Oswald Wiener
Text, Interview und Materialauswahl: Manuel Bonik
59tol 23 (März/April) 1989: 36-39.
Haben Uns Erlaubt Nachzugraben In Einer Der Ertragreichsten Minen Dessen, Was Schon Mal Zeitgenössische Literatur Genannt Wird. In Dawson City, Kanada, Fand Oswald Wiener Zumindest Eine Funktionierende Post. Wer Die Folgenden Seiten Liest, Verpflichtet Sich, Seine Handbibliothek Ungegebenenfalls Sofort Um die verbesserung von mitteleuropa, roman Zu Ergänzen. Derweil Maul Halten, Lernen, Weitermachen.
Du sagst "Oswald Wiener" und jeder weiß was. Die "Wiener Gruppe" oder die "wiener gruppe", ja, sie wurde nach der Stadt "Wien" benannt und nicht etwa nach "Oswald Wiener". Lockere Germanisten nennen ihn ganz locker "Ossi", hauen sich die Schultern platt, später wird garantiert einer anrufen und mir von den Verdiensten der Wiener Gruppe um Rechtschreibe- und Theaterreform in Österreich erzählen. Da war dann schon viel Kultur und Oswald Wiener war David Bowie und Konrad "basic" Bayer war sein Iggy Pop. Vorher war Oswald Wiener 18 und "der junge Oswald" und Trompeter der "Jazzband Jesus Christbaum". Und überhaupt: 1954.
"Vielleicht hatten wir das gefühl, mit den reduktionsversuchen unserer sprache an die grenzen des möglichen gegangen zu sein, ohne allzuviel erreicht zu haben, und ich erinnere mich, dass bayer einmal meinte, wir würden noch beim blossen vorzeigen von gegenständen landen. (... ) wir waren alle überzeugt davon gewesen, dass wir in einer objektiven wirklichkeit lebten, und dass es, in diesem sinne nannten wir uns ja schliesslich dichter, unsere aufgabe war, die sprache zu einer optimalen annäherung an diese wirklichkeit zu zwingen." (1)
Aha, Realismus, meint der lockere Germanist, und meint damit schon ziemlich viel, er wird gemeint, meint mein Freund Mancher, das Reale ist Meinungssache. Jemand kriegt dann immer ein paar aufs Maul, daß er es hält und nicht mehr meint; meistens langt das, aber damit ist noch nicht alles gemeint.
Zum Beispiel 1935 (* Wien): "Mit dem ersten Wort Mama beginnt die Schule der Anpassung an die Kulissenwelt Potemkinscher Dörfer, die wir für die Wirklichkeit halten ..." (2)
Die Wiener Gruppe hatte also viel zu tun, lachte und trank, und, du wirst lachen, hier kommt ein Zitat:
"dieser satz wurde, da er das verständnis aller, ausser oswald wiener und konrad bayer überschreitet, in vorigem nicht zitiert." (3)
Dann, 1958, Achleitner war nicht mehr "Gruppe", gab's Theater: "wir zogen den vorhang auf, die eigentlich erste nummer hiess "starke Propaganda". es war eine der nummern, die konrad und ich bereits am ersten Tag ausgeheckt hatten; alle vier standen wir nebeneinander auf der bühnenrampe und erzählten simultan dem publikum, wie sehr gut wir seien. es dauerte ziemlich lange bis wir damit am ende waren, und wir begannen zu schreien, um einander zu übertönen, denn jeder von uns meinte (wohl allen ernstes), er selber sei der allerbeste. schliesslich erhoben wir vorbereitete transparente ("kauft rühm", "der wiener 1959" (lang ists her ... ), konrad hatte das leverkusener bayer-kreuz, prächtig prächtig) und achleitner warf eine handvoll "achleitner"-käse-packungen ins publikum, um die stimmung für sich zu entscheiden." (4)
Das ist kein Zitat (5):
Das ist ein Satz.
