heavenSENT 4 (1992): 22-28.
| Nach einer Mitgliedschaft bei der Wiener Gruppe, einer Tätgkeit als leitender Angestellter in der Datenverarbeitung bei Olivetti Austria und einem aktionistischen Uniskandal, der ihm Zuchthaus und Repressalien einbrachte, zog der 1935 in Wien geborene Oswald Wiener nach Berlin. Im Begriff, dort Mathematik zu studieren und eine "Österreichische Exilregierung" auszurufen, veröffentlichte er 1969 seinen "Roman" die verbesserung von mitteleuropa, einen Angriff auf Politik and Wissenschaft, als deren wichtigstes Machtmittel er die Sprache entdeckte. Nachdem er zwei Jahrzehnte nur einzelne Aufsätze veröffentlicht hatte, erschienen 1991 die Abhandlung Probleme der künstlichen Intelligenz (Merve) und unter dem Pseudonym Evo Präkogler der Roman Nicht schon wieder...! (Matthes & Seitz). Seit 1986 lebt Wiener mit seiner Frau im kanadischen Dawson City. Das Interview führte Manuel Bonik. |
Über zwanzig Jahre nach die verbesserung von mitteleuropa haben Sie Ihren zweiten "Roman", Nicht schon wieder...! veröffentlicht--unter Pseudonym. Fürchteten Sie, nicht mehr an Ihr monumentales Frühwerk heranzureichen?
Mit der verbesserung würde ich nicht Präkoglers Schundroman, sondern meine eigentliche Arbeit vergleichen. Zwar sind von der erst einige Andeutungen veröffentlicht, und ich nehme an, daß mir auch dorthin nicht viele Freunde der verbesserung folgen werden--ich habe seither eben einiges Terrain durchquert, bin Reisender, nicht Gründer oder Markenartikel. Nein, der Versuch mit dem Pseudonym hatte andere Gründe--zum Beispiel Test der großen deutschen Verlage, denen Präkogler sein Werk erfolglos angeboten hat. Einen Geschmack zu gewinnen von der Situation des Anfängers im heutigen Betrieb.
Haben Sie gerade "Schundroman" gesagt?
"Trivialroman" wäre besser. Ein Trivialroman Lesestuufe drei aufwärts. Vielleicht so: auf Stufe drei bekommt der Leser, was er bereits hat an Weltbild, mit einigen Dingen die ihm gegen den Strich gehen und mit einigen Ungereimtheiten. Das heißt, das Gefühl, daß was dran ist an seinem Bild, daß es noch weiter reicht, als man ohnehin gedacht hätte. Auf Stufe vier merkt er immer wieder, daß er zu kurz geschlossen werden soll, und wird sein Sträuben dagegen nützlich finden--das Vergnügen hier kommt auch aus dem Gefühl, einem nicht ganz schlechten Autor überlegen zu sein. Hoffe ich. Auf Stufe füf sieht er die raffinierte Bauart des ganzen, die Mischung aus trabenden Banalitäten, Irrtümern und schnöd verdämmten Einsichten, begreift, daß es schwierig sein wird, den Autor bei unbeabsichtigten Torheiten zu ertappen. Man läß sich gern anführen, wenn das intelligent geschieht, aber das ist heute natürlich schwieriger als zu Zeiten Tristram Shandys.
Der Autor begibt sich also unter sein Niveau?
Es ist wohl der Ehrgeiz jedes Autors, sich auf der Wachstumsspitze seiner Einsichten zu halten, genau dort also, wo er naiv zu werden droht. Diese sich in der Geschichte langsam verschiebende Grenze zu dokumentieren, sit vielleicht Aufgabe der großen Literatur--aber Präkogler riskiert meine Naivität nicht. Er sucht sich ein Niveau aus, das er zu beherrschen meint. Und in diesem Sinn ist er unter seinem, meinem Niveau.
Warum tut er sowas?
