Oswald Wiener
Interview (Manuel Bonik)
59tol 23 (März/April) 1989: 38-46.
Teilen Sie Ihr Werk in Phasen ein (Wiener Gruppe; Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman; Essays; Sonstiges)? Wo würden Sie Grenzen ziehen, Unterschiede feststellen?Ich sehe mich nicht als Schriftsteller. Ich schreibe selten, brauche die Schreiberei bisweilen, um mir gewisse Vorstellungen zugänglicher zu machen, wie man sich oft in Skizzen irgendwelche Zusammenhänge verdeutlichen möchte--meist erfasse ich erst am Geschriebenen das Unzulängliche meines Gedankens (natürlich komisch wenn es schon gedruckt ist). Seit 1967 habe ich nur Gelegenheitsarbeiten geschrieben, man bietet mir ein Thema an und ich versuche etwas von dem hineinzutun was mich interessiert; auch mit diesen bisweilen wunderlichen Drehungen finde ich mich ab. "Mein Werk" besteht aus solchen Skizzen und Unterstellungen. Mein Thema war und ist "experimentelle Epistemologie", wie McCulloch so etwas nannte, und nicht etwa Kulturkritik. Meine Phasen waren Schwankungen--ob ich Räusche vorzöge oder Einsichten, soweit mir beides möglich war.
Die Wiener Gruppe: Sie haben sich nachträglich von ihrer Arbeit mit dieser distanziert--vielleicht können Sie mir dennoch etwas dazu sagen:
- Gab es für die Wiener Gruppe bestimmte "ästhetische Maximen"? Was machte die Wiener Gruppe (theoretisch) zur Gruppe? kleinschreibung?
- Inwieweit hat sich die Wiener Gruppe auf Ihre weitere Arbeit ausgewirkt? Wie haben sich angenommene "ästhetische Maximen" später verändert?
- Sie haben keine Einzelarbeiten aus dieser Zeit veröffentlicht. Warum?
- In Gerhard Rühms Buch Die Wiener Gruppe steht Ihr Text das "literarische cabaret" der wiener gruppe. Darin finden sich Andeutungen, warum Sie sich von der Wiener Gruppe distanziert haben. Möchten Sie präzisieren?
- War Konrad Bayer letztlich für Sie die einzig "interessante" Person der Wiener Gruppe? Haben Sie heute noch Kontakt mit Achleitner, Artmann und Rühm? Wenn, welchen?Ich wiederhole schon Gesagtes--die "Wiener Gruppe" erhielt sich eine Zeit lang aus zwei Momenten: Druck einer Öffentlichkeit, welche die eben überlebten Katastrophen auf irgendeinen "Verlust der Mitte" geschoben hatte; und gemeinsames Interesse, zwar naives, an der Wirkungsweise der Sprache im Gegensatz etwa zu einem Interesse an Verhaltensweisen oder Schicksalen oder anderen in der Sprache darstellbaren Verhältnissen und Ereignissen, oder auch etwa an lyrischer Sinngewalt. Die Frage galt nicht in erster Linie der Grammatik (in Österreich damals als eine Art Philologie verstanden), sondern der Natur von Mechanismen, die durch Grammatiken affizierbar sind und syntaktische etc. Formen "erleben", s.v.v. in "Inhalte" übersetzen. Diese Einstellung gab für Apologie des Vaterlands wenig her, das heißt die Mitte hatte auch uns verloren: die Volksdemokratie der Kulturträger bannte unsere "formalistische Spielerei" und beschnitt unsere Kommunikationsmöglichkeiten beträchtlich (Redakteure konnten uns--wie Sie das andeuten--mühelos an der Kleinschreibung erkennen, die wir den Vätern des Deutschen, nun sagen wir: entwendet hatten).
Es gab keine klar formulierten "ästhetischen Maximen"--das Ästhetische war das Vorbewußte: die aufnehmbaren Bewegungen am Rand eines beliebigen bewußten Gedankens, ein Halo von "Inhalt". Die "Gruppe" war einig, daß die allgemeine Natur der ästhetischen Wirkung untersucht werden muß, doch selber nahm sie das Projekt nur von der Erlebensseite her in Angriff. Eine Theorie des Erlebens war gefordert, und sie sollte weder soziologisch noch psychologisch sein; aber auch nicht naturwissenschaftlich: Geist war Erleben des Erkennens. Soweit war das ganz konventionell. Aber mein Traum war so etwas wie eine Wissenschaft, die auf dem Erleben gründete. Sie sollte von der Naturwissenschaft Stimmigkeit (sprich konkreten Mechanismus) und Power haben, aber irgendwie der Leitung des Ich unterstehen.
