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Manuel Bonikgedanken--maschinen
deutschlandradio, 3. November 1994;
schrift 3 (1995): 619-624. |
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"wahrnehmung" "empfindung" "erlebnis" "absicht" |
"interesse" "ich" "vorstellung" "verstehen" |
"intention" "lernen" "handeln" "bewußsein" |
vielen unklaren begriffen, mit denen in alltag und wissenschaft jongliert wird, könnte man vielleicht dadurch einen konkreteren sinn verleihen, daß man sie in hard- und software eines computers implementiert. aus diesem und anderen gründen hat sich der vergleich des menschlichen geistes mit den funktionsweisen eines computers auf vielen gebieten-- etwa in der kognitiven psychologie--als eine art leitbild herausgebildet.
bislang diskutieren vor allem amerikanische wissenschaftler für und wider der künstlichen intelligenz. am bekanntestenl wurde bei uns der kognitionswissenschaftler douglas r. hofstadter und sein buch gödel, escher, bach; auch autoren wie marvin minsky, john searle, hubert dreyfus und roger penrose sind bei uns keine unbekannten mehr. dennoch bleibt merkwürdig, daß das thema künstliche intelligenz in deutschland kaum beachtet wird. wenn hiesige intellektuelle und geisteswisenschaftler es aufgreifen, tun sie das zumeist--und in typisch deutscher tradition--nur unter moralischen aspekten. sie gehen damit völlig an der Sache vorbei. natürlich sind die technischen, psychologischen, philosophischen und nicht zuletzt mathematischen implikationen der künstlichen intelligenz nicht sonderlich talkshow-geeignet. aber ein bißchen drängt sich auch der verdacht auf, daß sich der deutsche geist für zu erhaben hält, um sich mit einer maschine vergleichen zu lassen.
einer der wenigen deutschsprachigen denker, die bislang eine nennenswerte position zum thema künstliche intelligenz gefunden haben, ist der öterreicher oswald wiener. bekannt wurde der wiener wiener als skandalumwitterter verfasser des pamphletischen buchs die verbesserung von mitteleuropa, roman, das 1969 erschien und einen oder den intellektuellen höhepunkt der deutschen nachkriegsliteratur darstellt. wiener wendete hier quasi wittgensteins sprachphilosophie ins negative und polemisierte gegen die für ihn allgegenwärtige macht der sprache. sprache zementierte in wieners damaliger auffassung eine bestimmte, staatliche version von wirklichkeit, der wiener in der verbesserung von mitteleuropa die erlebniswelt seines bewußstseins entgegenstellte.
was aber ist bewußtsein? was heißt erlebnis?--antworten auf solche fragen suchte oswald wiener unter anderem in der psychoanalyse von sigmund freud--leider, wie wiener heute weiß, vergeblich:
"was heute für mich von Freud übrigbleibt, ist die lehre vom unbewußtem als einem überaus wichtigen, fundamentalem mechanismus des menschlichen denkens. aber die einzelheiten, glaube ich, sind nicht mehr wertvoll. man sieht ja doch bei einigem nachdenken sogleich, daß diese schlüsselworte von Freud wie "verdrängung", "verdichtung", "verschiebung" die probleme erst bezeichnen und nicht lösen. man möchte ja natürlich wissen, was das ist, was wie verdichtet wird und was wie verschoben wird. ich war immer ein sehr konkreter denker und wollte mechanismen anschaulich vorgestellt haben, an denen ich beobachten könnte, wie so eine verdichtrung oder verschiebung vor sich geht. in dieser hinsicht ist freud ja seinem ersten programm untreu geworden: er hatte ursprünglich auf physiologie abgezielt, auf tatsächlich angehbare körperliche mechanismen, die als träger solcher psychischen prozesse in frage kämen. das hat ja weder er noch die psychoanalyse auch nur im entferntesten geleistet. und das ist natürlich auch heute eine total offene frage."
