sachlich Angegriffene meint, er
müßte mit Feindseligkeiten antworten. In den Dingen,
mit denen ich mich beschäftige, ist aber Kritik absolut
notwendig. Ich erwarte ja auch Kritik an meinen Ideen, die ich
aber als Außenseiter auch nicht bekomme.
In ihren Arbeiten wenden Sie naturwissenschaftliche Methoden,
worunter Sie insbesondere die Methode der Selbstbeobachtung
verstehen, nicht nur auf naturwissenschaftliche, sondern auch
auf Probleme der Ästhetik an.
Die Ästhetik ist für mich kein geschlossenes
Spezialgebiet, es liegt uns ja auch keine Wissenschaft der
Ästhetik vor, sonst würde ich die ja auch
auftragsgemäß in Düsseldorf vortragen. Wie haben
eine Unzahl von verschiedenartigen Ansätzen, die sehr
divergieren können. Für mich aber ist die
Ästhetik die Grundvoraussetzung des Denkens. Ich glaube,
daß die Ästhetik eine kognitive Sache ist, um diesen
idiotischen Ausdruck zu verwenden. Ästhetik ist ein
Oberbegriff zum Denken. Diese beiden Dinge waren für mich
immer ein- und dasselbe, ob ich jetzt versuche, dem mit
literarischen Mitteln oder mit etwas abstrakteren zu Leibe zu
rücken, ändert daran nichts.
Mit diesem Ansatz räumen Sie der Kunst und der Literatur
viel größere Möglichkeiten ein, als dies die
Ästhetiker zu tun bereit sind. Im deutschsprachigen Raum
hat ja in der Theorie der Ästhetik, sofern man von einer
solche überhaupt noch sprechen kann, in den letzten
Jahrzehnten eine unglaubliche Selbstbeschneidung
stattgefunden.
Der Ausgangspunkt meiner Auseinandersetzung mit Literatur war
das Staunen über die Wirkung und die Suche nach einer
Möglichkeit, sich die solcherart entworfenen Bilder zu
erklären. Im Unterschied zu jenen Leuten, die heute unter
dem Namen Ästhetiker firmieren, habe ich dazu die
Physiologie und die Mathematik und nicht die Philosophie
genutzt. Und so kümmert mich auch dieser ganze Schwachsinn
vom Erhabenen nicht, weil ich ja wissen will, wie das wirkt und
wie das Nervensystem beschaffen sein muß, damit Wirkungen
möglich werden.
Sie selbst haben sich aber von der Literatur losgesagt?
Das hängt mit meiner Beschränktheit zusammen. Ich kann
nur eins von beiden machen. Wenn ich Dichter wäre,
müßte ich Fulltime-Dichter sein, um das Niveau zu
erreichen, das ich fordere. Auch meine jetzige Tätigkeit
ist ja ein Fulltime-Job. Aber ich denke mir, wenn ich jetzt
wieder ein bißchen dümmer werde mit dem Alter, dann
könnte es schon sein, daß ich wieder auf
literarischem Gebiet zu arbeiten versuche. Ich glaube ja,
daß dort meine eigentliche Begabung liegt.
Einen kleinen Versuch in diese Richtung hat es ja vor einigen
Jahren gegeben. Unter dem seltsamen Pseudonym Evo Präkogler
haben Sie den Roman "Nicht schon wieder ...!" publiziert, in dem
es - kurz gesagt - um einen Menschen geht, der als reale
Erscheinung verschwindet, aber als Datei überlebt.
Das Buch war als Schundroman für den anspruchsvollen Leser
gedacht. Die Schweinerei war nur, daß mich mein Verleger
verraten hat, weil ich das Ganze wirklich unter Pseudonym
erscheinen und damit ein Spielchen treiben wollte. Der Verleger
hat aber dem ersten Menschen, der seinen Buchstand auf der Messe
in Frankfurt betreten hat, beiseite gezogen und ihm gesagt: Das
ist von dem Oswald Wiener, aber sagen Sie es nicht weiter!