Präkogler will seinen Leser berechnen, wie sich das für einen guten Trivialroman gehört, aber bei einem guten Leser ist das eben ein prekäres Spiel. Zum Beispiel, Spannung soll erzeugt werden--wie kann man heute noch diese Lesetrance produzieren? Nun, es zeigt sich, daß das heute mit Rezepten geht, die früher nicht verfangen hätten. Da ist einmal die unebene Sprache. Starke, rollende Passagen wechseln scheinbar passiert mit billigen Fundus, man weiß nicht recht, hält der Autor nicht durch oder soll das Hohn sein? Ich meine jetzt nicht die "fehlerhaften", das heißt "idiosynkratischen" Diktionen, mit denen üblicherweise die Figuren als Charaktere ausgewiesen werden sollen, sondern die stilistischen Naivitäten, die man ganz automatisch dem Autor debitiert, das hat schon einige Überwindung gekostet. Dann: Kaum kommt ein bißchen Spannung auf, stockt sie in Umständlichkeit...erzeugt vielleicht gerade das die Spannung? Sind diese Druckfehler womöglich beabsichtigt? Wie geht das, daß die Platitüde immer wieder in einsichtsähnliche Gefühle umschlägt? Die zahlreichen Querbezüge, die man oft erst beim zweiten Lesen mitkriegt: dienen sie der Handlung oder sind es Ausrutscher "ins Formale"? Ziemlich gut, meine ich, sind dem Präkogler auch die Passagen gelungen, in denen der Leser gleichzeitig mehrere Gedankenkomplexe präsent halten muß, um die scheinbar beziehungslos oder eigentlich: in irreführender Beziehung--aufeinander folgenden Sätze oder Absätze sinnvoll aufzunehmen, oder die unvermittelten Gedankensprünge, die erst nach einigem Nachdenken guten Sinn machen. Solche Tricks gehen ja nur im herkömmlichen Roman, wo sich der Autor auf den basso continuo des Klischees verlassen kann, wenn er zum atonalen solo ansetzt. Präkogler weiß, daß eine echte abstrakte Spannung nur auf einem Niveau erreicht werden kann, das über dem der literarischen Erzählung liegt. Er wollte aber erzählen, vielleicht das Erzählen parodieren. So hält er sich eben an die Möglichkeiten. So gut es geht, macht er Gedanken zu den Personen eines Krimis, die Menschen aber sind standardisierte Figuren, auch schon bevor sich am Ende herausstellt, daß sie genau das auch noch in einer anderen Hinsicht sind. Wenn dann endlich das Blut spritzt, erscheint das Klischee geadelt wie in einer kostbaren Facette. Dieses Lesevergnügen hängt natürlich stark davon ab, ob der Leser das ständige Herausgeleiertwerden aus der Trance zu eigener Gedankenarbeit goutiert und was er dem Autor zutraut.
Sie verlassen sich auf den Kredit, den der Autor O. Wiener bei
seinen Lesern hat, aber wie verträgt sich das mit der
Präkoglerei?
Na, das wär' es doch gewesen, der Spaß, zu sehen, was im Lauf der Jahre mit so einer auf den zweiten Blick erkennbaren Chochmetzerei passiert, wenn der Autor keinerlei Kredit beim Publikum hat.
Da ist also vieles, was dem Leser gedankliche Anregung geben könnte, nur halbherzig gemeint?
Das kommt wieder ganz auf den Leser an. für manche Leser ist nur ein Spiegel aufgebaut. Zum Beispiel wäre es leicht gewesen, die medizinische Literatur über den Krebs zu exzerpieren, aber Präkogler beschreibt ihn lieber so, wie mn sich das halt vorstellt: ein guter Leser wird wissen warum. Viele Kunden werden die "mathematischen" Passagen und vielleicht auch die zackig ausgerissenen "philosophischen" überblättern, sie kriegen also noch nicht einmal die Romanfunktionen dieser Stellen mit--oder eben doch, in flachster Weise, sie werden mit Bedeutungsahnungen voranfadisiert. Oder zum Beispiel auch die doofen Ansichten über die Vereinigten Staaten. Oder der gewissen Widerwille gegen die Öffentliche Meinung und gegen einige ihrer aktuellen Inhalte...alles Dinge, die sich differenziert begründen ließen, aber eben nicht im Rahmen dieser literarischen Absicht. Wichtig ist hier nur, daß diese Dinge in einer Weise formuliert werden, die man noch nicht in der Zeitung gelesen hat und wenn, dann so, daß sie jetzt zweifelhaft werden.
Ich fürchte gerade, ich könnte Ihnen an drei bis acht Stellen auch auf den Leim gegangen sein.