Das beinahe einzige Verfahren war, Teile der eigenen Empfindung und des eigenen Verständnisses angesichts einer bestimmten Wortwahl distanzierend bewußt zu machen und dann zu verändern, was in der Praxis meistens bloß heißen konnte: die Wirkung zu durchkreuzen oder ambivalent zu halten. Diese Vorgangsweise erzog dazu, Empfindungen und Einsichten bloß als gemeinte auftreten zu lassen, ihr Anlaufen zu isolieren. Kunst schien fast ganz in den Betrachter verlegt, als seine Fähigkeit, das eigene Verstehen zu manipulieren ohne sich ihm auszuliefern; das erklärt warum die Erscheinungsformen glanzlos wurden (außer wo Glanz ein Mittel war) und Technik (außer zur Darstellung von Technik) nutzlos. Zugleich immer das Umschlagen dieser Haltung ins Gegenteil: Berechnung des Betrachters; mit der gleichen Begründung: eben Verstehen als Kunst. Diese "ästhetischen Maximen" waren so wenig klar, daß es trotz vielfacher kollektiver Versuche nicht gelang, wenigstens subjective operationale Kriterien zur Beurteilung von Kunst aufzustellen, durch die wir uns von der zeitgenössischen Literatur hätten absetzen können; damals konnte ich das nicht fassen, doch nun sehe ich, daß es ja schlechte Kunst garnicht geben konnte nur fähigere und weniger fähige Versteher--in meiner Vorstellung. "Jeder konnte Dichter werden"--aber offenbar lernte nicht Jeder, die so entstandenen Werke zu genießen. Das erwünschte Niveau der Einsicht ist nicht erreicht worden, denn wir waren selber Künstler: der Genuß der von unseren Experimenten ausgehenden Überraschungen war genug. lch hatte keine klaren Vorstellungen vom Charakter einer mechanistischen Erklärung, und hätte ich klarere gehabt: eine mechanistische Erklärung von "Sinn" und "Erleben" war der Gegenpol meines Strebens (insofern wenigstens hätte ich gut in das Milieu gepaßt).
lch habe meine "Arbeiten" aus dieser Zeit aufgegeben, weil sie mir, als Skizzen im erwähnten Sinn, durch zu schwache Theorien angeleitet schienen, als Material nicht schlüssig genug für stärkere. Ich zweifelte an der Kunst, und die "Gruppe" wurde mir der mit meinen Unzulänglichkeiten belastete Sündenbock. Distanziert babe ich mich nicht. Max Bense hatte die Möglichkeit einer "von Computern" geschriebenen Literatur angespielt, im Studio von Eimert produzierte man "elektronische Musik"; ich begann mich für Computer zu interessieren, die Literatur und Musik verstehen würden, und wollte mich sachkundig machen (was in Österreich damals nur im beginnenden Computerhandel möglich war).
Ich bin meinen alten Freunden dankbar für die sentimentale Erziehung, die sie mir gegeben haben (ich war Achtzehn als ich in ihren Kreis geriet). Mit Rühm habe ich immer wieder einmal zusammen gearbeitet, z.B. in den Siebzigerjahren gemeinsam mit Dieter Roth an unserer Selten Gehörten Musik, die ich für meinen Anteil direkt auf die "Wiener Gruppe", und das verlorengegangene coole manifest (der raffinierten Beliebigkeit) zurückführe. Bayer hat mich fasziniert; er schien etwas über den Zusammenhang zwischen Kunst und Leben zu wissen, das ich nicht fassen konnte.