Dieser erste Mensch war der Günther Nenning, der ja dann
auch brav den Outing-Artikel geschrieben hat.
Ja, und der Verleger ist der Herr Matthes, der ist mir damals
dauernd nachgerannt und wollte unbedingt etwas von mir verlegen,
weshalb ich ihm die Sache, die ich in knapp einem Monat
geschrieben habe, dann auch wirklich übergeben habe. Ich
habe seither gebrochen mit ihm, weil ich selbst ja etwas ganz
anders wollte. Ich wollte, daß das Buch untergeht damals,
zwei Jahre später hätte ich dann selbst eine Rezension
geschrieben und auch meine Freunde gebeten, dies in den
großen Zeitungen Deutschland zu tun. Da hätten sich
die Leute gewundert und wir hätten einen Spaß gehabt.
Ich habe das Buch ja auch vorher an cirka zwanzig Verlage
geschickt, habe aber von keinem einzigen eine Antwort bekommen.
Die haben sogar meine internationalen Postrückscheine
kassiert. Ein einziger hat zurückgeschrieben, ich glaube,
das war Piper und gesagt: Ich müsse verstehen, aber das
paßt nicht ins Programm. Das Pseudonym ist dabei niemandem
aufgefallen, die sind ja alle so strohdumm. Ursprünglich
habe ich ja noch dicker aufgetragen, weil da hat er
geheißen: Evo Lutz Präkogler.
Sie können ausschließen, daß nicht irgendwo
unter einem Pseudonym Werke von Ihnen zirkulieren?
Das will ich nicht ausschließen; dazu gebe ich keine
Stellung ab.
In Wien läuft gerade eine Ausstellung zur Wiener Gruppe.
Was sagen sie denn zu dem Ganzen; werden sie gern daran
erinnert?
Ich komme gerade von dieser Ausstellung und muß sagen:
Für mich war das eine Aufbruchszeit, wobei man nicht
vergessen darf, daß ich damals der Benjamin war. Also bei
weitem der jüngste und zwar zu einer Zeit, wo ein paar
Jahre Altersunterschied viel gewogen haben. Ich verdanke meinen
damaligen Freunden viele Anstöße, aber meine
Gefühle der Ausstellung gegenüber sind doch sehr
gemischt. Ich habe das Ganze auch nicht sehr eifrig
gefördert, obwohl ich einen Text für den Katalog
geschrieben habe über einige Dinge, die wichtig waren
damals und die immer wieder übersehen wurden. Ich kann
Ihnen den Katalog nicht schenken, weil ich ihn mir selbst
gekauft habe. Ich habe auch kein Honorar bekommen für den
Beitrag. Die scheinen da anzunehmen, daß man einfach nur
gerne publiziert werden möchten und unter Umständen
sogar bereit ist, dafür zu bezahlen. Dies bringt
wahrscheinlich das Kuratorensystem mit sich, wo der
Künstler nichts mehr zählt.
Was haben Sie denn im Katalog geschrieben?
Über Tendenzen von Konrad Bayer und mir, die gar nicht in
die konkrete Poesie hinein gehören. Oder auch gar nicht in
die Dichtung: Politische Tendenzen beispielsweise, auch der Hang
zu Aktionen und zum Aktionismus; eine Verwandtschaft gerade auch
zu den Situationisten, die bis hin zu einzelnen Ideen geht. Mit
Ausnahme der von Breton vorgezeichneten Linie zum Kommunismus
natürlich, das war in Wien gar nicht der Fall, wir waren ja
Anarchisten. Das habe ich in dem Katalogbeitrag näher
ausgeführt. Ich wollte aber in Distanz bleiben zur
Ausstellung, weil mir diese Heimholung doch sehr zuwider ist,
wobei ich da jetzt gar nicht die Veranstalter meine, an deren
Stelle hätte ich das auch so gemacht. Ich bin aber immerhin
aus diesem Land hinausgeeitert worden, und sehe mich jetzt
plötzlich als Repräsentanten herausgestellt, das
paßt doch nicht zusammen.