Ich würde ja selber drauf hereinfallen.
In Ihrem Roman kommen diverse Skandelgeschichten vor: Waldheim, die Lucona-Affäre. Gehört das auch zum Plan?
Natürlich. Der "aktuelle Zeitbezug" gehört zum Trivialroman. Es war verblüffend, wie er mit wenigen oberflächlichen Handgriffen ziemlich solide herzustellen ist, wie mit ein, zwei Pinselstrichen der ganze Kanevas steht, weil der Leser die Landschaft mitbringt. Aber für die Lesestärke vier auf der nach oben offenen Wiener-Skala sind andere Vergnügungspunkte vorgesehen, neben der kieksenden Virtuosität etwa die Schnellparodien Arno Schmidts und Ernst Jüngers, die, wie es sich gehört, sich wiederholende Parodie des frühen Robbe-Grillet, die unausgeführten Anspielungen auf Zweckdienliches von Schreber über Poe und C.S. Lewis bis zum gnostischen Schöpfungshaß...das sind alte Rezepte, freilich, aber sie als solche frech eingesetzt zu sehen, macht Spaß
Bei all Ihrem Streben nach Detachement zeigt Ihr Held Zdenko Puterweck aber doch viele Züge seines Autors.
Das ist leider richtig. Aber es müssen auch, und vor allem, "existentielle" Themen hinein, und da habe ich eben genommen, was dem Herrn Wiener heute als existentiell vorkommt: Das Problem "Qualitäten"--zum Beispiel Schmerz--versus formale Darstellbarkeit der Intelligenz: Abhängigkeit der "Wirklichkeit" von der Kapazität der Intelligenz: die Natur der Intelligenz selbst, um nur einige zu nennen. Das gehört zu meiner eigentlichen Arbeit, und darüber kann ich weit mehr und weit Eindringlicheres sagen als Präkogler. Manches ist ja in meinem Bändchen Problem der Künstlichen Intelligenz angetippt. Probleme der Introspektion, ursächliche Zusammenhänge von Traum, Vorstellungsbildern, Erinnern und Vergessen, Sprache--diesseits von Wittgenstein--, ästhetischem Empfinden, Unbewußtem,--diesseits von Freud--mit dem wachen problemlösenden Verstehen, das behandle ich in größerer Stringenz in einem Buch, an dem ich seit der verbesserung arbeite und das sicherlich an der Grenze meiner Kapazität, Naivität angesiedelt ist. Präkogler kann freilich nur ahnen machen, daß hier tiefe Stellen sind. Daß es hier langgeht, und zwar in Richtung Naturwissenschaft und partout nicht in Richtung Postmoderne.
Auch Ihre "flachen" Stellen dürften die Kapazität manches Lesers reichlich strapazieren.
Ich hoffe es, denn auch das gehört zur Spannungsfabrikation. Nun ja, nicht jeder Leser von Schundromanen wird meinen gennießen. Aber Sie haben womöglich recht: vielleicht trifft die Rubrik "Trivial-roman" auf ihn in anderer Weise zu als auf die zeitgenössiche Literatur.
...die Sie anscheinend nicht besonders schätzen.
Wir kaufen regelmäßig, und meine Frau prüft, was ich lesen sollte. Dabei kommt aber selten eine positive Rückmeldung.
Dann muß man sich eben an Klassiker hatten, vielleicht an Thomas Bernhard?
"Klassiker" trifft: ein Vierkant-Beckett. Bernhard zeigt mir gerade, was Literatur heute nicht sein kann--ein Holzschnitt der öffentlichen Ratlosigkeit dem geistigen Wandel gegenüber. Er hält es fült es für Schuftigkeit, neu verstehen zu wollen und stilisiert in alter Manier das Versagen obsoleter Ideale. Wenn Präkogler schreibt, das Scheitern sei der Beweis der menschlichen Freiheit, so verspottet er--übrigens pauschal zitierend--gerade diese Ich- und Bewußtseins-Tragik einer abgefundenen Metaphysik.
Sie halten eine Literatur für verfehlt, die sich um die Reaktionen des "Zeitgeists" auf den "geistigen Wandel" bemüht?