Vielleicht ein Aspekt der Verbesserung von Mitteleuropa: Formen (insbesondere sprachliche) Sind (insbesondere politische) Zwangsmittel, die Sie ablehnen. Aus welcher Haltung können Sie dann eine zwar neue, aber eine (sprachliche) Form erstellen ("Experimentelle Literatur" usw. nennt das die "zuständige" Wissenschaft)? Anders gefragt: Wie entgehe ich dem Oswald-Wiener-Zwang? Oder haben Sie damit keine Probleme?die verbesserung von mitteleuropa, romanhat viele Facetten, die teilweise, und an verschiedenen locibus, zur Deckung kommen. Mein Hauptmotiv beim Schreiben war die Hoffnung, daß sprachliche Formen nur die Schnittstellen seien, an welchen sich inkommensurable Inhalte überführen. Sich etwas bewußt machen, einen Formalismus finden, hätte dann wohl, wie ich heute sehe, in der Tradition Freuds--geheißen, daß eine Solution möglich wurde: nicht eine Lösung, mit der man dann leben konnte (wie in der epigonalen Psychoanalyse), sondern eine Auflösung, Abwendung. Man war frei als Dasjenige, das den Inhalt wechseln konnte. Meine sprachlichen Formen waren ein Trampolin, daB mich nach jedem Kontakt in andere Lagen warf. Ich habe nicht für oder wider Einsichten, oder die Einsicht, Partei genommen, sondern das Wesen gesucht, das Einsichten hat.
Vielleicht ein anderer: Die Aufhebung von Dichotomien resp. Polaritäten. Nicht durch Dialektik, Stil, Formalismus, lnhaltismus. Aber durch "Fühlen"? "Spontaneitäit? Dionysik? Rock'n'Rock-Life? Bio-Adapter?
Noch einer. Der Übergang von Ablehnung der Wissenschaft hin zu der Forderung, Literatur/Kunst müsse das Niveau von Wissenschaft erreichen (so daß Sie erstmal Mathematik studiert haben).
- Glauben Sie, persönlich dieses Niveau erreicht zu haben? Etwa im "bio-adapter" oder in "Eine Art Einzige", dem Text über den Dandy?
- Glauben Sie, daß andere dieses Niveau erreicht haben? Sagen wir: innerhalb der 150 Jahre literarischer Moderne: Charles Baudelaire? Gertrude Stein? Ludwig Wittgenstein? Aktuelle Beispiele? (Was lesen Sie z.Z?)
- Oder ist für Sie Kunst tot?
- Akzeptieren Sie Szientismus als Religion?
- Nochmal allgemein nachgefragt: Wie ist heute lhr Verhältnis zur Wissenschaft ("Wissenschaft")? Bietet sie einfach ein besseres Themenreservoir ("physikalische Formeln") als traditionelle Dichterthemen (..."Liebe")?
- Hat der Absturz der amerikanischen Challenger-Rakete ein ästhetisches Moment?
- Wie beurteilen Sie unter diesem Aspekt das diesem Interview beiliegende Buch Kontrolliert von Rainald Goetz? Wie sonst?Diese meine Einstellung hat sich erheblich verändert, ausgenommen den vorhergehenden Satz. Formalismen schienen mir damals Oberflächen des Verstehens, heute scheint mir Verstehen ein Notbehelf zum Umgang mit Formalismen, "ein Trick zum Ausgleich des Mangels an formaler Kapazität", wenn ein Selbstzitat gestattet ist; Sinnbläschen diffundieren durch ein immenses formales Netz, lokale Illuminationen, recte Illusion. Aussschlaggebend für den Wandel war die Vermutung, daß das "verstehende Wesen", selbst ein Formalismus ist. Mein mathematischer Zeitvertreib machte mir klar, daß ich, soweit ich verstehen konnte, in ganz bestimmter Art verstehen mußte, und daß der Mechanismus, der verstand, nur eine Projektion des verstandenen Formalismus in einen lokalen Knoten war. Die Tiefe des Verständnisses, abhängig von Kapazität und lokalen Umständen, ändert nichts am unabhängig davon vorhandenen Formalismus, sie kann höchstens irren und tut das dann in Verfolg eines unangebrachten Zweigs. Die Unabhängigkeit des Formalismus von Inhalten ist kein Platonismus, jedenfalls soweit Strukturen des Verstehens gemeint sind. Der verstehende Mechanismus ist die formale Struktur des Gehirns, und Mathematik ist nichts anderes als Selbstbeobachtung dieser Struktur.