waren und sind solche probleme vielleicht probleme der sprachregelung? oder muß man nur--wie das heute noch viele philosophen meinen--die rolle von sprache richtig verstehen, um dem menschlichen geist auf die spur zu kommen? solcher ansicht schien der österreichische sprachphilosoph ludwig wittgenstein zu sein, dem auch heute noch in der debatte um künstliche intelligenz eine prominente-rolle zukommt--unter anderem wohl deswegen, weil mancher k.i.-forscher meint, beim denken käme es nur auf die richtige programmiersprache an. oswald wiener war einer der ersten rezipienten wittgensteins im deutschen sprachraum, nur um festzustellen, daß wittgenstein seinen zentralen gegenstand, eben sprache, völlig in der schwebe läßt:
"und auch hier war das genauso wie bei freud, daß ich mich dann notgedrungen irgendwann einmal fragen mußte, wenn ich das ernst nehmen wollte: was meint denn der eigentlich überhaupt mit sprache? ist die sprache das objekt der linguistik, im sinne dessen, was man studiert, wenn man eine grammatik einer lebendigen oder toten sprache schreibt? oder ist sprache hier die chiffre für alles, was noch dahintersteht, für das ganze geistige leben, das durch sprachausdrücke angstoßen und gesteuert werden kann? oder ist eventuell sogar die ganze welt--ist sprache eine chiffre für die ganze welt, die sich halt dann im gesprochenen eine oberfläche gibt, die man betrachten kann? -- also das sind alles dinge, naive gedanken, die sich einem sofort aufdrängen, wenn man wittgenstein liest. man kommt eben auch hier nicht weiter mit dem nachdenken über das, was er sagt, weil er die versprochenen aufkläirungen, oder eben die durch seine diktion versprochenen, die aufklärungen, die er erwarten läßt, ohne sie nun verbatim anzukündigen, die bleiben eben aus. und nun sieht man sich ja dann, besonders als dichter mit dem problem konfrontiert, daß es sowas ja gibt: was verrtehen heißt in der umgangssprache. weil man kann ja sagen: der hat das nicht verstanden und der hat das verstanden - das macht also sehr guten sinn, dieses wort in der umgangssprache. und zugleich ist ja doch das verstehen offenbar etwas, was profunderweise mit sprache verbunden werden muß damit sprechen überhaupt einen zweck und einen sinn erhält. und dann kommt man eben darauf, daß kein schwein weiß, was verstehen ist überhaupt, und was bedeutung ist. und dann entstehen eben diese zeichentheorien, von denen es heute wahrscheinlich hunderte oder tausende gibt, je nachdem wo man herkommt: entweder von der logik, oder von der tiefenpsychologie oder von der deutschen philosophie oder von hier oder von dort. dann hat man dann eben seine eigene zeichentheorie. aber wie man sich bei freud fragt: was ist es denn eigentlich, das da verdichtet wird? -- und zur antwort erhält: naja, vorstellungen, oder gedanken. und man diese antvort natürlich als total unbefriedigend empfindet, weil man nicht weiß, was eine vorstellung ist, und weil man nicht weiß, was ein gedanke ist, genauso ist es hier sehr unbefriedigend, wenn man hier hört--das ist jetzt nicht wittgenstein, sondern ich erfinde irgendeinen fiktiven philosophen--gesagt worden ist es sicherlich schon millionen mal: daß also eine vorstellung die bedeutung eines worts sei, oder eben, daß man ein wort versteht oder einen satz versteht, wenn man die geeignete vorstellung aufrufen könne oder wenn die vorstellung aufgerufen wird durch den satz. das ist natürlich alles gut und schön und richtig, das ist ganz klar. aber das hilft überhaupt nicht weiter, weil man eben nicht weiß, was eine vorstellung ist."
immer wieder traf oswald wiener auf dasselbe dilemma. es ist das dilemma der sogenannten "volkspsychologie": offensichtlich bedienen sich menschen ständig einer unzahl von wörtern und anderen sprachlichen ausdrücken, die zwar im alltag bestens ihre funktion erfüllen, deren bedeutung aber bei genauerem hinsehen unklar bleibt; auch das wort "bedeutung" gehört übrigens zu dieser kategorie. oftmals, gerade auch in der künstlichen-intelligenz-forschung wird das volkspsychologische dilemma dadurch umgangen, daß man es einfach ignoriert. es wird dann--übertrieben gesagt--so getan, als wäre ein wort wie "vorstellung" schon die vorstellung selbst und bedürfe keiner weiteren klärung. aber auch dort, wo versucht wird, diese unklaren wörter genauer zu definieren, etwa in der traditionellen philosophie, stellt man fest, daß man es nur tun kann, indem man diese definitionen auf ihrerseits ungeklärte wörter abstellt. offensichtlich gelangt sprache als ein mittel zur erklärung des menschlichen denkens an ihre grenzen.