Es kommt darauf an, wessen Reaktionen. Das Erleiden der halbbewußten ist ein Thema der Literatur für Halbbewußte. Bernhard kramt nach edlen Zügen, die die Zeitläufte überstehen könnten. Aber nur die Grundtatsachen des Gehirns bleiben übrig in der wundervollen Krise dieser Gegenwart--diese Krise ist eine nie dagewesene Chance, unseren Geistesplunder loszuwerden. Aber Bernhard will einen Anlker, und da bleibt nur das dumpfe Unbehagen als Beharrungsgrund. An Darstellungsformen bleiben nur die vom humanisitschen Ideal freigegebenen. Das trifft sich gerade mit dem Gegenpart, in dem von diesen Seelenheinis so gehaßten Gegenpart der intellektuellen Oberflächlichkeit, wie sie sich zum Beispiel in Amerika gerade in den Richtlinien des "politisch Korrekten" formuliert, also ins Deutsche übertragen, zum Beispiel wenn man, wegen Auschwitz, nicht mehr sagen darf "bis zur Vergasung". Das ist die Spannweite von Disneyland, sind die Pole des ethischen Komitees. Die Kleinheit des menschlichen Charakters, die Folgen daraus für das "Zwischenmenschliche", darüber haben wir eine ungeheure Bibliothek, ich glaube nicht, daß es Sinn hat, der noch etwas hinzuzufügen, nur weil es dafür ein je modernes setting gibt. Interessant und wichtig wären die Reaktionen von Individuen, die sich um ein Verständnis ihres eigenen Funktionierens im Lichte der dem Wandel zugrundeliegenden Ideen bemühen. Da diese Ideen vorwiegend aus den Naturwissenschaften stammen, würde eine derartige Literatur zumindest von den Autoren eine bisher ungewöhnliche Bildungsbreite verlangen. Schreibende Naturwissenschaftler haben bisher jedenfalls diese Breite vermissen lassen...
In welche Richtung würden denn Ihrer Meinung nach solche neuen Selbstverständnisse gehen?
Worte wie Bewußtsein, Ich, freier Wille, überhaupt Freiheit, oder geistigee Inhalt und dergleichen--und das "und dergleichen" umfaßt eine unabsehbare Menge von gestrigen Selbstverständlichkeiten bis hin zu That Old Chestnut Called Love--sind Fachterme einer ein paar hundert Jahre alten Mythologie. Das heißt nicht, daß sie gar nichts bezeichnen. Es sind Terme für Unverstandenes, praktisch im Alltag, notwendig zum Beispiel für die zeitgenössische Rechtsphilosophie, aber sie werden langsam sogar für den alltag unbrauchbar. Ein Tischler arbeitet mit Brettern, weil ihn die Eigenschaften der "Materie" so gut wie nie vor Überraschungen stellen. Aber im Denken geschehen ständig unerwartete Dinge, weil die herköllichen Ideen darüber eben Bretterideen sind. die von einer Feinstruktur des Geschehens nichts wissen. Ein neues Selbstverständnis wird auf tieferen Einsichten in die komplexe Mechanik dieser Vorgänge beruhen.
Sie versuchen diese Feinstruktur anhand der mathematischen Automatentheorie zu erklären und beschreiben Dinge wie das "Bewußtsein" als Maschinen. Während Sie sich als Schriftsteller über diese alte Mythologie lustig machen, arbeiten Sie als Wissenschaftler an einer neuen.
Ja, aber an einer, die genauer erklärt. Der an solchen Einsichten interessierte Teil "meines Körpers" widmet sich eben diesbezüglichen Untersuchungen, soweit er Mittel dazu hat. Der Schriftsteller Wiener indes interessiert sich für die Schwierigkeiten, die erstens daraus entstehen, daß diese Einsichten auf die alte Sprache projiziert werden müssen, und zweitens daraus, daß die alte "Bewußtseins"-Welt noch Jahrhunderte daneben herrollen wird und den familiären Alltag bestimmt, der sich immer weiter vom Alltag der Macht entfernt.
Vom "heroischen" Staat, von dem Präkogler schreibt? In dem "die Evolution die Institution der Absicht überholt hat"?