Man hat sie Ende der 60er Jahre nach der sogenannten
"Uni-Ferkelei", also der Aktion "Kunst und Revolution" im
Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes, aus
Österreich hinausgeschmissen und mit Aufenthaltsverbot
belegt. 1987 sollten Sie nach einem bereits vorliegenden
Juryentscheid den Manès-Sperber-Preis für Literatur
bekommen, da wurde ihnen in letzter Sekunde der konservative
Triestiner Germanist Claudio Magris vorgezogen. 1989 wurden
Ihnen dann doch noch der Großen Österreichische
Staatspreis zugesprochen. Welches Verhältnis haben Sie
heute zu diesem Land?
Die ersten zwanzig Jahre nach dem Rauswurf war es gespannt.
Aber jetzt bin ich schon so lange weg, daß sich alles
beruhigt hat. Österreich ist für mich ein Land wie
jedes andere auch. Ich komme sehr selten her, habe allerdings
noch Verwandte hier und Freunde, die ich gerne besuche, aber
auch nur besuchen kann, wenn sich die Gelegenheit ergibt,
daß man mich einlädt. Ich habe gesehen, daß
sich teilweise überhaupt nichts geändert hat seit
fünfzig Jahren, nur ist der damalige direkte Druck einem
indirekten gewichen. Der Konsumerismus hat die damalige rabiate
Unterdrückung abgelöst, aber der Effekt ist derselbe.
Heute könnte man wahrscheinlich alles publizieren, was
einem überhaupt einfällt, aber eben auch unter der
Bedingung, daß das niemand zu Gesicht kriegt.
Mit der Wiener Gruppe ist es eine seltsame Sache. H.C.
Artmann behauptet bei jeder Gelegenheit, es hätte sie nie
gegeben, und Sie selbst rechnen den Artmann nicht dazu.
Beides ist richtig. Ich verstehe den Hans auch sehr gut, der ist
eine Einzelgänger und war immer ein Einzelgänger und
er war einfach nicht dabei, er hat nicht mitdiskutiert. Er war
nur am Anfang da, als es nur um die Dichtung ging, da haben alle
von ihm gelernt, weil er Dinge gekannt hat, die uns 1952/53
unbekannt waren. Später kam eine Zeit, da ging es um andere
Dinge. Ich habe den Artmann immer als den Apollinaire der Wiener
Gruppe betrachtet, ebenso wie Apollinaire für die
Surrealisten ein großes Vorbild war, aber eben nicht zu
ihnen gehörte.
Waren denn außer Bayer, Rühm und Achleitner noch
andere Personen in die Diskussionen verstrickt? Es hat mit Ernst
Jandl, Friederike Mayröcker, Andreas Okopenko und vielen
anderen doch ein starkes literarisches Umfeld gegeben.
Es war wirklich auf uns vier beschränkt. In diesem Kreis
ist die sprachwissenschaftliche und psychologische, aber auch
politische Diskussion als Abgrenzung zu den anderen gelaufen.
Niemand sonst hat diese Mission gespürt, revolutionäre
und neue Erkenntnisse zu haben. Der Jandl hat etwas ganz anderes
gemacht, er ist liberal gewesen und wir waren besessene,
fanatische Anarchisten. Schon von der Seite war die
Kommunikation nicht möglich; Jandl war ein Beamter und wir
waren Bohemiens, unter anderem auch von der Schroffheit und dem
Individualanarchismus eines Max Stirners fasziniert.
Ihr literarisches Hauptwerk, "Die Verbesserung von
Mitteleuropa", ist ja erst nach dieser Zeit entstanden. Der Text
wurde ihnen Stück für Stück vom Herausgeber der
Grazer Literaturzeitschrift "manuskripte", Alfred Kolleritsch,
entlockt?