So war das ungefähr, damals, Freund Mancher würde sagen, Oswald Wiener ist davon heute räumlich und zeitlich weit entfernt. Vorher ist alles vorbei gewesen, die Wiener Gruppe hat sich 1959 aufgelöst und Konrad Bayer (6) hatte sich umgebracht. 1965 war Oswald Wiener, der übrigens Jura, Musikwissenschaft, afrikanische Sprachen und Mathematik anstudiert hat, inzwischen Direktor der Datenverarbeitung bei Austro-Olivetti und verdiente genügend Geld, um sich die Klamotten leisten zu können, die ein "Mitglied der Wiener Gruppe" brauchte.
Vorher, mit dem Tode Konrad Bayers gab es einen "Bruch", Oswald Wiener löste Realitätsprobleme zeitweise mit dem Schlagring (Ist ihm das heute peinlich? Bin ich respektlos? Hat sonst noch jemand eine Frage?). Knast und Literatenleben, dieses in der Waschküche eines Wiener Gemeindehauses, jenen etwa, als er an der Wiener Universität einen Vortrag über den Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen hielt und Günther Brus und Otto Mühl dabei einige Fäkalien zum Besten gaben.
1962 his 1969 (Eine rechte Chronologie wird das nicht mehr werden): Zunächst Vernichtung aller seiner papiernen Überreste der Wiener Gruppe, Beendigung einer "experimentellen vergangenheit", dann und in dieser Zeit die verbesserung von mitteleuropa, roman geschrieben. Ein übrigens sehr lesenswertes Buch, von hohem Zitierwert, einem Fan wie mir verbieten sich selbstverständlich in der Sekundärliteratur so häufige wie schlappe Vergleiche mit Der Mann ohne Eigenschaften oder Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bibel habe ich auch angetroffen). Sagen wir mal so: Selbstverständlich hat das Buch etwas mit der Kritik an und Vernichtung von Sprache als einem/dem Realität-Herrschaft-Faktor zu tun, und selbstverständlich darf man einwenden, daß einem so etwas, durch Sprache getan, spanisch vorkommt. Hat also mancher 1969 auch mal einen schlauen Satz gefunden, war auch sonst ziemlich viel los damals. Später mehr.
Hält man das Buch fieserweise für die Schilderung von Persönlichem, war Oswald Wiener inzwischen alles zerstoben. Werden übrigens sehr gern zitiert, die Seiten CXIX f.:
"ob das ein haar von helga war oder mehrere oder noch zur tapete gehören mochte war mir auch ziemlich egal, ich konnte es ja mal in frage stellen und dort stehen lassen. ich fand mein feuerzeug und schaute ein wenig ins feuer. ich glaubte dass alle glaubten ich sei ein freund von ihnen, oder wäre, und sie taten auch so als glaubten sie es, und sagten auch was zu mir. ich glaube aber nicht, dass ich ein freund bin, denn ein freund bist du wenn du alles verstehst und das meiste davon gutheisst weil du alles verstehst. aber ich verstehe alles so dass ich nichts davon begreife, und vom gutheissen kann doch wohl überhaupt nicht die geringste rede sein beim mir. früher schien ich einer von ihnen gewesen zu sein und hatte oft das maul bemüht und geglaubt was draus zum anschein gekommen war. es hatte alles gestimmt, und wenn einmal nicht alles stimmte so hatten wir da den begriff des irrtums und strengten uns mehr an bis wir wieder alles richtig hatten. und wenn ich einmal einen nicht begriff, so war es weil ich nicht begriff wie einer so einen grundsatz haben konnte und bemühte mich ihn zu belehren. es war gemütlich warm in der wahrheit und gottseidank hatten wir auch eine menge davon und waren viele, und alle zusammen waren die ganze: wenn einer eine wahre sache sagte, dann tat das wohl