Ja, das ist das Faszinierende in dem Teil der Welt, in dem ich seit einigen Jahren lebe. Das Land ist eine einzige riesige Wildnis, in welcher alles bis ins letzte geregelt ist--auch die "Natur", soweit das die zeitgenössischen Mittel zulassen, aber sie wachsen von Monat zu Monat. Man kann nur mehr tun, was als menschlich staatlicherseits anerkannt, das heißt prämeditiert und gejätet ist--geistige Wohlfahrt. Damit meine ich nicht nur, daß man vor einem engmaschigen System von Verhaltensregeln steht, ich meine, daß Gedanken, die über den akzeptierten Interpretationsrahmen hinausweisen, wirkungslos bleiben. Ich habe das übrigens schon in der verbesserung anzudeuten versucht: "unser" Staat unterscheidet sich von den totalitären dadurch, daß er viel bessere Mittel zur Entwicklung der geistigen Umwelt hat. Man muß die Leute nicht mehr unter- oder umbringen, man kann sie denken und weiteres auch publizieren lassen--die öffentliche Meinung selbst verdaut sie. Natürlich kann nicht alles bedacht werden, was einem Menschen einfallen könnte, abgesehen auch davon, daß sich der Staat Druchsetzungsmöglichkeiten andichtet, die er einfach noch nicht hat. Aber--wie Präkogler eben meint--das Netz der Verwaltung beginnt, der individuellen Intelligenz überlegen zu werden. Zum Beispiel interessante Gedanken können--angesichts des aufgehäften Wissens--nur mehr im Teamwork verfolgt werden, aber die Verwaltung bestimmt, welche Teams möglich sind. Ich halte die Irrtümer und Fehlläufe dieser Vorgänge fest.
Wieso gerade mathematische Probleme?
Problemlösungen im Alltag bewegen zu viele Komponenten und sind viel unübersichtlicher. Zwar bin ich davon überzeugt, daß da im Prinzip die selben Vorgänge stattfinden, aber es ist schweirig, gleichbleibende Bedingungen herzustellen. Mathematische Aufgaben sind einfacher und besser strukturiert, und auch die Struktur einer Lösung ist sehr viel deutlicher als im Alltag. Bei einem alltäglichen Problem kann die Schar der Lösungen sehr groß sein: alles, was einem momentan aus der Sackgasse hilft, ist eine Lösung, ein Schwertstreich à la Alexander zum Beispiel.
Warum interessiert Sie das Thema "Selbstbeobachtung" denn?
Die Frage ist doch viel eher, warum es sonst kaum jemand interessiert! Man muß schon den vorhin angedeuteten akademischen Knformismus beachten, um überhaupt zu verstehen, wie man sich dazu bringen konnte, auf dieses unglaublich reichhaltige Beobachtungsfeld zu verzichten. Die Psychologie dieses Jahrhunderts hat sich auf die Peripherie geworfen und ihr humanistischer Widerpart, die Psychoanalyse auf "latente" und "manifeste Inhalte", auf Spekulationen also, die sich ihrerseits wieder nur auf Äßerlichkeiten stützten" Verbalisierungen, Traumerzählungen, nicht Gedanken oder Träume. Gegen die Übertreibungen einiger Pioniere hat man eine Menge irrelevanter Argumente vorgebracht, ohne sich noch die Müe objektiver Prüfungen zu machen. Man hat das Kind mit dem bad ausgegegossen: an den Beobachtungen und Versuchen von Ach, Watt, Messer, Bühler--um nur einige zu nennen--war viel Wertvolles, das nur deshalb unterging, weil der Theorierahmen, die kantsche oder angelsächsiche Vorstellungs- und Empfindungsphilosophie, nicht ausgreicht hat. Wenn man diese Versuche fortsetzen will, muß man sich darüber klar sein, daß auch Selbstbeobachtung nur ein kleiner Teil des psychischen Geschehens erfassen kann. Sie liefert einen beschränkten, aber anders nicht zu habenden Vorrat von Tatsachen, die jede Theorie der Intelligenz zu erklären haben wird.
Sie versuchen nun, die Automatentheorie als einen geeigneteren Erklärungsrahmen heranzuziehen. Wie kommt man auf diesen Gedanken?