Entlockt ist das falsche Wort. Aber es ist schon richtig, ich
hätte ihm das nie gegeben, wenn er nicht so eindringlich
danach verlangt hätte, weil die "manuskripte" waren
für mich natürlich ein Käseblättchen. Aber
dann habe ich mir gedacht, es ist doch ganz lustig, wenn diese
große Anstrengung zuerst in einem Käseblättchen
erscheint. Er wollte dann für jede Nummer wieder etwas
neues, ich habe das aber nicht extra für diesen Zweck
geschrieben, sondern seit 1962 daran gearbeitet, so lagen mir
immer große Stoffmengen vor. Der Titel kommt daher,
daß es ursprünglich eine politische Arbeit werden
sollte, wobei ich diese allerersten Teile dann später
weggeschmissen habe. Im großen und ganzen ist die
"Verbesserung" doch in der Reihenfolge des Entstehens gedruckt.
Ich habe das Buch auch immer als einen Entwicklungsroman
gesehen, wenngleich es eigentlich kein Roman ist. Es geht um
meine Entwicklung von der Bewußtseinsphilosophie, der ich
total verpflichtet gewesen bin, hin zu dem Reduktionismus, der
sich im Kapitel über den Bioadapter findet.
Was ist Ihnen heute an dem Buch noch wichtig?
Es ist ein Kunstwerk und wie jedes Kunstwerk zeitbedingt und
kann wahrscheinlich heute gar nicht mehr gelesen werden mit dem
Selbstverständnis von damals, weil sich der Kontext
geändert hat. Es ist mir ein großer Trost, daß
ich das Buch geschrieben habe und ich glaube auch, es wird
bleiben. Es hat Schwächen, aber auch viele Stärken. Es
ist sehr raffiniert gearbeitet und weist eine Unzahl interner
Beziehungen auf, die nur der allerbeste Leser finden kann. Da
aber so viele Gegenbezüge da sind, findet faktisch jeder
Leser einige davon. Ich kann nicht sagen, daß mir ein
Abschnitt besonders am Herzen liegt. Ich habe darin
natürlich auch mit verschiedenen Stilen experimentiert.
Verschiedene Passagen sind in verschiedenen Stilen gehalten, so
hat auch der Abschnitt über den Bioadapter seinen Stil. Die
Aussage dieses Abschnittes betrifft aber das ganze Buch. Der
Bioadapter ist ja ein Gleichnis für
die Wirklichkeit, in der wir leben, diese Wirklichkeit wird als
eine virtuelle Wirklichkeit betrachtet. Damals hat man das nicht
so gesagt, und ich glaube, das war überhaupt das erste Mal,
daß so etwas wie eine virtuelle Realität ernsthaft
beschrieben wurde.
Heute sind diese Vorstellungen des Bioadapters, also einer
Art von künstlicher Haut, die man sich über die erste
und damit über die Sinnesorgane stülpt, technisch
machbar geworden.
Einige Modulen kann man bauen, man darf aber nicht vergessen,
daß der Bioadapter eine intelligente Maschine ist und wir
haben noch keine intelligenten Maschinen und werden auf lange
Zeit keine haben. Was man heute machen kann, ist nur ein
Abklatsch. Dies liegt nicht so sehr an der technischen
Beschränktheit, sondern daran, daß wir nicht
über die Intelligenz für eine solche intelligente
Maschine verfügen. Die heutigen virtuellen Welten sind
armselige Kulissenwelten, die immer nur den Erkenntnisstand
eines bestimmten Teams repräsentieren und wer wollte schon
in so einer Welt leben? Sie wollten doch auch nicht in einer
Welt leben, die ich für Sie aufbauen kann?
In Ihrer Theorie nehmen Sie aber das Vorhandensein einer
intelligenten Maschine vorweg.