Die Naturwissenschaften sind für mich nicht Themenreservoir, sondern ein Reservoir von Fragen über das Subjekt. Komplementäre Fragen der Kunst sind kraftlos geworden, ich glaube weil wir es müde sind, immer wieder emotional auf Gedanken vorbereitet zu werden, die es schon gab. Nur in den Wissenschaften sind neue Visionen möglich, aber welche Rolle bleibt der Kunst? Profile fremder Gedanken? Lebensgefühle im Chor? Radikale Brosamen? Ich wollte Künstler sein, als ich es für möglich hielt, daß Kunst der Wissenschaft widerspreche.
Aus vielen Gründen kann ich auch nicht Wissenschaftler sein. Von der Begabung abgesehen gebricht es mir zum Beispiel an der Geistesgröße, meinen falschen Gedanken zum Lebensinhalt zu machen, im Wissen vielleicht, daß er einst eine richtigere Antwort provozieren wird. Und selbst ein origineller Irrtum setzt heute außerordentliche Fähigkeiten und Teamwork voraus (ich muß wohl nicht immer "bekanntlich" sagen). Ich kann aber versuchen, wissenschaftliche Methoden und Begriffsbildungen dort zu erproben, wo ich der Natur der Lage nach ohnehin auf mich allein gestellt bin. Sozusagen zum Glück für mich hat der Hauptstrom der Naturwissenschaften in den letzten achtzig Jahren die inneren Gegebenheiten des Erkennens, "Bewußtsein" und dergleichen, als nicht untersuchbar betrachtet, das eigentliche Feld des Künstlers also, das aber auch in der Kunst immer nur behauptet und nie untersucht worden ist. Zwar hat die kognitive Psychologie einen gewissen Wandel gebracht, aber--gut für mich--auch die neuesten Entwicklungen wollen mit Introspektion noch nichts zu tun haben. Das überläßt mir bis auf Weiteres einen zentralen Bereich des zeitgenössischen lnteresses, denn sicherlich ist die Doppelfrage: "Was ist eine Zahl, daß ein Mensch sie wisse, und was ein Mensch, daß er eine Zahl weiß" (wiederum McCulloch) die Frage des Jahrhunderts. Kunst kann man aber wahrscheiniich nicht daraus machen.
Was meinen Sie mit "Niveau der Wissenschaft"? Das Niveau des einzelnen Wissenschaftlers ist, am Standard der wissenschaftlichen Ziele gemessen, im Allgemeinen erbärmlich. Das Niveau der genialen Einsicht habe ich nirgends erreicht, und andere Künstler haben davon, soviel ich sehe, bestenfalls das Niveau des Erlebens so einer Einsicht. An Anderen schätze ich Intensität (des Zweifels etwa) und Drive, der nie allein im Ausdruck liegt sondern auch im Jagen der Ideen. Baudelaire?
Allerdings; sie werden lachen: der frühe Arp zum Beispiel, oder Schwitters, trotz seiner Oligophrenie, beide natürlich kompliziert verstanden. Ich lese gerade wieder einmal Piaget.-- Da jede Wahrnehmung ein ästhetisches Moment hat, welches in den vom wahrnehmenden nicht analysierten Teilen seines Auffassens liegt, ist es auch beim Absturz der "Challenger" so; und das trifft auch auf Kontrolliert von Rainald Goetz zu.
Eine Art Einzige:
- Möglicherweise ist diese Frage unstellbar: Halten Sie sich selber für einen Dandy?
- Es gehen gewisse Mythen von Oswald Wiener und seiner Wiener/Berliner Clique um: Was halten Sie von Tischsitten? Umgangsformen? Mode?
- Akzeptieren Sie ein "Leben als Programm", "Leben als Konzeptkunstwerk"? Z.B. jeden Tag ein neues Buch in alphabetischer Reihenfolge beginnen? Also einen willkürlichen (intelligenten?) Mechanismus gegen den "natürlichen" (dummen) Mechanismus des Zufalls zu setzen?
- Überhaupt lhr Verhältnis zur "Natur": Was ist für Sie Natur? Eine langweilige Maschine? lhre Darstellung in der Dichtung bis sagen wir: Trakl und George? Alles was uns umgibt: z.B. ein Computer? Ist der Mensch "natürlich" genug, um "Natur" zu verstehen?