Wenn man Introspektion in größerem Maßstab betreibt, werden Regelmäßigkeiten des psychischen Geschehens sichtbar, formale Ähnlichkeiten im Herangehen an Aufgaben zum Beispiel, aber auch ständig sich wiederholende allgemeine Züge der Lösungsvorgänge. Was der Introspektion klar zugänglich ist, ist ein serieller Umgang und ein Experimentieren mit Zeichen--den "inneren Bildern". Aber eine Regelmäßigkeit oder eine Ähnlichkeit ist ein Automat. Zweitens ist evident, daß unsere fertigen Theorien, ob nun physikalische Theorien oder Hypothesen über das Verhalten des Nachbars Beschreibungen von Automaten sind. Es liegt also geradezu auf der Hand, die menschliche Psyche als eine gesetzmäßg verschachtelte, langsam wachsende Landschaft aus Automaten zu untersuchen. Wichtige Fragen, die sich dabei stellen, sind etwa: wie muß ein System aus Automaten beschaffen sein, daß es einerseits Automaten konstruieren kann, die bestimmten Bedingungen genügen--jene Automaten, die bisher unter dem Namen "Vorstellung" oder "Idee" gelaufen sind? Welche Funktionen haben dabei jene Vorgänge, die in der Selbstbeobchtung deutlich werden? Wie ist das in der Introspektion so häufige Gefühl, einen Denkgegenstand sin seiner Gesamtheit präsent zu haben, wie sind Emotionen und Gefühle als Eigenschaften von Automaten darstellbar? Welchen Anteil haben parallele und analoge Vorgänge an diesen Abläufen, die in eine beobachtbare Spitze von seriellen Zeichenmanipulationen auslaufen? Dabei erweist sich nun drittens als überaus nützlich, daß die Automatentheorie bereits einige einschlägige Ergebnisse zur Verfügung stellen kann.
Die Seele als Automatensystem?
Der Köper, ja. Starr ineinander gebundene, in der Evolution entstandene Automaten, Motorik und Sinnesorgane, einigermaßen aber schwer veränderbare Automaten wie jene Module, die gewisse "niedere" Erkenntnisfunktionen vorweg erledigen, bis hin zu einer relativ leicht veränderbaren Spitze, "Wachstumsspitze", wie schon gesagt, an der Automaten einer bestimmten Art fast beliebig ineinander verschachtelt werden können, um--fertig gebastelt--im unbewußten Pool zu erstarren.
Können Sie illustrieren?
Sie können die Produkte all dieser Vorgänge ständig an sich selbst beobachten. Wenn zum Beispiel Ihr Auge zwei formal irgendwie ähnliche Linien entdeckt, versucht diese Maschinerie, sie "tiefer" miteinander in Beziehung zu bringen, auch wenn andere Automaten schon entschieden haben, daß sie zwei verschiedenen "Gestalten" angehören--eine Ähnlichkeit und "Gestalt" sind Automaten in ihrem Kopf. Unlängst sitze ich in einem großen, leeren, reingefegten Raum, und ein Fetzchen grünes Papier liegt am Boden. Das Auge wandert und entdeckt ein paar Meter weiter ein rötliches Stückchen--eine Art Glücksgefühl stöß mir auf: "Zusammenhang!", auch wenn ich den Zusammenhang noch längst nicht begreife und nie fassen werde, weil sich dieser Apparat des detaillierten Konstruierens und Verankerns nicht zum Einklinken bringt. Offenbar arbeitet das Nervensystem ohne Unterlaß wie eine wildgewordene Sinnfabrik. Eine der Funktionen des "Bewußtseins" ist es wohl, "Sinn" auszuwählen aus dem laufenden Angebot und einige der aktivierten Automaten nach Maßgabe anderer zu koordinieren: eine andere, aber dazu gehörige, sperrige Sinnstücke zu einem neuen selbständigen Automaten einzurenken.
lch vermute, Sie haben in der Mathematik beobachtet, daß sich subjektiv hochkomplexe Probleme oft auf wenige einfache Funktionen zurückführen lassen. Nun arbeiten Sie daran, hochkomplexe Probleme wie die menschliche Reaktion auf die alltägliche Wirklichkeit ebenfalls auf im Prinzip ganz einfache Maschinen zurückzuführen.