Ich habe schon ein gewisses Streben nach einer intelligenten
Maschine in mir. Dieser Wunsch kann ja auch in einer harmlosen
Weise verstanden werden als Wunsch nach einer besseren
Definition von Intelligenz, denn die müßte ja dazu
erst einmal da sein und ich glaube, ich habe da auch große
Fortschritte gemacht. Hätte ich nun aber wirklich eine
intelligente Maschine, die mir sehr weit überlegen
wäre und dürfte ich außerdem noch voraussetzen,
daß diese Maschine mir wohlwollend gegenübersteht,
dann würde ich ganz ohne Zweifel eine große
Entwicklung meiner eigenen Intelligenz erfahren, weil diese
Maschine mich auf eine Weise lehren würde, wie das kein
Mensch kann. Besser als jeder Mensch würde die Maschine
erkennen, wo meine Schwächen sind und wie sie mir das
servieren muß, damit ich es auch begreife.
Soeben ist von Ihnen ein Band mit "literarischen
Aufsätzen" erschienen. Dieser Titel ist bewußt
doppeldeutig gehalten: Die Essays handeln über Literatur,
wählen aber auch für sich eine literarische Form.
Das sind lauter ältere Aufsätze, die, wie es mein
Schicksal ist, an verschiedensten Stellen publiziert wurden;
deshalb macht es für mich Sinn, dies einmal alles gesammelt
zu haben. Ich schreibe dort unter anderem über Carl
Einstein; einen Autor, der mein Denken sehr beeinflußt
hat, aber auch über Konrad Bayer und den Dandyismus, was
auch ein literarisches Thema ist, und dies alles passiert in
einem literarischen Stil im Unterschied etwa von meinen kleinen
Schriften zur Erkenntnistheorie.
In einem Essay gehen sie der Frage nach "Wozu überhaupt
Kunst". Und kommen dabei zu einer auf den ersten Blick recht
einfache Antwort: wegen der Ergriffenheit.
Das ist dann freilich eine andere Ergriffenheit, als jene, die
als Topos in der Germanistik läuft. Ich meine da das
umgangssprachliche Ergriffen-Sein, das hat mit der Ära der
Ergriffenheit, die ja noch aus dem vorigen Jahrhundert stammt,
nichts gemein. Die Antwort, die ich zu geben versuche, ist,
daß Kunst ein Experiment mit der Ergriffenheit ist und
dieses Ergriffen-Sein selbst reflektiert. Gemeint ist damit
eigentlich Kunst als eine wissenschaftliche Leistung, die auf
eine andere Weise gar nicht erbracht werden kann. So wie es
früher auch der Fall war. Jahrhundertelang war die Kunst
der Psychologie voraus und die Psychologen haben, seit es
Psychologie gibt, kaum etwas anderes gemacht als psychologische
Probleme aufzugreifen, die vorher nur in Literatur abgehandelt
wurden. Ich halte die Fortsetzung davon für möglich.
Sehen sie in der Gegenwartskunst oder Literatur diese ideale
Position irgendwo verkörpert?
In der zeitgenössischen Kunst sehe ich sehr wenig. Es gibt
Leute, die machen interessante Dinge und überschreiten
dabei teilweise auch das, was wir in der Wiener Gruppe damals
gemacht haben, wie etwa der Franz Josef Czernin hier in
Österreich, den ich für eine sehr interessante
Erscheinung halte. Was ich mir aber eigentlich wünsche,
sehe ich nicht durchgeführt. Das liegt wohl daran,
daß Künstler heute einen ganz anderen Blickwinkel
haben und ganz andere Interessen. Das Wort Strategie wird meist
genannt und diese Strategien sind, wenn man genauer hinsieht, in
erster Linie Marktstrategien. Die Künstler sind heute
vollauf beschäftigt, den Kunstmarkt zu definieren und
dieser Kunstmarkt hat mich an sich nie interessiert. Auch dieser
Ruf , daß Politik in die Kunst müsse, das ist ja ein
Ruf, den wir damals erhoben haben wie auch schon die
Situationisten. Das war damals eine Reaktion auf das, was wir
vorgefunden haben, während ich heute in dieser Hinsicht
total resigniert habe. Wenn Kunst das heute macht, dann wird sie
aufgesogen von Marktmächten, die viel stärker sind als
der einzelne Künstler und vielleicht auch stärker als
die Kunst insgesamt.