wie eine fackel in der höhle, wie sie es so schön sagen, es war warm wie wenn man sich aneinanderschmiegt und spürt das leben selber in der besondern art von wärme: dub du bist nicht allein. der schmäh ist gelaufen seinerzeit im zwerina weiss gott und bis auf den irrtum hat alles gestimmt. bis dann der knacks passiert ist mit mir und sozusagen war es einmal ein sätzchen auf das ich gestoßen war und das nun wirklich nicht zum stimmen zu bringen war. augenscheinlich stimmte er aber ohnehin, alle sagten aber nein ossi der stimmt doch ohnehin schau doch richtig hin und schliesslich musste ich ihnen recht geben weil sie mich so komisch anguckten und weil mir recht unbehaglich war auf einmal. es war ein ziemlich arger schlag gewesen weil ich mit einemmal alles eingebüsst hatte im sinne des worts, aber ich fing wieder zu lernen an, diesmal aber lernte ich reden wie man schwimmen lernt, zu einem bestimmten zweck sozusagen und es war ja tatsächlich jeder Satz wie wenn du ins wasser springst beim baden und tempi machst. ein baum wurde langsam wieder ein baum, aber es war eine andere sorte baum als früher und nicht eigentlich ein baum sondern gewissermassen ein "baum", aber die anfführungszeichen konnten sie ja nicht sehen beim reden und das half mir, denn für sie wars dasselbe. das reden war so geworden als ob ich nur in zitaten redete, aber es klang gut und wenn ich kaffee wollte so hatte sich der ober an die bestellung gewöhnt und es war ihm scheissegal ob ich günczler zitierte oder den hofrat kringel, nur wenn ich den tonfall nachahmte lachte er und ich kam ihm sympathisch vor oder er glaubte ich müsse ihm sympathisch vorkommen, weil es bezahlt wird. eben. (... )"
Wo aber mein Freund Mancher noch "Staub" sieht, sah O.W. nur noch Körner und "Körner" und "K""ö""r""n""e""r" usw. und machte sich also aus dem Staub: Von einem Stipendium gezogen, von der Wiener Polizei geschoben, ging er nach Berlin und wurde Gastronom. David Bowie und Iggy Pop kamen auch schon mal im Exil vorbei, darum der Vergleich weiter oben und überhaupt einer. Der erfolgreiche Gastronom Oswald Wiener hatte auch eine Kneipe mit griechischem Namen, weil der Koch Grieche war. So ging den Gästen die Verdauung von Nahrung und Aussagen Hand in Hand. Was Oswald Wiener von Gerhard Rühm an Interesse für den Wiener Dialekt geweckt worden war, schlug sich literarisch in einer Adäologie des Wienerischen (7) nieder, einem Katalog "obszöner" Ausdrücke ebendieser Sprache. Ich rede hier tatsächlich nicht von einem Toten: Manches Werk von Wiener gibt es nur noch antiquarisch im Sexshop. Oswald Wiener lebt heute in Kanada.
(1) Oswald Wiener: das "literarische cabaret" der wiener gruppe. In: Gerhard Rühm (Hrsg.), Die Wiener Gruppe. Reinbek: Rowohlt, erweiterte Neuausgabe, April 1985.
(2) Georg Jappe: Die Sprache stirbt den Wärmetod, in: Merkur 259, 9/1969.
(3) im selben wie (1), aber S. 339. Das "vorige" sind 338 Seiten, aber vor allem bayers und wieners "starker toback".
(4) wie (1).
(5) Doch, ist es, mehr oder weniger. Schau Seite CXXX in "Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman". Reinbek: Rowohlt, Neuausgabe 1985. Na, Pech.
(6) Konrad Bayers Gesamtwerk in zwei Bänden bei Klett-Cotta. Oswald Wiener über Konrad Bayer in: Verena von der Heyden-Rynsch (Hrsg.), Riten der Selbstauflösung. München: Matthes & Seitz, 1982.
(7) Nachwort des Porno-Klassikers: Josefine Mutzenbacher. München: Rogner & Bernhard, 1969.