- Hier wie im bio-adapter, wenn ich das richtig verstanden habe: Die Maschine ist besser als der Mensch, weil sie, zumindest formal, weniger lllusionen von Wirklichkeit unterworfen ist. Bedienen Sie sich der modernsten Maschinen? Wie überprüfen Sie, daß Sie die richtigen Umgangsformen für diese gefunden haben? Wie tritt die Illusion "Oswald Wiener", mit der Illusion "Maschine" in korrekten Kontakt? Wie überprüfen Sie Software, z.B. deren Logik (Zweiersystem = perfekte Polarisierung)?Im meinem Aufsatz Eine Art Einzige, den ich ohne Vorbereitung und in Zeitdruck verfaßt habe, und den ich heute sehr verbessern könnte, habe ich versucht den Typus des Dandy an der Beobachtung zu profilieren, daß gewisse sehr intelligente Menschen die alten Inhalte unserer Kultur dadurch aufrechterhalten können, daß sie den Bereich des Verstehenden vom Bereich der verstandenen oder auch nur bewußt gewordenen Dinge kategorisch trennen--im Grund vielleicht ein emotional gewordener kartesianischer Dualismus. Im Rahmen solch einer Beschreibung halte ich mich im Gegenteil für einen Nihilisten: ich halte mich für ableitbar.
Das hat wenig mit der Tatsache zu tun, daß ich ein gewisses Minimum an Tischsitten, Umgangsformen und vielleicht auch Mode für erfreulich halte.
Was ihre weiteren Anstösse betrifft, so gibt es nichts, daß nicht natürlich wäre. Es ist ja gerade ein überaus interessantes Programm der zeitgenbssischen natarlichen Intelligenz, in ihrem Projekt einer künstlichen Intelligenz zu zeigen, durch welche Kriterien das Künstliche als Teilbereich des Natürlichen spezifiziert werden könnte. Ich glaube daß das menschliche Bewußtsein völlig auf Physik reduziert werden kann, wenngleich die zu so einer Reduktion nötige Begriffsbildung natürlich Organisationsformen in Betracht ziehen muß, die sich aus einer Beobachtung von Teilchenkollisionen her nicht aufdrängen.
Mein Verhältnis zur Natur ist Entsetzen, ihre Darstellung in der Dichtung ist--mit Ausnahme des banal Menschlichen fast (Kafka) immer schwachsinnig gewesen. Wie weit der Mensch die Natur verstehen wird hängt davon ab, wie weit sie sich als Automat darstellen lassen wird. Bei solchen Themen ist es richtig, sich vorzustellen, daß wir am Anfang der Geschichte stehen.
"Die Maschine" ist nicht besser als der Mensch, weil Menschen Maschinen sind. Es ist aber so sicher wie etwas sicher sein kann, daß viel kompliziertere Maschinen existieren werden. Unter dem Begriff des Maschinellen ist freilich jeder derartige Unterschied gering, wenn er uns auch emotional als qualitativ erscheinen müßte.
Ich bediene mich in der Tat modernster Maschinen und erkenne die Richtigkeit meiner Umgangsformen auch hier an ihrem Resultat. Meiner Software--sofern ich sie nicht selber entworfen habe--vertraue ich treuherzig bis zum ersten Flop.
Sie sind, wie mir erzählt wurde, Pilot. Was interessiert Sie am Fliegen?Am Fliegen interessiert mich zweierlei besonders. Erstens ist mir der Flug ein Sinnbild eines abnormalen Zustands, der nur durch Bewußtheit, Voraussicht und erlerntes formales Vorstellungsvermögen ausrechterhalten werden kann. Zweitens scheint mir das Fliegen eine der wenigen Chancen heute, mit der Natur in einer Weise in Berührung zu kommen, die weder durch Erkenntnisabsichten noch durch Beschreibungen Anderer vorkonstruiert ist.
Was wird in Ihrem erwarteten Buch Poetik im Zeitalter wissenschaftlicher Erkenntnistheorien stehen?lm meinem nächsten Buch beschreibe ich, was ich für die Möglichkeiten einer naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie halte, und setze mich mit dem Verschwinden der Möglichkeit einer künstlerischen Philosophie auseinander, Letzteres besonders in einem Rückblick auf das "Absurde" Camus' und das "Unmögliche" Batailles.