Dadurch, daß sie in Kanada leben, haben sie ja auch
Zugang zur amerikanischen Situation?
Ich bin leider nicht in der Lage wahrzunehmen, was im
Kunstbereich in Amerika passiert, denn ich leben in einer
Gegend, die total abgeschlossen ist. Ich wohne, wenn ich in
Kanada bin, faktisch in der Wildnis. Dazu kommt, daß ich
sehr geizig sein muß mit meiner Zeit. Es kommt selten vor,
daß ich ein literarische Buch lese.
Über Personen, die hierzulande nicht präsent sind,
bilden sich in Österreich schnell einmal Gerüchte. Es
heißt, sie hätten ein Hundeschlittenrennen
finanziert.
Ich habe einen Fallensteller gesponsert, der an einem
schönen Rennen teilnehmen wollte und das auch getan hat?
Hat er was gewonnen?
Nein, ich glaube, er ist vorletzter geworden. Aber allein,
daß er es durchgehalten hat, ist eine ungeheure Leistung.
Da geht's wirklich 15 Tage durch die Wildnis bei Temperaturen
von minus 30 bis minus 50.
Sie leben seit Anfang der 80er Jahre in Kanada. Der Ort, wo
sie wohnen heißt Dawson City, das klingt wie aus einem
schlechten Western.
Es ist reiner Zufall, daß ich und meine Frau dort gelandet
sind, es war das erste, was uns gefallen hat. Dann hat sich
herausgestellt, daß es auch klimatisch günstig liegt.
Mein Leben dort unterscheidet sich nur in
Äußerlichkeiten von jenem in Deutschland, in
wesentlichen Punkten ist es genau dasselbe: ich lese und
schreibe. Wenn ich aufhöre zu arbeiten, ist es
natürlich schon anders: Ich fliege dort, habe ein eigenes
Flugzeug und da machen wir oft große Reisen in die
Wildnis, an Plätze, die man eigentlich nur mit dem Flugzeug
aufsuchen kann, überhaupt in unserem Alter. Wenn ich schon
mit dem Flugzeug reise, dann heißt das, daß man
immer auch Landemöglichkeit finden muß. Mein Flugzeug
ist kein wirkliches Buschflugzeug, so daß ich nicht alle
Punkte anfliegen kann. Aber es gibt in Kanada jede Menge
Outfiter, das sind Leute, die Großwildjäger betreuen
und die Leute herumführen im Land. Diese Outfiter
verfügen über Landeplätze. Das ist dann die
wirkliche Wildnis da und man lebt in der Hütte. Da hat man
dann auch diese gigantischen Berge von 6000 Metern vor sich und
ungeheure Eisfelder. Die Kälte dort ist aber besser
erträglich als hier, es ist trockener, und wir gehen auch
bei minus 50 hinaus im Wald wandern mit Schneeschuhen. Nur Wind
darf keiner gehen, aber das kommt in Dawson City nur ganz selten vor.
Es war ja auch von Konrad Bayer geradezu eine
Wunschvorstellung, im Eis zu enden.
Er persönlich hat das ja nie kennengelernt. Ich selbst habe
den Norden auch erst entdeckt, als ich drei Jahre in Island war.
Da habe ich gesehen, daß der Norden mich anspricht. Dieses
Verlangen nach Eis, daß in Bayers Buch "der kopf des vitus
bering" spürbar ist, ist mittlerweile ja auch zu einem
literarischen Topos geworden. Zahlreiche Schriftsteller, dem
Vernehmen nach auch Österreicher, beschäftigen sich
damit. Wie auch dieser Nadolny, dessen Bücher ich nicht lese.