man muß also tiefer greifen. man muß fragen, welche geistigen mechanismen gemeint sind, wenn wir etwa ein wort wie das wort "vorstellung" benutzen. kann man diese geistigen mechanismen bei der arbeit beobachten? und wie kann man diese arbeit genauer beschreiben?--schon ab ende der 50er jahre hatte oswald wiener mit computern gearbeitet. das war ein ungewöhnlicher schritt für einen dichter, denn üblicherweise halten sich dichter ja viel zugute auf ihre technikfeindlichkeit und ihre distanz zu allem, das eine mechanische erklärung ihres geistes nahelegen könnte. für oswald wiener aber war der computer anstoß, den augdruck "geistige mechanismen" ganz wörtlich zu nehmen und zu ihrer erklärung die mathematische automatentheorie heranzuziehen:
"nun kommt man zur automatentheorie einfach dadurch, daß man versucht, auf dem elementarsten gebiet da ein bißchen 'nen fortschritt zu machen, nämlich was zeichen selbst angeht und bevor sie etwas bedeuten und was, wie zeichen funktionieren in einem zusammenhang, in dem zunächst einmal von denken noch gar keine rede sein kann. weil man vermutet, daß wenn man das eimnal verstanden haben wird, daß man dann vielleicht durch einige zwar beträchtliche modificationen dann vielleicht in bereiche wird vorstoßen können, wo dann vielleicht schon von verstehensähnlichen vorgängen gesprochen werden kann. naja, und so gibt man dann mal den großen bogen der sprachphilosophie dann total auf und fragt sich einfach: was ist das verhältnis einer maschine zu einer zeichenkette? und was geht da eigentlich vor, wenn so eine maschine mit einer zeichenkette interagiert? wenn signale auftreffen in irgendeinem naturgeschehen? ab wann darf man ein naturgeschehen den austausch von signalen nennen?--das ist ja auch eine frage, die sehr berechtigt ist, die aber keine präzise antwort hat außerhalb der automatentheorie. naja, und du weißt ja eh, innerhalb der automatentheorie fallen solche antworten bisweilen auch sehr schnöde aus. aber das ist es, wie man von einer sprachwolke in die doch wenigstens in die form von kästchen und umrissen gehebene automatentheorie hinüberkommt."
die automatentheorie nahm ihren ausgang in den ersten jahrzehnten unseres jahrhunderts. bestimmte probleme in der mathematik hatten unter anderen die frage aufgeworfen, wie sich die tätigkeit eines mathematikers mechanisieren läßt. dadurch sollte sichergestellt werden, daß mathematischen beweisführungen keine unausgesprochenen annahmen zugrunde liegen, die gewissermaßen nur im kopf des mathematikers existieren und möglicherweise irrig sind. zum prominentesten modell zur mechanisierung von algorithmen, also von mathematischen lösungsverfahren, avancierte dabei ein konstrukt des englischen mathematikers alan turing, das seither als turingmaschine bekannt ist. turing gilt übrigens als einer der erfinder des computers und nicht zuletzt als vater der künstlichen intelligenz; wir werden auf seine diesbezüglichen ideen später noch etwas genauer eingehen. aber zunächst zur turingmaschine. sie ist gewissermaßen das minimal-modell von maschinen überhaunt. eine truningmaschine erhält, zum beispiel über ein papierband, einen input von zeichen, zum beispiel von ziffern, und liefert dann auf vollständig determinierte weise einen output von zeichen, zum beispiel von anderen ziffern. so läßt sich etwa eine mathematische function f dadurch definieren, daß man eine bestimmte turingmaschine angibt--die zu jedem inputwert x einen outputwert f von x liefert. aber auch naturgesetze lassen sich auf diese weise formalisieren. wir können den begriff der turingmaschine im rahmen dieses beitrags nicht genauer erläutern. gesagt sei nur, daß eine bestimmte turingmaschine eben auf einen bestimmten input von zeichen in endlich vielen und genau festgelegten schritten einen bestimmten output von zeichen liefert. in diesem sinne läßt sich zum beispiel jede art von digitalcomputer als turingmaschine oder als eine potentiell unendlich große schar von turing-maschinen begreifen, wobei umgekehrt nicht jede turing-maschine notwendigerweise ein cormputer ist. oswald wiener also benutzt sie und andere modelle der automatheorie, um die mechanismen des menschlichen denkens zu beschreiben.