Wie ist lhr Verhältnis zu Pop-Musik?In meiner Kindheit bin ich Jazzfan gewesen, und sogar Jazz ist verglichen mit Pop-Musik enorm kompliziert und ausdrucksfähig. Ich habe das Schmalz von Redding geschätzt, solange ich es für kalkuliert halten konnte. Vielleicht hätte es eine Linie von Hendrix ins Raffinierte gegeben, doch leider sind die Musikalischen, scheint es, weniger intelligent, und die Intelligenteren unter den Musikern unmusikalisch.
Warum sind Sie nach Kanada gegangen? Weil sich "Mitteleuropa" nicht "verbessert" hat (nicht als Witz gemeint)? Weil der Kulturbetrieb hier zu einer angemessenen Rezension Ihres Werkes unfähig war/ist? Haben Sie jetzt den besseren Abstand, um Mitteleuropa ethnologisch (anders) beurteilen zu können?Ich bin nach Kanada gekommen, weil mich die Banalität der öffentlichen Diskussion in den alten Zentren lähmt, das heißt, weil ich zu schwach bin, das Blasenwerfen zu ignorieren. Das hat nichts mit der Rezeption meines "Werks" zu tun--sie stellt mich beinahe zufrieden, und darf ja auch nicht mit Rezensionen in Eins gesetzt werden (von denen ich allfällig neuere gar nicht kenne). Natürlich ist die hiesige Diskussion genauso banal, aber vergleichsweise herzerfrischend in ihrer Hemdsärmeligkeit. Kunst geht hier noch von Unterhaltung, und Fiktion ist Wiederholung alter Klischees mit neuerem Handwerk ("retrofit"). Die populäre Kultur ist etwas subhuman, aber wenigstens bleiben die Philosophien Tagesrand. Mitteleuropa ist mir interessant, weil dort meine Stereotypen geprägt worden sind; unbeteiligte Einsichten über die dortige Gesellschaft können mir helfen, solche Stereotypen wieder zu liquidieren.
"nach dem slap-out des beatniks suchen 3 und 14 jemanden, der
aussieht wie senta berger. die person wird nach dem auffinden
durch heftige stöße mit dem knie zu boden gezwungen,
woselbst sie, sich windend wie man sagt, für den rest des
abends liegenbleibt.
nun jemand, der aussieht wie ein neger. ihm wird von 9 und 2
durch ruckartiges zerren das kraushaar entzogen. er heult dabei
wie beim heimatlichen tam-tam.
9 und 2 könnten im vorbeigehen gleich einen mitnehmen, der
aussieht wie ein schriftsteller.
dem werden mit einer bierflasche die jochbogen zerdroschen.
einer der aussieht wie ein kommunist wird von 6 in den schwitzkasten
genommen, während 13 auf ihn hinhaut wie ein narr (...).
man sucht und findet einen, der aussieht wie der herr schmutz
(das wird weiter nicht schwierig sein--die meisten sehen so aus!), und
8 fasst ihn mit beiden händen von vorn an die bäckchen wie
bei einem zwickerlbusserl; mit einem ruck reisst er ihm das
freundliche grinsen vom schädel! dabei gehn natürlich auch
die lippen mit... (...)
15 und 23 verprügeln einen, der aussieht wie ein arbeiter, der
dabei ist sich das bildungsprivileg zu erobern: auch er hat schon
eine meinung und wird auf den verdacht hin gefotznt (...).
ein anderer, das ponem wie bei einem verehrer von proust, wird von
18 ausgesucht und entsetzlich durchgewalkt.
17 und 22 suchen einen, der aussieht wie ein richter, ein so ein
unabhängiger, wie man sagt, nach anfänglichem suchen
finden sie so einen und 22 haut ihm eine flak herunter (es muss blut
kommen!).