Die ganze Breite der menschlichen Reaktionen auf das angedeutete "einfache" Modell zurückzuführen erfordert die Anstrengung Vieler, und von einer befriedigenden Darstellung ist man wohl noch hundert Jahre entfernt. Ich habe das Problemlösen zum Gegenstand meiner beharrlichen Mühe gemacht, aber in weniger systematischer Weise beschäftige ich mich natürlich auch mit den alltäglichen Wahrnehmungen. Von daher ist mir mehr als klar, daß man sich vor simplistischen Verallgemeinerungen sehr in Acht nehmen muß. Es hat zum Beispiel keinen Sinn, nach "der" Funktion von Vorstellungsbildern zu fragen--ganz offensichtlich sind Vorstellungsbilder beim Lösen gewisser Arten von Problemen unverzichtbar, während ihre Funktion etwa im normalen Gespräch, dieses Aublitzen von vagen Szenen und so weiter, eine völlig andere ist. Wenn man nun einen einigermaßen lockeren, die Unklarheit unseres gegenwärtigen Wissens entsprechenden Denkstils verfolgt, wird einem allmählich die Erklärungskraftz dieses Ansatzes deutlich. Zum Beispiel meine ich, daß von ihm aus ganz neue Einsichten über die Natur des Träumens möglich werden.
Manchen Menschen werden solche Ideen nach Wahn schmecken.
Diese Ideen beinhalten doch, daß individueller Wahn und kollektiv akzeptierter Wahn, Mythologie, alles ist, worauf wir hoffen können. Die Frage ist, wo und wie ein bestimmter Wahn auf die Dinge trifft, die wir nicht oder kaum verändern können, auf die von Sinnesorganen gelieferten Zeichenarrangements. Ob dieser Wahn mehr in direkter Weise, oder ob er nur in weitesten, in klaren bögen auf die Dinge einwirken kann, die nicht an unser Nervensystem angeschlossen sind--ob er zum Beispiel eine funktionierende neuartige Maschine herstellen kann. Der klinische Wahn zeigt sich darin, daß er sich je gegen gewisse Arten von Input sperrt, aber natürlich gibt es alle Abstufungen dabei. Nehmen Sie einen kranken Denker wie Wittgenstein. Obwohl sich aus seinen Erwägungen nicht die geringste praktische Konsequenz ableiten läßt, obowhl er keine einzige seiner Grundideen klarmacht, obwohl er pausenlos Dinge als fundamental hinstellt, die der Erfahrung und der Beobachtung glatt widersprechen, hat er die Philosophie des ganzen Jahrhunderts zutiefst beeinflußt und an den wichtigsten Stellen geradezu zum Stillstand gebracht. Als ich mich Anfang der siebziger Jahre daran machen wollte, ihn als poetisch zu verstehen...nun "es weht einen schizophren an", wie das schöne Wort geht. Erst Smythies hatte vor kurzem den Mut, diesen Eindruck öffentlich zu machen! Aber ihn als Dichter zu lesen, wird immer Spaß machen.
Ich muß zugeben, das geht mir mit Ihren wissenschaftlichen Schriften manchmal genauso.
Man muß mit dem Wort "Wissenschaft" vorsichtig umgehen: ich bin kein Wissenschaftler, weil es mir an den materiellen und charakterlichen Möglichkeiten fehlt, religiös zu der wissenschaftlichen Methode zu stehen. Indes, wenn meine "theoretischen" Schriften diesen Eindruck machen, so können Sie dabei an sich selbst beobachten, daß die Ästhtik ein kognitives Phänomen ist, die allgemeine Form der Erkenntnis. Ein ästhetisches Gefühl zeigt das Vorhandensein einer Einsicht an, der Automat hat einen Zusammenhang hergestellt--bleibt die Frage, ob diese Regelmäßigkeit deutlich zu machen sein wird, und ob sie sinnvoll in den Hintergrund eingebaut werden kann, ob man das überhaupt unternehmen will, aber das ändert nichts am Genuß.
Die Frage danach, wie Wirklichkeit und Bewußtsein funktionieren haben Sie schon in der verbesserung gestellt. Sind Sie jetzt von der polemischen zur wissenschaftlichen Suche nach der Antwort gekommen?
Die verbesserung war ein Lanze für das Bewußtsein im alten Verständnis--brav gefuchtelt, wie ich hoffe, aber hoffnungslos, wie sie es ja gegen Ende selber schon weiß. Die Einsicht, daß ich eine Maschine bin, konnte nicht ohne Folgen bleiben. Ich werde eine bessere Lyrik schreiben, wenn ich genau weiß, wie ich ticke.