"man muß sich also dann die frage vorlegen: was geht denn da überhaupt vor? und: was ist ein zeichen? was ist eine maschine? genauso, wie man sich vorher gefragt hat: was ist eine vorstellung? was ist eine wahrnehmung und so weiter? und keine antwort darauf bekommt, so ist es aber doch so, daß man wenigstens über die maschine, auf die frage nach der maschine doch eine antwort bekommt haute, und zwar ziemlich präzise. und man würde also sinnvollerweise versuchen, maschinen über uringmaschinen zu definieren. das ist natürlich auch eine zirkuläre definition selbstverständlich, aber eine eben, die den vorteil hat, präzise einzelheiten zu konstatieren. irgendwo hört alles fragen auf, das ist eine uralte weisheit, und alle definitionen sind in irgendeiner weise zirkulär und es fragt sich nur, wieviel innere struktur solch ein erklärungszirkel hat, und der, der mehr struktur hat, der wird also einem anderen vorzuziehen sein."wenn man mal sowohl ein formales wie auch ein intuitives modell für das hat, was eine maschine ist, dann kann man also weitergehen und fragen: ja, was ist denn ein zeichen? und dann wird man also auch präzisere antworten finden als das bisher möglich war, wenn man diese zeichen nur unter dem aspekt der interaktion irgendeines zeichens oder einer zeichenkette mit irgendeiner gegebenen maschine betrachtet.
soviel steht fest: das, was in der philosophie form oder struktur geheißen hat, ohne daß je einer sagen konnte, was das ist eigentlich eine form, obwohl wir intuitiv sehr gut mit dem wort umgehen können--solche worte lassen sich dann eben präzisieren mit hilfe der automatentheorie. denn es macht einen unmittelbar einsehbaren tiefen sinn, zu sagen, daß eine form oder eine struktur--diese beiden worten bedeuten, glaube ich, mehr oder weniger dasselbe--einer zeichenkette eben eine maschine ist, die mit dieser zeichenkette etwas anfangen kann. und so tastet man sich eben schritt für schritt voran und findet einige elementare, das heißt immer wieder vorommende, und fundamentale begriffe erläutert in einer erfreulich präzisen art, wobei man dann natürlich sehr viele andere begriffe dann immer noch vor sich herschiebt, die eine solche präzisierung nicht in gleich einleuchtender weise erfahren, z.b. das wort--die deutsche sprache ist gewohnt, nicht nur die deutsche--dem wort form das wort inhalt entgegenzusetzen. und während es nun heute leicht ist, das wort form in einer präzisen weise in den griff zu kriegen bzw. das, wofür das wort form steht, so ist das bei dem wort inhalt durchaus nicht der fall.
oswald wiener ist nicht der einzige, der das modell der turing-maschine zur erklärung des menschlichen geistes heranzieht. erwähnt sei hier etwa der bekannte amerikanische philosoph hilary putnam, der ähnliche ideen in den 60er jahren vertrat, wenn auch--aus wieners sicht--auf unzulänglicher basis. an dieser stelle sei auf den reclam-band künstliche intelligenz--philosophische probleme hingewiesen, der aufsätze von putnam, alan turing und anderen k.i.-denkern versammelt und dem interessierten hörer eine einführung in die hier angesprochene problematik geben kann. deutlich wird dabei auch, was den ansatz von oswald wiener von anderen unterscheidet, nämlich seine intensive beschäftigung mit selbstbeobachtung:
wir hatten vorhin die Frage gestellt, ob sich geistige mechanismen bei der arbeit beobachten lassen können. wieners antwort ist: man kann. in den letzten jahrzehnten hat er sich immer wieder praktisch und theoretisch mit selbstbeobachtung auseinandergesetzt, und er dürfte hier über einen weltweit wohl einzigartigen erfahrungsschatz verfügen. erwähnt sei seine broschüre probleme der künstlichen intelligenz, die 1990 beim berliner merve-verlag erschienen ist. sie vermittelt einen ersten eindruck von wieners empirischen befunden und den anforderungen, die er an die innenwelt eines intelligenten lebewesens stellt. es ist klar, daß es dabei nicht nur um probleme der künstlichen, sondern eben auch um solche der natürlichen intelligenz geht. ein befund des buchs ist, daß die euphoriker künstlicher intelligenz die komplexität des bewußtseins unterschätzen, während ihre kritiker sie überschätzen.
mit seiner selbstbeobachtung knüpft wiener an die experimentelle psychologie des, 19. jahrhunderts an, die unter anderen mit den namen von wilhelm und ernst weber, theodor fechner, wilhelm wundt, august messer, franz brentano und narziß ach verbunden ist und deren tradition aus gründen, die wir gleich darstellen werden, verschunden war. selbstbeobachtung galt, seit es psychologie als wissenschaft gab als ihre zentrale methode. august messer nannte sie noch 1920 die
"schlechthin unentbehrliche und die wichtigste Quelle psychologischer Erkenntnis. Nur durch sie können wir die aus der Umgangssprache und aus der wissenschaftlichen Terminologie entnommene psycholopischen Ausdrücke in ihrem vollen Sinn und in ihren Bedeutungsnuancen verstehen. Ohne sie vermöchten wir nicht mit Hilfe dieser psychologischen Begriffe unsere eigenen Erlebnisse zu analysieren und zu beschreiben."