20 sucht und findet sicherlich einen, der aussieht wie ein
aknebehafteter avantgarde-zeitschriftist. er trampelt ihn nieder,
denn die sind meistens auch noch kleingewachsen, und grunzt
zufrieden (..)." (8)
Da wird einem leichter, Frischluft. Welche Ansicht du auch
über die Absichten hast, die ich mit dieser Zitat-Auswahl habe,
ich werde sie nicht akzeptieren. Als gewissenhafter Redakteur rechne ich
mit meinem Leser wie mit den einfachen Mechanismen, auf die er anzuspringen
pflegt. Geschickt natürlich die kleine Selbstironie im zuletzt
zitierten Satz eines Theaterstücks o.ä, in dem
natürlich auch diese, jedem Depp bekannten Namen auftauchen:
"edward teller, der vater der atombombe" (Grüne! Aufgemerkt!),
Disney, Leary, Kuhlenkampff, Augstein, Stockhausen, Gandhi, "bessie
smith, the empress of the blues", Qualtinger, Kokoschka und
"überhaupt oskar". Die sterben natürlich inzwischen
alle wie blöd weg, hat es wirklich schwer, die Kultur, keiner
mag mehr an Theaterstücken teilnehmen. Solche gibt es
natürlich noch: Blonde Hühnen, Jazzer, Dichter,
Konstrukteure, Designer.
Und, Glück ab!, eine Regieanweisung:
"usw. usw.; der regisseur wird die liste leicht aus eigenem
ergänzen können beziehungsweise mit lokalen
größen anreichern, wenn er sich nur an
die zeitungsspaltenfüllende prominenz aus kunst, politik,
sport und wissenschaft hält"-- Aber gerne doch:
Otto Schily--wusch! "Steffi Grafs Ärger mit dem Knie"
zack! Franz Schönhuber--petsch! "DDR-Schriftsteller
Hermlin: 'Es fehlt das Neue Denken'"--RAPPP! Jil
Sander--Magenschwinger!! Dr. Horst Theissen--ZAMBA-KADUMMS!!!
Salvador Dali--Bodycheck!!!! Vielleicht noch was Kulturelles:
"Baader und Meinhof"--KLOCKCKCK!!!!
Das war jetzt nur "Der Spiegel", jetzt "Zeit", eine Seite
aufschlagen, schon geht's los:
Peterrühmkorfrobertgernhardtgerdhaffmannsminimamorali-
amichaelrutschkyjosephvonwestfalen... (Deutschlehrerfeuil-
letonisten-Stimme aus dem Off: "Aber wo bleibt denn da die
Argumentation? Sehr seriös finde
ich..."--KNACKKRACH-UMPF!!!!)
Also gut, jetzt nochmal, ganz subtil, als Ping-Pong-Spiel
(zugegeben: mit nur einem Schläger): "Widersprüchlich
ist Wieners Buch in einem mehrfachen Sinne. Form und Inhalt
des Buches widersprechen schon beim ersten Hinsehen jedem
Vorverständnis von Roman und epischer Darstellungsweise.
Es fehlen Handlung, Erzählung und Romanfiguren. Es
fehien Erzähiperspektive, Erzählhaltung, es fehlen
Anschaulichkeit, Welthaltigkeit und jedes menschliche Substrat,
das Basis für Erzählung werden könnte".
(9)
OW: "die worte sagt die wissenschaft machen den satz, die
punkte bestimmen die linie.
der satz macht die worte sagt herr spann, die linie bestimmt
ihre punkte.
die wissenschaft und herr spann sind zwei üble brüder."
(10)
Dein Nächster bitte:
"Noch leicht ergibt sich für uns aus Humboldts Einsicht,
dass, wenn die Sprache als solche bereits ein Denksystem
darstellt, das Wort "Baum" zum Beispiel eben nicht der wirkliche
Baum ist, vielmehr ein einzigartiger Abzug und in erster Linie
eine Kategorie zur Einteilung der Wirklichkeit. Der Geist, der
sich der Sprache selbstverständlich bedient, vermag die Welt
nicht anders einzuteilen, zu sehen, als sie eben durch die Sprache
bereits eingeteilt, gesehen ist. So ist es zu verstehen, wenn
Wiener von der "Sprache, die deinen Verstand beengt" spricht."
(11)
OW: "wenn w. v. humboldt ein bisschen von dem was ich hier mit
vorbildlicher entblödung verordne unabhängig von mir
gefunden und beschnüffelt--ich kanns nicht hindern."