Auch Wittgenstein hat die Klarheit im Norden gefunden.
Naja, gefunden hat er sie nicht, wie man seinem Werk ablesen kann,
aber gesucht hat er sie.
Es ist von Ihnen soeben eine kleine Schrift erschienen, eine
Tischrede, wie es im Untertitel heißt: "Bouvard und
Pécuchet im Reich der Sinne". Die titelgebenden Figuren
stammen aus dem großen ironischen Roman von Gustave
Flaubert. In Ihrem Text nun gehen diese beiden unbeholfenen
Gestalten dem Vergnügen wahrer Weinkennerschaft nach.
Was mich bei dieser kleinen Auftragsarbeit gereizt hat, ist
dieses Bedürfnis nach Sinnlichkeit, daß sich heute
bis in die mindersten Schundblätter ausgebreitet hat,
sodaß jeder, anstatt mehr verstehen zu wollen, mehr
genießen will. Dieser Genuß, der sich gerade bei dem
völlig standardisierten Ritual des Weinkostens zeigt, kommt
aber ganz schal daher. Die beiden Figuren von Flaubert, die mir
als Vorbild gedient haben, scheitern ja schon an den Grundlagen
des Wissenserwerbs. Sie verstehen die gelesenen Bücher
nicht und wollen zudem alles selbst machen, auch dies ein Zug,
der heute durchgängig vorhanden ist. Jeder baut heute
selbst Wein an oder treibt gar Viehzucht, um dabei intensiver an
die Natur heranzukommen, dies hat Flaubert in seinem Buch an den
Pranger gestellt. Die Leute fühlen sich heute als
Entfremdete und wollen diese Entfremdung durch sinnliches
Herangehen an die Dinge aufheben, meine Botschaft hingegen ist
es, daß, wenn ich schon entfremdet bin, dann wirklich
entfremdet bleiben und noch fremder werden will.
Auch ein Zitat über das Internet findet sich in dem Text,
das Netz brächte demnach das Ende des Echten mit sich.
Das ist natürlich ironisch gemeint. Ich komme auch gerade
von einer Tagung in Prag zu diesem Thema, da laden die mich
manchmal ein, weil ich eine der wenigen Stimmen bin, die dagegen
sind. Also ich argumentiere natürlich nicht für die
Abschaffung des Internet. Seine eigentliche Aufgabe sehe ich
aber darin, dem Konsum zu dienen; dies hat sich faktisch bereits
durchgesetzt. Diese Tagung hat sich mit Literatur im Internet
beschäftigt und der Eindruck, den ich dabei gewonnen habe,
ist der, daß das Internet eine wesentliche Eigenschaft
hat, nämlich den literarischen Kitsch wieder diskutabel zu
machen. Es war dort der süßeste und sauerste Kitsch
zu sehen, den man sich vorstellen kann; das wird alles
erträglich erst durch das Medium. Wo man künstlerisch
werden will im Internet, geht das immer in die Richtung der
Graffiti.
Ihre beiden Helden, Bouvard und Pécuchet, finden dann
schließlich doch zur wahren Sinnlichkeit, sie entdecken
den Geist des Weines im Alkohol.
In gewisser Weise geht es ihnen dabei wie dem Grizzlybären,
von dessen "Freiheit" ich in einem meiner literarischen
Aufsätze spreche. Wenn Bouvard und Pécuchet unten im
Keller herumtappen und gegen Ende wirklich ganz benebelt sind,
dann sind sie frei.
| Klaus Kastberger,
geb. 1963, Literaturwissenschafter und -kritiker, Mitarbeiter des
Österreichischen Literaturarchivs in Wien. Herausgeber von
Essaybänden zu Friederike Mayröcker, Marianne Fritz und
Andreas Okopenko. Mitherausgeber des Katalogbandes "Der literarische
Einfall. Über das Entstehen von Texten" (1998). Zahlreiche
Aufsätze zur österreichischen Literatur.
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