solche auffassung psychologischer methodik fand ihren wohl letzten prominenten vertreter in karl bühler, um dann ab den 10er jahren zunehmend durch das programm des amerikanischen behaviorismus von john watson abgelöst zu werden. insofern man selbstbeobachtung nicht nur selbst, sondern auch mit versuchspersonen durchführte, mußten diese speziell geschult sein, wenn man andere als triviale ergebnisse erhalten wollte. watson kritisierte zurecht, daß die versuchspersonen leicht mit theoretischen annahmen vorbelastet waren, welche durch die selbstbeobachtungsexperimente eigentlich erst gebildet und bewiesen werden sollten. auch hatte mancher wissenschaftler--wie mancher dichter--seine befunde überbewertet und sich auf spekulative höenfüge begeben, die zweifel an ihrem start von empirischem boden aufkommen ließen.
aber jede erfahrungswissenschaft kämpft mit ähnlichen problemen und muß sich ähnliche einwände gefallen lassen, nicht zuletzt der behaviorismus selbst. selbstbeobachtung allerdings galt in der psychologie seit watson geradezu als verpönt. es war psychologen fürderhin quasi verboten, sich offiziell auf selbstbeobachtung zu stützen. begriffe wie bewußtsein, seelischer zustand, geist, wille, phantasie und dergleichen galten nunmehr als tabu. man konzentrierte sich jetzt ausschließlich auf das verhalten, the behaviour. arbeitsgrundlagen der psychologie stellten nur noch daten, die man in reiz-reaktions-versuchen von außen messen konnte. prominenteste testpersonen des behaviorismus wurden denn zunächst auch ratten, die man durch laborinthe schickte und deren verhalten man statistisch auswertete, während man nach einer innen-ansicht der ratten-psyche nicht fragen mußte und praktischerweise auch gar nicht fragen konnte.
der behaviorismus hatte als methodische hygienemaßnahme seine historische berechtigung, dennoch bleibt erstaunlich, welche macht er entfaltete. noch heute wird die psychologische literatur weitgehend von behavioristischen ansätzen beherrscht, auch wenn sie sich heute nicht mehr so nennen und obwohl schlagwörter wie das von der "kognitiven wende" das gegenteil suggerieren. es scheint geradezu verboten, nach einer inneren beschaffenheit der psyche zu fragen. soziologisierungen der psychologie, speziell in den 30er und 60er jahren, taten ein übriges, ihr generell zu einem menschenbild zu verhelfen, in dem es so etwas wie "bewußtsein" eigentlich nicht gibt. noch der modernen kognitiven psychologie und der künstlichen intelligenz scheint es egal zu sein, ob ihre versuchspersonen menschen, zombies oder roboter sind.
genau hier liegen laut oswald wiener auch die gründe, warum die künstliche-intelligenz-forschung nach ihren stürmischen anfängen inzwischen in eine sackgasse geraten ist.
"und ich glaube, der hauptgrund ist, daß alle, die sich seit turing mit dieser frage befaßt haben, in die selbe richtung geschaut haben angestrengt wie turing. turing war ein behaviorist, das ist ganz sinnlos, das sich nicht vor augen halten zu wollen. er hat gemeint, daß es nicht auf innere mechanismen des denkens ankomme, sondern--dann plump gesagt, aber, glaube ich, richtig gesagt, nur auf input-output-verhältnisse und daß wie ein bestimmter output erreicht wird nicht so wichtig sei wie die tatsache, daß es der richitige output ist; wobei was hier wichtig ist, von psychologischem fall zu psychologischem fall zu betrachten wäre."
ein typisches beispiel für die behavioristische methodik in der künstlichen intelligenz ist der sogenannte turing-test; alan turing hatte diesen test vorgeschlagen, um die frage, ob maschinen denken können, auf einer sachlichen basis beantworten zu können. die hauptidee des turingtests ist folgende: ein menschlicher tester wird räumlich getrennt von einem wesen plaziert, von dem er nicht weiß, ob es sich um einen menschen oder um einen computer handelt. der tester soll das herausfinden, indem er diesem wesen, zum beispiel über einen fernschreiber, fragen stellt, die jene--ebenfalls über fernschreiber beantworten muß. kann der tester innerhalb einer sinnvollen zeitspanne, keine klarheit darüber gewinnen, ob es sich bei seinem probanden um einen menschen oder um einen computer handelt, und handelt es eben um einen computer, so wird man zugeben müssen, daß maschinen denken können.