(12)
Den hier möchte ich niemandem vorbehalten (dem besonders):
"In Wiener haben die Kiffer, Rocker, Beatniks, Schizoiden und
Anarchisten ihren beredten Anwalt, der ihre Position auf
philosophiegeschichtliches Niveau bringt. (Das Buch ist) auch,
oder gerade, für unser linkes Selbstverständnis
unerhört wichtig." (13)
OW (lächelnd): "bahnhure" dirne, die auf der eisenbahn
(oder bei bahnstationen) ihr geschäft macht". ältere
wiener können sich erinnern, dass bei bahnreisen 1.
klasse, besonders nach osten, in den abteilen dirnen so
regelmässig anzutreffen waren, dass man geradezu von
einem inoffiziellen service sprechen konnte."
(14)
Die hier vielleicht?
"Sicher gibt es auch irgendeinen Gesichtspunkt, von dem aus
betrachtet das Buch ein Roman ist. Doch wäre es nicht im
Sinne Wieners, das zu untersuchen: "hinz und kunz erfrischen
sich an der bedeutung und am zusammenhang. wenn ich den
zusammenhang erblicke fühle ich mich gefrozzelt" (Seite CXXVII).
(15)
Na gut, geschickt aus der Affäre gezogen, oder Eigentor, was
an dieser Stelle eh schon dasselbe ist. CXXVII ist jedenfalls
korrekt, Hannelore. Knallhart mutig dagegen der Horst:
"Dieses Buch zu lesen, bedeutet bereits eine Qual (... ). Am
Ende glaubt man aufs Wort, was auf Seite LXXXVIII geschrieben
steht: "ich sitze gerne vor der schreibmaschine" (...). Wiener
enthüllt sich darin als derjenige, der den Anarchismus der
Wiener Gruppe am weitesten zu treiben bemüht ist--ohne
indes seinen Anspruch einzulösen. Was er auf 200 Seiten
zu bedenken gibt, hat Thomas Mann im Teufelsgespräch des
Doktor Faustus längst präziser formuliert:
die Unfähigkeit, das Besondere eines subjektiven Erlebens
in die vorgegebenen und allgemeinen, freilich objektiven
Ordnungen des--musikalischen oder sprachlichen--Satzes zu fassen.
(...) Daraus folgt das Ringen um die schöpferische
Neuformulierung. Bei Wiener gibt es sie nicht. Seine Sätze
sind mit Fremdworten überladen, oder sie sind platt: "auch
ich bin schöpferisch: ich schöpfe verdacht." Das
reicht nicht." (16)
Das sollte man freilich schöpferisch ringend mal präziser
formulieren, schauen wir mal, Seite LXXXVIII: "ja, also, die
banalität. ich sitze gerne vor der schreibmaschine, seit
jahren warte ich auf den moment, auf den endlichen, in dem
mich meine genialität zwölf zentimeter hoch aufheben
wird--wie ja bekanntlich goethe, auch er, als der geist ihn
umarmte, mit eins (es ist das zweite mal in diesem roman, dass
ich schreibe: mit eins...) hellsichtig geworden ist und in
die erfreuliche lage kam, in die bewusste--goethe...ich kann
keine zwei zeilen von ihm lesen ohne zu gähnen. ein
liebhaber von mozart ist glaube ich eo ipso ein trottel,
jedenfalls kann man das als diskussionsgrundlage nehmen."
Dem ist nichts hinzuzufügen. Doch! Aber
selbstverständlich! Von von Goethe. Zur Auswahl:
"10. Man kann nicht für jedermann leben, besonders für
die nicht, mit denen man nicht leben möchte.
15. Die Zudringlichkeit junger Dilettanten muß man mit
Wohlwollen ertragen; sie werden im Alter die wahrsten Verehrer
der Kunst und des Meisters.
41. Wer einem Autor Dunkelheit vorwerfen will, sollte erst sein
eigenes Inneres beschauen, ob es denn da auch recht hell ist. In
der Dämmerung wird eine sehr deutliche Schrift unlesbar.
80. Was man nicht versteht, besitzt man nicht." usw. usw.
(17) q.e.d.
(In der gedruckten Ausgabe folgen "wen sie nicht umbringen, dem bringen sie ihre sprache bei" von Herbert Gamper und der Aufsatz Simulation und Wirklichkeit von Oswald Wiener).