so plausibel der turing-test als intelligenzkriterium erscheinen mag, kann man doch nicht völlig ausschließen, daß ein computer, der ihn erfolgreich durchläuft, schon bei nächster gelegenheit, bei einem weiteren turing-test zum beispiel, völlig versagt. aus diesem und anderen gründen wird sich die künstliche-intelligenz-forschung nicht darum drücken können, auch andere behavioristische methoden anzuwenden. und eine solche methode sieht oswald wiener eben in der selbstbeobachtung. viele ihrer früheren vagheiten könnten heute durch die verbindung mit der automatentheorie bereinigt werden, so daß sie modernem naturwissenschaftlichen kriterien standhält. nicht zuletzt, meint oswald wiener, müsse eine eventuelle zukünftige theorie der intelligenz phänomene beschreiben können, wie sie bei offensichtlich intelligenten wesen, nämlich bei menschen, auftreten. und umgekehrt hofft er, durch selbstbeobachtung einige momente zu erkennen, die rückschlüsse auf die architektur des menschlichen geistes erlauben.
"ich meine mit selbstbeobachtung die registration von vorgängen, die die geschichte, die man erlebt, begleiten. die geschichte, die man erlebt, das ist die sache, die man erzählt, wenn man wie in der psychoanalyse einen traum erzählt: dann ging die tür auf und er kam herein. und plötzlich sah ich daß es zwar franz war, aber er hatte das gesicht von maria. und so weiter. und so weiter. das sind--gebrauchen wir mal, ohne uns zu genieren, das wort inhalt. freud nennt's ja auch so: den manifesten trauminhalt. das ist die kinogeschichte, der plot des traums. das interessiert mich nicht. das mag schon auch sehr interessant sein für tiefenpsychologische zwecke, aber das scheint mir nicht das dringliche problem zu sein, da aufschlüsse zu erhalten.was mich interessiert: wie erscheint der franz? sieht man eine tür im traum? was heißt im traum oder in der vorstellung etwas sehen? was sind die optischen momente an diesem vorgang, die mich dazu berechtigen würden, von einem sehen zu sprechen oder von bild in visueller hinsicht? wie verhält sich, wenn es dieses bild nun gibt, vorausgesetzt es gibt das, wie verhalten sich diese bilder, also: sind sie klar? bleiben sie stehen? kann ich sie betrachten, wie ich eine fotografie anschauen kann? kann ich mein "inneres auge" sozusagen darüberwandern lassen? oder ist es nicht möglich? oder ist es teilweise möglich?"
gerade solche inneren bilder oder "mental images" gehören zu den erscheinungen des bewußtseins, die der behaviorismus als objekte wissenschaftlicher beobachtung ausgeschlossen haben wollte. radikale behavioristen--und zu ihnen gehört offensichtlich mancher forscher auf dem feld der künstlichen intelligenz--leugnen sogar, daß es solche inneren bilder überhaupt gibt. dabei kann sich jeder mensch leicht von ihrer existenz überzeugen:
"und es scheint ja auch arten von fragen zu geben, die die meisten menschen völlig ohne überlegung, ganz instinktiv auf quasi-visuelle weise zu lösen versuchen. so eine frage wäre etwa die frage: kann man durch einen würfel eine ebene derart legen, daß der schnitt mit dem würfel ein fünfeck ist? das ist eine sinnvolle frage, die man mit ja oder nein wird beantworten müssen. (...)(und da:) wie macht man denn das? wie geht man denn an die beantwortung so einer frage heran? und da beginnt das, was ich selbstbeobachtung nenne. also dann, bei mir ist das so, daß ich das erlebnis der erscheinung eines würfels habe. frage ist sofort: was ist, nein, nicht was ist--wie erscheint der würfel? in welcher form? ich weiß nach einer kurzen zeit, ich will mir einen würfel vorstellen, nach einer kurzen zeit erscheint in mir ein gefühl "der würfel ist jetzt da", aber wie ist er da? und wie gehe ich weiter vor? was passiert da? wenn ich nun die ebene an den würfel heranbringe und versuche, den würfel irgendwie zu schneiden mit der ebene?--da gibt's natürlich eine ganze fülle möglicher beobachtungen, und die wird man alle äußerst skeptisch aufnehmen, weil das eben ein sehr unsicheres gelände ist, aber man wird sie zunächst einmal--ja den ersten jahren habe ich das ja auch getan--, minuziös aufzuschreiben versuchen. und diese dinge sind ja wiederholbar, nicht?, denn ich kann mir morgen um dieselbe zeit oder irgendwann wieder dieselbe frage vorlegen. angenommen, ich habe sie noch nicht gelöst, werde ich sogar wieder mit denselben elementen beginnen, also wieder ein würfel und wieder eine ebene--also, die dinge sind innerhalb eines gewissen rahmens wiederholbar und entsprechen damit schon mal einer forderung der wissenschaftlichen methode.
"selbstbeobachtung"--das klingt im ersten moment ein wenig wie "liebe machen" oder hat vielleicht auch den ruch esoterischer "selbsterfahrung". beginnt man, sich mit selbstbeobachtung zu beschäftigen, ist man tatsächlich erstaunt, wie sehr man doch meistens mit der sogenannten außenwelt beschäftigt ist und wie wenig mit dem eigenen erleben dieser außenwelt. da trägt man eine erkenntnisquelle ersten ranges in sich und beachtet sie in der regel nicht. aber man mißversteht oswald wiener sicherlich, wenn man glaubt, er plädiere gegen die allgemeine oberflächlichkeit der menschen und er fordere zum wiederentdecken irgendwelcher kuscheligen seelengründe auf. ganz im gegenteil stellt selbstbeobachtung eine der ätesten heuristiken dar, die es geben kann, lenkt sie den blick doch auf das maschinenhafte des eigenen bewußtseins.
"man kommt dann zum beispiel darauf, daß wenn man so ein glas in der hand hält mit wein, daß irgendetwas versucht, noch irgendetwas anderes rundes in der gegend zu finden; daß man das irgendwie daneben halten kann und das mag dann irgendein strich an der decke sein. das fällt einem nicht auf, das ist auch eine wertlose ähnlichkeit, natürlich. aber offenbar, und das drängt sich einem, der darauf achtet, von alleine auf, offenbar ist da eine riesige maschinerie ständig im gange, ähnlichkeiten zu finden. und ist nun eine ähnlichkeit signifikant, das heißt: paßt sie irgendwie in den hauptstrang des aktuellen gedankens, na dann wird man sich dieser ähnlichkeit auch bewußt. und es kommt dann richtig ein signal: etwas gefunden! und dann wendet man seine aufmerksamkeit eben dorthin, und dann kommt womäglich noch bewußtes urteilen dazu--was immer das jetzt wieder sei, darüber kann man natürlich schon sehr viel präziser reden, als ich es hier tue--und dann fragt man sich: aha, ist das das nun wirklich was da das unbewußte gemeldet hat. will ich das wirklich brauchen, will ich das zum einbauen in meine gedanken oder will ich das als absprungbasis für eine verzweigung meines gedankens, und so weiter, und so weiter. also, das nenne ich auch noch selbstbeobachtung, aber im engsten sinne meine ich das beobachten von wiederholbaren, wenigstens in etwa wiederholbaren vorgängen, die zwischen dem sinneseindruck und der reaktion darauf liegen."
an einer stelle seines berühmten aufsatzes "can a machine think", der sich übrigens auch in dem erwähnten reclam-band über künstliche intelligenz findet, vergleicht alan turing den menschlichen verstand mit einer zwiebel:
Wenn wir die die Funktionen des Verstandes oder Gehirns betrachten, stoßen wir auf bestimmte Vorgänge, die wir rein mechanisch betrachten können. Dies entspricht unseres Erachtens nicht dem wirklichen Denken: sie sind eine Art Schale, die wir entfernen müssen, wenn wir das wirkliche Denken finden wollen. Um das herum, was übrigbleibt, finden wir aber wieder eine Schale, die es zu entfernen gilt, und so weiter. Wenn wir auf diese wise fortschreiten, stoßen wir dann jemals auf das "wirkliche" Denken oder kommen wir schliesslich zu einer Schale, hinter der sich nichts mehr verbirgt? Im letzteren Fall ist das ganze Denken mechanisch.
bleiben wir in turings bild, so beschäftigt sich selbstbeobachtung mit bestimmten schalen der verstandes-zwiebel. es sind nicht notwendigerweise viele und es sind vielleicht auch nicht die innersten schalen, aber es sind doch offensichtlich solche, die anderen, behavioristisch geprägten methoden verborgen bleiben müssen. ein beispiel für momente unseres verstandes, die zu erkennen der selbstbeobachtung vorbehalten bleibt, ist der erwähnte psychische mechanismus in uns, der die außenwelt ständig nach ähnlichkeiten und regelmäßigkeiten absucht. aus solchen momenten kann man wie oswald wiener auch sehr radikale schlüsse ziehen:
"ich denke, es hat sinn, spekulationen über die natur der wirklichkeit, spekulationen über die natur des universums anzustellen. es scheint doch aber nahezuliegen und vernünftig, anzunehmen, daß wir vom universum nur jene aspekte verstehen, die wir in form von gestalten--und das ist in meine diktion: ich erlläre das wort gestalt eben mit hilfe von bildern aus der automatentheorie, eben in quasimathematischer form--daß solche gestalten, daß heißt eben maschinen, die die auswahl treffen, maschinen einer uns bekannten art sein müssen, damit wir diese aspekte verstehen können, naälich--das einfachste wort dafür sind turingmaschinen; und daß wir überhaupt keim aussagen darüber machen können vernünftigerweise, ob es im universum noch andere dinge als turingmaschinen gibt. denn die könnten wir nicht verstehen-- das ist eine meiner thesen--, weil wir nur das klar verstehen können, was wir in unser hirn in form einer lauffähigen turingmaschine bringen können. aber: das sagt natürlich über die wirklichkeit, über die wirklichkeit, wie sie wirklich ist, über die wirklichkeit an sich sagt dss überhaupt nichts. es kann sein, daß das universum nur aus turingmaschinen besteht. es kannn aber sein, daß das viel geheimnisvollere--ich meine, die turingmaschine ist an sich schon etwas sehr geheimnisvolles--, aber wir können noch ganz andere kräfte--ja man darf nicht sagen: regelmäßigkeiten, sondern etwas, das so ähnlich ist wie eine regelmäßkeit, aber eben eine regelmäßigkeit in einem anderen sinn; denn was wir eine regelmäßigkeit nennen, das ist eben eine turingmaschine."
so gesehen ist die welt ein ozean von amorphen zeichen, von denen uns die meisten verborgen bleiben. diejenigen, die wir erkennen können, sind genau diejenigen, die in unser bewußtsein treten. hier werden sie, zum beispiel als ähnlichkeit oder als regelmäßigkeit, zueinander in beziehung gesetzt, hier erhalten sie eine struktur. und jede strukture, die wir diesen zeichen verleihen, ist eben genau eine turingmaschine.
"wenn wir einen bach, ein wasser im bach anschauen, und das rauscht gegen einen stein, der im bach liegt, und da bäumt sich eine welle auf, und die bleibt oft für sekunden in ihrer äußeren gestalt ziemlich dieselbe. und wir können das als ein ding hypostasieren, diese welle. natürlich wissen wir--auch noch nicht allzu lange, ein paar hundert jahre erst höchstens--daß diese welle nicht in denselbem sinn ein ding ist wie diese moleküle, die eine bestimmte bewegung machen. aber das problem stellt sich uns gar nicht, weil unsere sinnesorgane eben zeitmäßig so konstruiert sind, daß sich, selbst wenn wir jedes einzelne molekül wahrnehmen könnten, wir doch nicht die moleküle sehen, sondern die silhouette, die da billionen von molekülen zusammen bilden. würden wir aber zuerst einmal: all diese moleküle mit freiem auge sehen können wie ein molekül, das da auf dem blatt papier liegt, und außerdem: so eine schnelle merkzeit haben--und merkzeit, das wort ist ziemlich gut gewählt, obwohl es diesen romantischen anklang der deutschen biologie an sich hat; merkzeit heißt nämlich nicht nur registrationszeit, zeit die nötig ist, um ein signal aufzunehmen, sondern auch den ganzen apparat des verstehens, der hinter dem sinnesorgan sitzt, oder teilweise im sinnesorgan eben schon sitzt, auch zu mobilisieren--hätten wir also so eine merkzeit, würden wir die welle nicht wahrnehmen. wir würden eben einzelne moleküle wahrnehmen, und eine maschine, die so mächtig wäre, die könnte dann wahrscheinlich nicht intelligent sein. ich habe immer wieder verrkürzend und, glaube ich, sehr allgemeinverständlich gesagt, daß intelligenz ein trick ist, um den mangel an kapazität auszugleichen. hätten wir genügend kapazität, so würden wir es nicht nötig haben, begriffe zu bilden. die tatsache, daß wir von einer welle sprechen, ist einerseits ein hinweis darauf, daß wir über ein mächtiges instrument verfügen in unsere fähigkeit zu kategorisieren; auf der anderen seite ist es aber das zeichen eines mangels, daß wir gezwungen sind es zu tun. und daß diese welle in wirklichkeit gar nicht funktioniert, das sagen uns ja heute schon die populären philosophen. daß, was eventuell funktioniert, die moleküle sind, und dann gibt es ja auch schon welche, die sagen--und mit einigem recht--, daß auch die moleküle nicht existieren. was wirklich zu existieren scheint in cartesianischer weise, ist der apparat, der diese dinge als klassifikationen schafft. und diese klassifikationen selber.